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Anarchosyndikalistische Gewerkschaftsstrategie

Anarchistische »Ultras« oder Kampf um alltägliche Verbesserungen?

Die Diskussion um die richtige Strategie einer anarchosyndikalistischen Gewerkschaft ist eine spannende Geschichte, denn wenn der Weg mit dem Ziel nicht mehr übereinstimmt, verliert eine Organisation ihre
sozialrevolutionäre Identität. Wer seine Entwicklung von Zufällen und aufgezwungenen Konflikten abhängig macht, der ist auf dem falschen Weg. Deshalb müssen wir die Geschichte unserer eigenen Organisation(en) selbst bestimmen. Dies ist ein kleiner Beitrag, der sich mit der Positionierung der FAU-IAA auseinandersetzt.

Die aktuelle gewerkschaftlich-politische Arbeit in unserer unterschiedlichen gesellschaftlichen Realität ist ein Spagat zwischen dem Ziel einer anarcho-kommunistischen Utopie wie sie Johann Most bereits vor 117 Jahren beschrieben hat und der bodenständigen anarcho-syndika­listischen Praxis eines Rudolf Rocker, der den »Kampf um das tägliche Brot« führte. Aus diesem Dilemma, das sicherlich in der Diskussion um die revolutionäre Betriebsarbeit seinen schärfsten Ausdruck findet, kommen wir nicht wirklich heraus, wenn wir nicht eine radikal-libertäre Sekte bleiben wollen. Wir können das Problem lösen indem wir radikal bleiben und keine Stellvertreter- oder Tages- und/oder Sozialpolitik betreiben.

Unsere Aufgabe ist die der Agitation, Schulung und Organisierung, der Aufbau eines gegenkulturellen und antikapitalistischen radikalen Gewerkschaftsmilieus. Wir müssen die täglichen Probleme der arbeitenden Menschen verstehen und auf eine Art und Weise Lösungen anbieten, die praktisch nachvollziehbar und radikale, antikapitalistische Alternativen jenseits der Sozialpartnerschaft sind. Für die zukünftige Gesellschaftsordnung können wir nur Vorschläge machen, aber es muß auch deutlich werden, wofür wir als FAU-IAA kämpfen – die freie Gesellschaft, den libertären Kommunismus auf der Basis eines vollständig basis-demokratischen Rätesystems auf betrieblich-industrieller sowie kommunal-regionaler Ebene.

Weil die individuellen politisch-ideologischen, beruflichen, betrieblichen, privat-familiären Situationen meist nicht deckungsgleich mit denen unserer KollegInnen sind, können und dürfen wir ihnen nicht opportunistisch hinterherlaufen. Ein Mindestmaß an Klassenbewußtsein ist die einzige Voraussetzung für eine aktive Teilnahme an einer anarchosyndikalistischen Gewerkschaft. Rein passive Mitgliedschaften sind etwas für MitläuferInnen, nichts aber für eine Selbstorganisation der Klasse, für eine militant-aktive Basis-Gewerkschaft.

Der Spagat zwischen Johann Most und Rudolf Rocker ist natürlich nicht einfach. Ist unser Ziel, unsere Utopie wohl auch der »libertäre Kommunismus«, so ist unter uns noch längst nicht geklärt, ob wir darunter bakunistischen Kollektivismus à la Spanische Revolution (entlohnte Arbeitszeit, Familienlohn) oder kropotkinschen Anarcho-Kommunismus (jedem nach seinen Fähigkeiten und jedem nach seinen Bedürfnissen) verstehen. Hier steht Zettelwirtschaft gegen die sofortige Umsetzung der sozialen Revolution ohne irgendwelche Übergangsgesellschafts­modelle. So wie es Unsinn ist, den Kampf um alltägliche Verbesserungen innerhalb des kapitalistischen Systems als »konterrevolutionär« oder »Reformismus« abzutun. Wir fordern keine Verstaatlichung der Schlüsselindustrien, weil wir – wenn überhaupt – für die vollständige Vergesellschaftung der gesamten Produktion sind. Andererseits lehnen wir eine Arbeitszeitverkürzung – bei vollem Lohnausgleich, versteht sich – eben nicht ab, weil gerade diese Kämpfe und Auseinandersetzungen mit dem Klassenfeind die Sinne der Klasse und der betroffenen Kolleginnen und Kollegen schärfen hilft. Anarchosyndikalistische Gewerkschaften müssen die Schule für den libertären Kommunismus, die freie Gesellschaft sein. Deshalb war Johann Mosts Ablehnung des Kampfes um den 8-Stunden-Tag als »systemerhaltende Kosmetik« ein Fehler; seine grundlegende Analyse bleibt aber richtig. Wir kommen nicht weiter, wenn wir revolutionäre Forderungen pauschal als »utopisch« oder »ultra-radikal« verwerfen und Tageskämpfe als »reformistisch« verteufeln, es muß uns immer um die Frage gehen, bringt uns diese Forderung weiter im Kampf gegen den Kapitalismus:

