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Streiks bei Gate Gourmet 2005/2006

Im September 2001 musste die schweizer Fluglinie Swissair Konkurs anmelden. Der Rückgang der Fluggäste nach dem 11.9. hatte viele Airlines in die Krise gebracht und diente zugleich zur beschleunigten Umstrukturierung und Kapitalkonzentration. Aus der Konkursmasse wurde das Tochterunternehmen Gate Gourmet an den Finanzinvestor Texas Pacific Group verkauft, der darauf setzte, dass mit der Erholung der Luftpassagierzahlen auch das Catering wieder anziehen würde. Es kam aber anders. Die Airlines nutzten die Krise und die Ausbreitung des Billigfliegens zu weiteren Kostensenkungen, gerade bei der Austeilung von Mahlzeiten in der Luft. Verschärfter Druck auf die ArbeiterInnen wurde damit die Hauptstrategie von Gate Gourmet, um weiter Profite ausweisen zu können. 2005 war die Zahl der Beschäftigten von 29000 auf 22000 zurückgegangen, mit der Drohung von Entlassungen wurden den ArbeiterInnen überall auf der Welt weitere Zugeständnisse abgepresst. Aber 2005/2006 entlud sich der Druck in zwei bemerkenswerten Streikbewegungen – an den Flughäfen LondonHeathrow und Düsseldorf. Gewonnen haben die ArbeiterInnen in beiden Fällen nicht, aber sie konnten ein Gespür von Arbeitermacht vermitteln, und die Firma kam ihr »Sieg« so teuer, dass sie durch diese Kämpfe noch weiter in die Krise geriet.

LondonHeathrow: Arbeitermacht am Flughafen

Am 11. und 12. August 2005, mitten in der Urlaubssaison ging am Flughafen Heathrow nichts mehr. Urplötzlich hatte das Bodenpersonal von British Airways die Brocken hingeschmissen und wie in den beiden Sommern zuvor gezeigt, wie groß die Arbeitermacht der riesigen Arbeiterkonzentration an Flughäfen wie Heathrow ist. Nach Beendigung des eineinhalbtägigen Streiks dauerte es noch über eine Woche, bis sich der internationale Flugverkehr wieder eingespielt hatte. Auslöser dieses Streiks war diesmal nicht die Wut auf den eigenen Boss, die BA, sondern die brachiale Strategie der Gate Gourmet alias Texas Pacific Group, mit der sie den bemerkenswerten Widerstand ihrer ArbeiterInnen brechen wollten.

Am Morgen des 10. August hatte die Firma etwa 150, meist polnische,  Leiharbeiter zu ihrer Filiale HeathrowSouth mit knapp tausend Beschäftigten gebracht, um sie dort einzusetzen. Die ArbeiterInnen betrachteten das als eine Provokation und versammelten sich in der Kantine, um das Management zur Rede zu stellen. Denn diese Aktion stand am Ende einer langen Auseinandersetzung. Um aus den roten Zahlen herauszukommen verhandelte die Firma seit einem halben Jahr mit der Gewerkschaft TGWU über einen Sanierungsplan. Die Gewerkschaftsbosse signalisierten ihre Zustimmung zu den darin enthaltenen Kürzungen und Verschärfungen der Arbeitsbedingungen – aber als sich das Abkommen im Mai und dann noch einmal im Juni zur Abstimmung stellten, sprachen sich über neunzig Prozent gegen die Änderungen aus. Etwa zu dieser Zeit müssen die Vorbereitungen auf den Coup im August begonnen haben: der Boss von Gate Gourmet gründete eine eigene Leihfirma, LKWFahrer wurden vorsorglich der Sicherheitsüberprüfung unterzogen, für den 10. August wurden über fünfzig SecurityKräfte angeheuert und die Airlines vorgewarnt. Als die ArbeiterInnen der Frühschicht nicht die Arbeit aufnahmen, wurden sie in der Kantine eingesperrt und über 800 wurden fristlos entlassen und ausgesperrt. Die Mehrheit der ArbeiterInnen stammt aus Indien oder Pakistan und wohnt in den umliegenden indisch geprägten Stadtteilen wie Southall oder Hounslow – innerhalb weniger Stunden machte die Nachricht die Runde und brachte das Bodenpersonal der BA auf die Beine. Leider zu kurz, denn die TGWU rief sie schnell wieder an die Arbeit zurück, bevor Gate Gourmet die Entlassungen zurückgenommen hatte. Ohne den Druck des stillgelegten Flughafens handelte die Gewerkschaft dann ein »Kompromissabkommen« aus, das den Ausgesperrten nur die Wahl zwischen Rückkehr in den Betrieb zu den verschlechterten Bedingungen und Abfindung ließ – und 144 »troublemakers« sollten auf keinen Fall zurückkommen, auch dem stimmte die Gewerkschaft zu. Einige Hundert protestierten mit Demonstrationen gegen dieses Abkommen, und im November 2006 kämpfen etwa hundert von ihnen vor dem Arbeitsgericht für ihre Wiedereinstellung.

