Syndikal LogoTaschenkalender für das Ende der Lohnarbeit

Das Jahr

ist mehr als

249 Arbeitstage!*

In unserem Archiv findest du die Beiträge
aller bisherigen Jahrgänge
des Taschenkalenders »SyndiKal«

 
Der erste Weltkrieg und das Versagen der Arbeiterbewegung

1914

In diesem Jahr gilt es einem schicksalsträchtigen Ereignis zu gedenken, dessen Auswirkungen auf den Verlauf der Weltgeschichte kaum hoch genug einzuschätzen sind. Im August 1914 wurde der Erste Weltkrieg vom Zaune gebrochen, der mit seinen riesigen Menschenopfern in gigantischen Materialschlachten bis dato ein ungeahntes Maß an Gewaltausübung und Verrohung menschlicher Sitten hervorrief, das fortan die Menschheitsgeschichte begleiten sollte und später in der Vernichtungsmaschinerie in Auschwitz seinen Höhepunkt fand.

Erste Anzeichen dafür gab es schon vorher. Das noch junge Jahrhundert war von Anfang an von kriegerischen Auseinandersetzungen in und um die Kolonien und zunehmenden Rivalitäten zwischen den imperialistischen Mächten geprägt. Als Beispiele seien hier der Krieg zwischen Spanien und den USA (1898), der Burenkrieg in Südafrika (1899-1902), die Intervention der imperialistischen Mächte zur Niederschlagung des Boxeraufstandes in China (1900), der russischjapanische Krieg (1904/05) und die Kriege auf dem Balkan (1912/13) genannt. Zeitgenössischen Beobachtern war im Grunde klar, dass die Welt unweigerlich auf eine große militärische Auseinandersetzung zusteuerte.

Ebenso klar war, dass ein moderner Krieg zwischen den hochgerüsteten imperialistischen Mächten eine neue Qualität haben würde und ohne die Unterstützung der Arbeitermassen nicht mehr zu führen war. Und hier lag der Hund begraben: der rasante Aufstieg der Arbeiterorganisationen (Gewerkschaften wie Parteien) seit Ende des 19. Jahrhunderts hatte diese zu einer nicht mehr zu übergehenden Macht in den wichtigsten kapitalistischen Staaten werden lassen. Den fortschrittlicheren Kreisen der Bourgeoisie war klar geworden, dass das übliche Mittel der Repression gegen die Kämpfe der ArbeiterInnen immer untauglicher wurde. Zwar setzten die nach wie vor einflussreichen reaktionären Kreise der herrschenden Klasse weiterhin auf die militärische Niederschlagung von Aufständen und Massenstreikbewegungen – ohne diese aber längerfristig aufhalten zu können. Unternehmerschaft wie führende politische Repräsentanten setzten hingegen auf Verhandlungen mit den Funktionären der organisierten Arbeiterbewegung, weil sie – durchaus nicht zu Unrecht – hofften, diese durch materielles und politisches Entgegenkommen gefügiger zu machen. Dieser Prozess hatte in Deutschland schon vor dem Ende des Sozialistengesetzes (der letzten großen Repressionszeit gegen die Arbeiterbewegung 1878-90) eingesetzt, als Bismarck die ersten Anfänge eines Sozialversicherungssystems für die wachsende Arbeiterschaft auf den Weg brachte. Um die Jahrhundertwende wurden erstmals Tarifverträge zwischen Gewerkschaften und Unternehmern abgeschlossen und schließlich wurde zumindest ansatzweise auf politische Forderungen der Sozialdemokratie eingegangen um deren Zustimmung zu wichtigen Gesetzesvorlagen im Reichstag oder den Landesparlamenten zu erlangen – schließlich war die Sozialdemokratie am Vorabend des Ersten Weltkrieges zur stärksten politischen Partei Deutschlands geworden.

Auf der anderen Seite wussten führende Vertreter der Arbeiterparteien die weitverbreitete Furcht der besitzenden Klasse vor einer Revolte der Arbeiter zu nutzen, um Zugeständnisse zu erlangen. Diese Furcht war nicht unbegründet, gab es doch zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen deutlichen Aufschwung von Streiks und Arbeiteraufständen. Die Waffe des Massenstreiks wurde von den kämpfenden ArbeiterInnen entdeckt und die Idee des Generalstreiks eroberte vielerorts die Herzen der Kämpfenden. Zwar wurde der Generalstreik als Waffe im Kampf gegen die Unternehmerschaft bereits im frühen 19. Jahrhundert eingesetzt, forciert angewendet – und diskutiert – wurde sie aber erst nach der Jahrhundertwende 1900.

In sozialdemokratischen Parteien und Gewerkschaften fand eine Massenstreikdebatte statt, in der sich die Spaltung in einen reformistischen und einen revolutionären Flügel bereits andeutete. In vielen der fortgeschrittensten kapitalistischen Länder fasste eine neue Strömung der Arbeiterbewegung Fuß, die den Generalstreik als das Mittel der sozialen Revolution propagierte: der Syndikalismus. In Frankreich (CGT), den USA und anderen englischsprachigen Ländern (IWW) sowie in Großbritannien selbst, in Spanien (CNT), Italien (USI) und anderswo verfügten syndikalistische Gewerkschaften bald über eine solide Massenbasis.

