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Gabriel Kuhn

Die sozialen Werte des Fußballsports

2 Kommentare

Dieser Text ist eine verkürzte und vom Autoren ins Deutsche übersetzte Version des Abschlusskapitels von
Soccer vs. the State: Tackling Football and Radical Politics (PM Press, 2011).

„Als Ausdruck eines Bedürfnisses zu kommunizieren und sich auszutauschen, ist Fußball eine der größten Erfindungen der Menschheit.“ Dieser kühne Satz zierte bis vor einigen Jahren die mittlerweile offline gegangene linke Fußballwebsite soccernova.com. Ähnlich gewagt ist die Behauptung, die Carlos Fernández in seiner ambitionierten anarchistischen Ode an den Fußball, „Pitched Battles: Football and Anarchism“, aufstellte, nämlich dass „die Verbindung von Fußball und Anarchismus ein natürlicher, symbiotischer Vorgang“ sei.

Fußball ist ein komplexes Phänomen, das genauso viele problematische Dimensionen hat wie befreiende – doch letztere gibt es, und gerade für linke Fußballfans ist es wichtig, sie ausfindig zu machen. Während Fußball an sich nicht revolutionär ist, gibt es keinen Grund, ihn nicht Teil der Revolution sein zu lassen. Fußball auf ein Opium des Volkes, ein kapitalistisches Shangri-La oder einen reaktionären Nährboden für Nationalismus zu reduzieren, ist kurzsichtig. Der Fußballsport beinhaltet Werte, die uns helfen können, auf Basisdemokratie, Solidarität und Lebensfreude aufbauende Gemeinschaftsformen zu entwickeln.

Fußball ist ein klassischer Teamsport. Zwar gibt es Teamwettbewerbe in der Leichtathletik, im Skifahren, im Bogenschießen und in allen möglichen anderen Sportarten, doch die meisten von diesen ergeben sich aus einer Summe individueller Leistungen. Im Fußball – wie in anderen klassischen Teamsportarten: Basketball, Volleyball, Eishockey usw. – gibt es keine individuelle Leistung, die von der Leistung des Teams trennbar ist. Selbst ein langes Dribbling hängt von der Fähigkeit der Mitspieler*innen ab, Verteidiger*innen zu binden, Räume zu öffnen usw. Es überrascht daher nicht, wenn die Leistungen einzelner Fußballer*innen von Team zu Team variieren: manche spielen in ihren Klubs ausgezeichnet, enttäuschen aber in der Nationalauswahl, andere werden um vieles besser, wenn sie ihren Verein wechseln usw. Gleichzeitig hängt der Erfolg eines Teams immer auch von den individuellen Fähigkeiten und der Kreativität ihrer Einzelspieler*innen ab.

Unter den bestmöglichen Bedingungen eignet sich der Fußball ausgezeichnet dazu, die Wichtigkeit der Verbindung individueller Freiheit und sozialer Verantwortlichkeit zu begreifen – und mit ihr zu experimentieren. Genau wie im täglichen Leben funktioniert das Miteinander am besten, wenn es gelingt, jeweils unterschiedliche Talente und Vorlieben zu vereinen. Elf Maradonas hätten nie eine Weltmeisterschaft gewinnen können. Damit ein Maradona zu glänzen vermag, müssen andere die Arbeit verrichten, die er nicht verrichten kann: eine solide Abwehr bilden, verloren geglaubte Bälle erlaufen, im nassen Gras herumrutschen, Kopfbälle gewinnen (ohne die „Hand Gottes“) und ähnliches mehr. Die Geschichte des Fußballs kennt zahlreiche Spiele, in denen einige „Unbekannte“ Starensembles besiegten, weil sie schlicht und einfach das bessere Team formten. Kurz, Fußball demonstriert, wie sich individuelle Eigenschaften auf die nützlichste Weise für das Wohl des Kollektivs verbinden lassen.

Auf dieser Basis haben Menschen immer wieder die positive Rolle betont, die Fußball für sozialistische Politik spielen kann. Vor dem Eröffnungsmatch der Herren-Fußball-WM 2010 in Südafrika erklärte Castro Ngobese von der südafrikanischen Metallarbeitergewerkschaft NUMSA: „Das Eröffnungsspiel soll als Alternative zum barbarischen, unmoralischen und ausbeuterischen kapitalistischen System gesehen werden, da Fußball von Natur aus Kollektivität und Zusammenarbeit fördert, das heißt, entscheidende Elemente des Sozialismus.“

Im Idealfall erstreckt sich dieser Sinn für Kollektivität und Zusammenarbeit über das Team hinaus. Zunächst sollte er die gegnerischen Spieler*innen mit einschließen. Der Begriff der „Sportlichkeit“ mag in der Geschichte oft missbraucht worden sein, doch die in ihm enthaltenen Werte von gegenseitigem Respekt, Rücksichtnahme und Bescheidenheit sind für alle linken Projekte von Bedeutung. Es gibt keinen Grund, „Gegner*innen“ in einem Fußballspiel nicht auch als „Genoss*innen“ zu betrachten und ihnen entsprechend zu begegnen. Daraus lässt sich viel lernen, nicht zuletzt die Priorisierung gemeinsamer Werte über eine temporäre Auseinandersetzung. Gelänge das auch innerhalb der Linken, wären unsere Bewegungen um vieles stärker.