Sechs Monate Streik am Flughafen Düsseldorf: Ein Hauch von Utopie

Anders als in Heathrow hatten sich die ArbeiterInnen bei Gate Gourmet am Flughafen Düsseldorf bereits einiges gefallen lassen. Als die Firma nach der Übernahme durch Texas Pacific in die »Krise« geriet, stimmte die Gewerkschaft einem befristeten Sanierungsvertrag zu. Auch als McKinsey ins Haus geholt wurde, um die Arbeitsabläufe zu verdichten, spielten die meisten noch mit. Aber der Druck wurde immer unerträglicher. Während die Firma 2004/2005 wieder schwarze Zahlen schrieb, entwickelte sich untergründig ein neuer Widerstand. Als erstes wurde im Sommer der alte Betriebsratsvorsitzende, der mit der Geschäfts­leitung Händchen gehalten hatte, im Betriebsrat mit einer knappen Mehrheit abgewählt. Als dann die Gewerkschaft NGG im August die turnusmäßigen Tarifverhandlungen für gescheitert erklärte und zur Urabstimmung rief, stimmten völlig überraschend über 90 Prozent für Streik – selbst die neuen, kämpferisch eingestellten Betriebsräte hatten damit nicht gerechnet.

Was zunächst wie ein ganz normaler Streik in den Bahnen bundesdeutscher Tarifrituale aussah, entwickelte sich damit zu einem hartnäckigen Ringen um etwas so Grundsätzliches, das die ArbeiterInnen in dem Wort »Menschenwürde« zusammenfassten. Am 7. Oktober, morgens um vier, startete der Streik – formal für eine moderate Lohnerhöhung von 4,5 Prozent. Aber zum einen konterte die Firma sofort mit drastischen Gegenforderungen: Verzicht auf Urlaub, Verlängerung der Arbeitszeit, Kürzung von Zuschlägen. Zum anderen speiste sich die Entschlossenheit der Streikenden nicht aus der Hoffnung auf ein paar Prozente, sondern aus der Wut über die Verhältnisse. »Ach die Lohnforderungen…  wir brauchten halt irgendeinen Anlass, um streiken zu können«, kommentierte ein Arbeiter am Streikposten.

Schon nach wenigen Tagen wurde klar, dass die Firma den Streik mit allen Mitteln ins Leere laufen lassen wollte. LKWFahrer von anderen Standorten und massenhaft eingestellte LeiharbeiterInnen hielten den Betrieb aufrecht, der Hauptkunde LTU half aus, wo es ging. So kam Gate Gourmet über die zwei Wochen Herbstferien und danach kam ihr der schwache Flugbetrieb zugute. Die Gewerkschaft reagierte zunehmend ratlos. Die Streikenden entwickelten aber eine beachtliche Selbstständigkeit. In den ersten Tagen versuchten sie auf eigene Faust immer wieder, ausfahrende LKW zu blockieren, am 18.11. kam es zu einem erhitzten Getümmel, als ein Streikbrecher versuchte, durch eine Blockade von etwa dreißig Streikenden hindurchzufahren. Nach dieser bescheidenen Eskalation zog die Gewerkschaft den Schwanz ein und mahnte ihre Mitglieder zur Zurückhaltung. Nicht nur aus legalistischen Gründen, sondern weil sie diese Kuh nur noch irgendwie vom Eis kriegen wollte.

Aufgrund der Selbstständigkeit und Entschlossenheit bei den Streikenden entwickelte sich in der Folge aber eine Zusammenarbeit zwischen ihnen und einer Szene von UnterstützerInnen aus allen möglichen sozialen und politischen Zusammenhängen. Während die Streikenden ihre Gewerkschaft intern und taktisch geschickt unter Druck setzten, den Streik über sechs Monate hin fortzuführen, konnten die UnterstützerInnen einige wirksame Blockaden organisieren. Der GateGourmetStreik wurde so auch zu einem Experiment, wie ArbeiterInnen und soziale Bewegungen in zukünftigen Streiks zusammenwirken können, um dem globalen Kapital die Macht der direkten Aktion entgegenzusetzen.

Gewonnen haben sie dadurch nicht, statt 4,5 Prozent mehr Lohn mussten sie sieben Prozent Einsparung der Personalkosten vereinbaren – aber mit ihrer Hartnäckigkeit, auch gegenüber der eigenen Gewerkschaft, haben sie ein paar Perspektiven für autonome Arbeiterkämpfe in den nächsten Jahren aufgezeigt.

Im November 2006 wird ein Band mit Streikberichten, Hintergrundanalysen, Interviews mit ArbeiterInnen und UnterstützerInnen zu diesem Streik erschienen sein.

Zum Weiterlesen:

 


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Aus den Kommentaren...

datennomade schrieb am 11.01.2014 zu
Leiharbeit abschaffen!:

@just my 2 cents: Wohl wahr, aber Ausbeutung bleibt immer Ausbeutung!!! Ob mensch nun Leiharbeiter_in ist oder als Festangestellte_r heutzutage ...