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Jung und Billig?

Seit 1999 werden Minijobs verstärkt auf dem Arbeitsmarkt etabliert. Was als relativ formlose Beschäftigung begann, ist längst zum festen Bestandteil der hiesigen Wirtschaft geworden. Die Prekarisierung läuft zu Gunsten der Betriebe und auf Kosten der ArbeitnehmerInnen, welche die geistigen und körperlichen Folgen zu tragen haben.

Dass sich die Menschen trotzdem in diese prekären Beschäftigungen einfühlen und an ihnen nichts ungewöhnliches mehr erkennen, mag zum einen daran liegen, dass gelegentliche 400-Euro-Jobs schon in der Schulzeit zur Gewohnheit werden. Vor allem fehlt es aber an gewerkschaftlichen Methoden, um gerade die jugendlichen MinijobberInnen zu organisieren und das Konfliktpotenzial der 400-Euro-Jobs offen zu legen.

Um einen Weg aus diesem organisatorischen Niemandsland zu finden, starteten die geringfügig Beschäftigten innerhalb der ASJ Berlin im Dezember 2011 die »Jung und Billig Kampagne«.

Schnell wurde absehbar, wie sehr sich die Probleme der Angestellten in Minijobs ähneln und dass es notwendig ist alternative Methoden zu entwickeln um diesen zu begegnen. Gerade mit einem kleinen Kreis von Organisierten keine einfache Aufgabe. Denn in Minijobs treten drei Probleme immer wieder auf, welche die Gewerkschaftsarbeit erschweren: Isolation, Unsicherheit und die Hoffnung, später in ein festes Arbeitsverhältnis gelangen zu können.

Interessanterweise ist gerade der Glaube an die Vergänglichkeit der geringfügigen Beschäftigung einer der stabilisierensten Faktoren für das Prinzip Prekarisierung. Jugendliche, die während ihrer Schulzeit arbeiten, haben in der Regel nur wenig Interesse daran sich Konflikten zu stellen. Es herrscht eine starke »Augen zu und durch« Mentalität. Verstöße gegen die eigenen Rechte werden nur selten verfolgt, da sich der Aufwand augenscheinlich nicht rechnet. Ein Umstand, der durch die wachsende Distanz zwischen den Angestellten unterfüttert wird und durch die Unsicherheit darüber was im Betrieb erlaubt ist und was nicht. Die Frage wie eine Organisation darauf reagieren kann, ist gerade in der Frühphase der »Jung und Billig Kampagne« nur ansatzweise zu klären. Jedoch wurden in der bisherigen Kampagnenarbeit bereits Ansätze geschaffen.

Dabei nimmt die rechtliche Aufklärung nach wie vor viel Raum ein. Letztlich gewinnen alle Angestellten im Betrieb mehr Selbstbewusstsein, wenn sie wissen, auf welcher Grundlage sie argumentieren können. Und auch dem Problem der Isolation lässt sich zumindest ansatzweise begegnen. Den Betroffenen kann schon dadurch geholfen sein, auf die Erfahrungen betriebsfremder MinijobberInnen zugreifen zu können. Schon kleinste Sammlungen von Erfahrungen und Daten können helfen die eigenen Probleme wiederzuerkennen und sie nicht als Einzelfall abzutun.

Diese Vorgehensweisen können schon Veränderungen bewirken und haben dies im Umfeld der »Jung und Billig Kampagne« auch getan.

Die Bereitschaft von Jugendlichen generell zu erhöhen, Maßnahmen gegen ihre Vorgesetzten zu ergreifen setzt längere Prozesse voraus. Vernetzung mit den KollegInnen und rechtliche Fortbildung sind hierbei sicher hilfreich. Allerdings sollten auch Taktiken jenseits des kollektiven Arbeitskampfes und des offenen Konflikts aufgegriffen und weiterentwickelt werden. Schließlich kann willkürliches Krankschreiben oder das extreme Ausweiten der Toilettenpausen der betroffenen Person fürs erste hilfreicher erscheinen, da sie fast keinen Aufwand bedeuten und trotzdem Wirkung erzielen. Der individuelle Ungehorsam kann dann als Sprungbrett dienen die Konflikte am Arbeitsplatz kollektiv anzugehen, wenn er den Wunsch weckt sich mit den KollegInnen zu vernetzen.

Wie bereits erwähnt, befindet sich die »Jung und Billig Kampagne« in einer sehr frühen Phase. Es ist kaum abzusehen wie und in welchem Zeitraum sich der Widerstand gegen die 400-Euro-Jobs noch entwickeln wird. Viele Konzepte sind noch nicht ausgereift, andere noch gar nicht entdeckt. Die Frage welche Methoden eine syndikalistische MinijobberInnen Bewegung noch entwickeln kann, wenn sich ihre Aktivität nicht auf reine Abwehrkämpfe beschränken soll, wollen wir trotzdem schon heute anstoßen.