Die Kollektivität des Fußballs sollte darüber hinaus auch die Fans einschließen. Ursprünglich waren Fußballvereine stark mit ihrem sozialen und geographischen Umfeld verbunden. Der englische Begriff des supporter ließ sich buchstäblich fassen: die Fans kamen zum Training, sprachen mit den Spieler*innen, stärkten ihr Selbstvertrauen, feuerten sie an, fuhren mit zu Auswärtsspielen usw. Fußballkultur war partizipatorisch und nicht auf die elf Männer (seltener Frauen) auf dem Spielfeld reduziert. Die gängige Beschreibung des Publikums als „zwölfter Mann“ ist in dieser Hinsicht vielsagend. Leider hat sich in Zeiten zunehmend konsumorientierter Fankultur vieles geändert. Nähere Beziehungen zwischen Spieler*innen und Fans sind im Grunde eine Sache der Vergangenheit. Es ist mit Berechtigung festgestellt worden, dass viele heutige Fußballfans sich mit ihrem Klub auf dieselbe Weise identifizieren wie mit ihren Nike-Turnschuhen. Auch die „Unterstützung“ sieht ähnlich aus: sie funktioniert über das Kaufen, in diesem Fall von überteuerten Tickets, Fanartikeln und Pay-TVPaketen.

Wo der Fußball Menschen immer noch in sehr konkreter Weise zusammenbringt, ist bei großen internationalen Turnieren. Während sich die Medien meist auf die mikroskopischen Minderheiten prügelnder Jungs konzentrieren, reist der absolut größte Teil der Fans zu solchen Turnieren mit Offenheit, Neugierde und der Freude auf den Austausch mit anderen Fans – so sitzen dann Menschen, deren Wege sich ohne Fußball niemals gekreuzt hätten, zusammen, diskutieren, erzählen, trinken, essen und schließen Freundschaften. Fußballfans haben in diesem Sinne viel mehr dazu beigetragen, Grenzen zu öffnen und Vorurteile abzubauen, als es uns die Boulevardzeitungen genauso wie voreingenommene linke Fußballkritiker*innen weismachen wollen.

Wie Lachen und Musik ist Fußball eine universelle Sprache. Alle reisenden Hobbyfußballer*innen haben Geschichten von spontanen Spielen im Park, auf der Straße oder am Strand zu erzählen, in denen sie Menschen im Nullkommanix nahe kommen, die sie noch nie zuvor getroffen haben, deren Sprache sie nicht verstehen und deren soziale Hintergründe sie nicht teilen. Nichts davon steht jedoch dem gemeinsamen Erlebnis im Wege. Ähnlich verhält es sich mit dem Fußball als globalem Referenzpunkt. Zum englischen Torwartproblem können alle eine Meinung haben, ob sie nun in Kuala Lumpur, Kapstadt oder Santiago de Chile leben, und ihre Meinung zählt gleich viel, ungeachtet ihrer Ausbildung, ihrer Arbeit oder ihres sozialen Status. Fußball ist der ultimative „Eisbrecher“.

Und schließlich gibt es da noch den Lustfaktor als wesentlichen Teil der Fußballerfahrung, für die Spielenden genauso wie für die Fans. Dieser Faktor mag trivial erscheinen, aber als „unpolitisch“ abzutun ist er nicht. Wenn Emma Goldman in ihrer Revolution tanzen will, sollten andere auch den Ball ins Kreuzeck zirkeln dürfen. Wie meinte Toni Negri in einem Interview mit der Libération? „Die Revolution finde ich großartig – und den Fußball auch.“


Kommentare

Antifußballer schrieb am 03.05.2014 um 10:39 Uhr

Man könnte mit den intellektuellen Verrenkungen, die "Linke" immer meinen unternehmen zu müssen, um ihre vollkommen profane und irrelevante Leidenschaft für irgendwelche Sportarten zu rechtfertigen, mittlerweile ganze Bücherregale füllen. Gähn...

Meine Lieblingssportarten sind übrigens Formel 1, Boxen und Stierkampf - so what?

Jedermann sein eigener Fußball schrieb am 14.10.2014 um 10:11 Uhr

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Aus den Kommentaren...

J. schrieb am 15.12.2013 zu
Arbeitskampf bei Krupp in Rheinhausen:

Auch wenn man von Bruckchen aus guten Gründen wenig hält, sowas hier ist denunziatorisch: "Betriebsratschef Bruckschen ging für die SPD in den ...