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Zeitsplitter… oder wie ich die Zeit lernte

Wenn die beiden Zeiger der Uhr an der Straßenecke eine senkrechte Linie bildeten, musste ich zuhause sein. Der große Zeiger war immer schneller als ich. Ich stehe blinzelnd und frierend im Bad, warum war es drinnen so hell und draußen so dunkel? Leere Flure in der Schule, der Geruch nach Bohnerwachs, gedämpfte Stimmen, schon wieder zu spät. Nie gewann ich den Wettlauf mit dem großen Zeiger. Pünktlich ist fünf Minuten zu früh. Fünf wertvolle Minuten, besser in der Sonne verbracht.

Schon wieder ein roter Druck auf der Stempelkarte, für sechs Minuten wird eine Viertelstunde vom Gehalt abgezogen. Am Ausdruck des Zeiterfassungssystems könne ich genau meine Minusminuten sehen. Es endet erst mit der Gleitzeit. Doch auch sie hat ein Minusstundenkonto, wieder Gehaltsabzüge.

Zeit vergeht langsam, Zeit vergeht schnell. Ich lerne die schöne Zeit in meinem Gedächtnis zu bewahren, ich bewahre ihren Geschmack, ihren Geruch, die Wärme. Ich lerne die schlechte Zeit zu vergessen. Es dauert Jahre bis ich auch ihren Geschmack, ihren Geruch, die Kälte vergessen kann. Manchmal gelingt es nie. Ich lerne die kleinen Fluchten, den Gang zur Toilette, den Schlaf hinter einer Palette.

Ich lerne acht Stunden mein Gehirn ausschalten, das hilft beim Vergessen der Zeit.

»Eine Sekunde ist eine Sekunde ist eine Sekunde, eine Minute ist eine Minute ist eine Minute. Für die Uhr ist eine Stunde immer gleich, unabhängig davon, ob wir leben oder sterben, ob wir in der Schule sitzen oder Liebe machen. Der Uhr sind unsere Leidenschaften, unsere Intensitäten und Langeweile, die Rhythmen unseres Lebens und Tuns vollkommen gleichgültig. Die Uhrzeit konnte nur in einer Gesellschaft beherrschend werden, in der das Tun selbst vom Tun abstrahiert, in der das Tun selbst gleichgültig gegenüber seinen eigenen Inhalten wird: Teil der Verwandlung des Tuns in Arbeit.?« John Holloway in »Blauer Montag«.

Arbeit wird in Zeit gemessen, Zeit über die wir nicht selbst bestimmen, Zeit die unser Tun von unserem Willen entkoppelt. Zeit die uns aussaugt. Unser Tag ist durchdrungen von Zeit. Arbeitszeit, Freizeit, Reproduktionszeit, Qualitätszeit, Zeitmanagement. Unser Leben ist ein Kampf um Zeit, nie schaffen wir es, der große Zeiger ist immer schneller. Die Geschichte der Uhr ist die Geschichte unserer
Zurichtung. Unser Kampf gegen die Uhrzeit ist unser Kampf um die Freiheit.


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Aus den Kommentaren...

Rudolf Mühland schrieb am 24.01.2014 zu
Detroit: Von der Motown zum Urban Farming:

Urban Farming ist sicher keine "Alternative" - aber ebenso sicher ist es eine offensichtliche Notwendigkeit! Und es ist nichts neues. Schau dir doch ...