»Gewiß kann durch Lohnkämpfe die soziale Frage nicht gelöst werden, aber sie sind der beste Anschauungsunterricht, um die Arbeiter mit dem Wesen der sozialen Frage und dem Problem ihrer Befreiung aus wirtschaftlicher und sozialer Sklaverei bekannt zu machen, und für den Endkampf heranzubilden.«
(Rudolf Rocker »Der Kampf ums tägliche Brot«, Berlin 1925)

Auch die politische Einschätzung, die Johann Most, ehemals Reichstagsabgeordneter der SPD vor Bismarcks Sozialistengesetz der Kaiserzeit, in der New Yorker Freiheit beschrieb, ist heute weiterhin gültig:

»Im Großen und Ganzen hat es einfach die herrschende Klasse nicht im Geringsten nötig, den seitens der Arbeiter an sie gestellten Forderungen, und wenn dieselben auch noch so bescheiden sind, Gehör zu schenken; und man weiß ja gut genug, wohin in neuerer Zeit fast alle Lohn- und Zeitkämpfe der Arbeiter führen – zu ›freiwilliger‹ Hungerleiderei, zu ›schwarzen Listen‹ und Niederlagen und Enttäuschungen der empfindlichsten Art.

Wenn Arbeiter ohne alle und jede politische oder soziale Vorbildung oder stockkonservative Gewerkschaftler das erst ausfinden, nachdem sie durch irgendwelche verunglückten Versuche, mit bloßen Schädeln die eisengepanzerten Wälle des Kapitalismus einzurennen, so ist es schon traurig genug; wenn aber ›wissenschaftliche‹ Sozialisten tun, als wären sie nicht um das Geringste gescheiter als diese menschlichen Dickhäuter, so wird man etwas mißgestimmt.«
(Johann Most »Unsere Stellung in der Arbeiterbewegung«, New York 1890)

Sodann sprach Most von der Zornesröte auf seinen Wangen, wenn er Sozialisten träfe, die den dumpfen Massen unter »Trommler- und Pfeiferdienste(n) eine reformistische Fata Morgana vorgaukeln«, diese Typen würden die Arbeiterbewegung nur mißbrauchen, um »Ämter zu ergattern« und »frivole Korruptionsbrüder und schuftige Politikanten« zu
werden.

Dem muß nichts hinzugefügt werden, diese Dinge haben sich nicht geändert. Deshalb dürfen wir dem Widerspruch zwischen reformistischen Tageskämpfen und dem libertär-kommunistischen Ziel nicht leugnen, wir müssen diese Diskrepanz »tolerieren« (im Sinne von erdulden), wenn wir nicht als sozialrevolutionäre Gewerkschaft versagen wollen.

»Hier, in der Frage der Organisation, offenbart sich das Dilemma der Radikalen: Um gesellschaftliche Veränderungen zu bewerkstelligen, müssen Aktionen organisiert werden; organisierte Aktionen nehmen immer auch Züge dessen an, wogegen sie sich richten. Es scheint, als könne man nur das Falsche oder, aus Angst vor dem Falschen, gar nichts tun. Das politische Bewußtsein des Radikalen ist ein unglückliches Bewußtsein; sich seines Utopismus bewußt, erfährt es nicht als Fehlschläge.«
(Paul Mattick »Spontanität und Organisation, Vier Versuche über praktische und theoretische Probleme der Arbeiterbewegung«) [ Isegrim Z. ]


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Aus den Kommentaren...

Mann der Praxis schrieb am 11.01.2014 zu
Leiharbeit abschaffen!:

Man kann "Verbrecher" nur zustimmen. Sicherlich ist es wichtig eine Perspektive zu entwickeln, die Ausbeutung überwindet, aber dies hilft den ...