Anfang 2012 gab die Bundesregierung bekannt, dass die Lohngrenze bei Minijobs auf 450 Euro erhöht werden soll. Gleichzeitig sollen MinijobberInnen das Recht erhalten, in die Rentenversicherung einzuzahlen. Was auf den ersten Blick erfreulich aussieht, bedeutet jedoch eine Festigung von Mini- und Midijobs auf dem Arbeitsmarkt. Der Kurs steht also fest. Festanstellungen werden abgebaut, das Prekariat ausgebaut.

Ein Grund mehr die Suche nach weiterführenden Konzepten im Bereich Minijob-Organisation schon heute zu starten. An dieser Stelle sollen zwei Ideen vorgestellt werden, wie künftige Vorgehensweisen funktionieren könnten.

Idee Nr.1 | Der Minijob-Mob

Eine Idee, die sich noch in relativ kleinem Rahmen umsetzen lässt, aber auch nur in speziellen Fällen anwendbar ist. Firmen suchen des öfteren gleich mehrere MinijobberInnen für sehr kurze Zeiträume (z.B. Blumen verpacken für den Valentinstag). Oftmals werden die Angestellten mit viel zu hohen Lohnversprechen gelockt, die am Ende nicht eingehalten werden. Ein Job von dem abzuraten ist, wenn nicht entsprechende Vorbereitungen getroffen werden. Denn solche Stellen eignen sich relativ gut um sich mit mehreren Bekannten und Freunden gleichzeitig einstellen zu lassen. Haben ersteinmal alle einen Fuß im Betrieb, ist es leicht durch Arbeitstempo und eigene Pausengestaltung den Arbeitsaufwand dem tatsächlich gezahlten Lohn anzupassen. Der Vorteil eines Minijob-Mob liegt darin, dass die Vernetzung mit den Kollegen schon vor dem Beginn der Arbeit passieren kann. Das eröffnet Möglichkeiten des kollektiven Widerstandes, die in einem Betrieb voller Fremder und einem Beschäftigungszeitraum von ca. einer Woche undenkbar wären. Der/Die ArbeitgeberIn wird im Anschluss überdenken müssen ob und zu welchen Konditionen MinijobberInnen in Zukunft angestellt werden sollen.

Idee Nr.2 | Die Arbeitsplatzkartei

Bei der Arbeitsplatzkartei geht es weniger um den offenen Konflikt als um indirekten Druck und Informationsaustausch. Die Idee ist es, Daten über alle Betriebe zu erheben in denen organisierte MinijobberInnen arbeiten. Wie sind die Arbeitsbedingungen? Wie ist der Lohn? Wie verhalten sich die Vorgesetzten? Unter diesen Aspekten wird dann eine Liste geführt an denen sich die MinijobberInnen orientieren können. So können die schlimmsten Betriebe einfach umgangen werden. Bzw. die MinijobberInnen können sich je nach finanzieller Not die besser oder schlechter bezahlten Jobs zuspielen. Der Druck auf die ArbeitgeberInnen ensteht durch die reine Existenz dieser Kartei, da sie je nach Einflussbereich einer Minijob-Organisation mehr oder weniger Bewerbungen auf ausgeschriebene Stellen zu erwarten haben.

Die Problematik bei diesen Konzepten ist, dass MinijobberInnen ohne größeren Organisationszusammenhang relativ schwach sind. Schließlich lassen sie sich wegen der kurzen Einarbeitungszeit fast beliebig ersetzen. Bevor die Prekarisierung also in größeren Schritten bekämpft werden kann, muss der Weg der »Jung und Billig Kampagne« zunächst über kleinere Konflikte und individuellen Widerstand gehen. Nur so kann der nötige Rückhalt und die Erfahrung gesammelt werden.
Dass das Konzept von »Jung und Billig« auch in weiteren ASJ-Ortsgruppen auf Interesse stößt und wahrscheinlich nicht mehr lange ein regionales Phänomen ist, zeigt aber, dass wichtige Prozesse für die MinijobberInnen Organisation bereits begonnen haben.

Mehr Infos:

Website der Kampagne »Jung und billig«?!


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Mops schrieb am 02.02.2015 zu
Emanzipatorische Kritik an antimuslimischem Rassismus und Islamismus?:

Vor vier Jahren geschrieben und aktueller denn je. Seit Niederlegung dieses Textes hat die islamistische wie auch die rassistische Welle ...