Es entzündeten sich Wellen von Massenstreiks, die vielerorts in Barrikadenaufständen mündeten (Russland 1905-07, Unruhen in Berlin-Moabit 1910, Österreich 1911, Barrikadenkämpfe in Liverpool 1911, die „rote Woche“ in Italien 1914, ff.). Anders als heute waren Generalstreiks damals in der Regel von gewaltsamen Auseinandersetzungen mit der Polizei und/oder dem Militär begleitet und bedeuteten für die Streikenden und ihre Familien infolge fehlender Ersparnisse und regulärer Streikunterstützungen ein hohes Maß an Entbehrungen. Zunehmend zeigte sich, dass die Arbeitermassen auch ohne und mitunter auch gegen die etablierten Gewerkschaften kämpften. Der Kampfeswille der bürokratisierten sozialdemokratischen („freien“) Gewerkschaften hatte deutlich nachgelassen, der Funktionärsapparat mit einer wachsenden Schicht bezahlter „Gewerkschaftsbeamter“ war mehr am Erhalt der Organisation als an – die Organisation gefährdenden – Kämpfen interessiert. Zeitgenössische Beobachter sahen in einigen europäischen Ländern die Revolution unmittelbar vor der Tür stehen – insbesondere für den Fall eines Kriegsausbruches wurde mit einer Welle von Revolten gerechnet. Zusätzlich trieben revolutionäre Unruhen in den Kolonien und peripheren Ländern den Herrschenden Sorgenfalten ins Gesicht: die Revolutionen in Persien (1905-11), Mexiko (1911-17), China (1911-13), die anwachsenden antikolonialen Kämpfe in Irland und Indien, Barrikadenkämpfe und Massenstreiks in Südafrika (1913/14).

All diese Entwicklungen raubten den Herrschenden den Schlaf und veranlassten sie zunehmend, einerseits die Eliten der Arbeiterorganisationen durch Verhandlungen und parlamentarische Ränkespiele in das nationalstaatliche System einzubinden, andererseits in einem Krieg einen Ausweg aus dem innenpolitischen Desaster zu suchen. Hauptsorge der Herrschenden dabei war, dass Antikriegsaktionen seitens der Arbeiterschaft vermieden bzw. unterbunden werden können. In Deutschland z.B. betrieb der damalige Reichskanzler Bethmann- Hollweg eine wirkungsvolle Politik hinter den Kulissen. Einerseits hinderte er reaktionäre Kreise daran, die Arbeiterorganisationen bei Kriegsausbruch zu unterdrücken, andererseits knüpfte er geschickt am weitverbreiteten Hass der Sozialdemokratie auf das zaristische Russland an, in dem er den Kriegseintritt Deutschlands als Verteidigung gegen einen russischen Angriff darzustellen wusste. Mittels mehrerer Geheimtreffen mit Führern der dt. Sozialdemokratie wurde bzgl. deren Verhalten im Kriegsfalle vorgefühlt und schließlich ein gegenseitiger „Burgfrieden“ vereinbart.

Aber auch ohne dem wäre die deutsche Sozialdemokratie kaum in der Lage gewesen, dem drohenden Krieg adäquat entgegenzutreten, hatte sie es doch auf den diversen Kongressen der Internationale im Vorfeld des Weltkrieges stets vermieden, konkrete Maßnahmen für einen solchen Fall zu vereinbaren. So wurde ein gemeinsamer Antrag französischer und britischer Sozialisten, im Falle eines Krieges einen internationalen Generalstreik auszurufen, verworfen und stattdessen die Einrichtung eines internationalen Schiedsgerichtes gefordert. Offensichtlich trieb sie die Furcht um, dass die Arbeiterorganisationen bei entschiedenen Antikriegsaktionen umgehend unterdrückt und zerschlagen würden – ein Preis, den zu zahlen sie unter keinen Umständen gewillt waren. Dass die Arbeitermassen durchaus gegen den Krieg zu mobilisieren waren, zeigten die zahlreichen Demonstrationen nach dem Ultimatum Österreich-Ungarns gegen Serbien im Juli 1914. Millionen Arbeiter gingen europaweit auf die Straßen, um einen Krieg zu verhindern. Nach der Mobilmachung Russlands war es damit vorbei. Über Deutschland wurde der Belagerungszustand verhängt und die sozialdemokratische Presse vollführte eine abrupte Wende hin zu einer kriegsbefürwortenden Propaganda. Damit stand die deutsche Sozialdemokratie nicht allein – mit Ausnahme der russischen und italienischen Sozialisten schwenkten alle Parteien der Internationale in den kriegführenden Ländern auf den Kurs der „Vaterlandsverteidigung“ um. Die Gewerkschaften stellten alle Streikbewegungen ein und verkündeten einseitig eine „Friedenspflicht“ an der Klassenfront für die Dauer des Krieges.

Einzig in den Reihen der Syndikalisten gab es noch mehrheitlich konsequente Verfechter des Internationalismus – aber auch Ausnahmen, wie z.B. die der damals bedeutendsten syndikalistischen Organisation, der CGT in Frankreich. Alle teilnehmenden Organisationen am internationalen syndikalistischen Kongress von 1913 hielten ihrer Klasse die Treue und votierten gegen den Krieg. Zwar waren sie in keinem Land stark genug, um den Kriegseintritt zu verhindern, sie konnten aber durch ihre konsequente Haltung im Laufe und vor allem zum Ende des Krieges von der wachsenden Desillusionierung der Arbeiterschichten profitieren und in vielen Ländern einen bedeutenden Einfluss erlangen. Sie spielten dann in den revolutionären Ereignissen zu Kriegsende eine wichtige Rolle – so auch die „Freie Vereinigung“, die zu Kriegsbeginn unterdrückt und dann als „Freie Arbeiter Union Deutschlands“ Anfang der 1920er Jahre in einigen Gegenden Deutschlands maßgeblich an den revolutionären Aktionen beteiligt war.

Dennoch war der nicht verhinderte Weltkrieg nicht nur auf das Versagen der sozialdemokratischen Arbeitereliten zurückzuführen. In der Arbeiterschaft hatte längst das schleichende Gift des Nationalismus – verbreitet in Schule, Armee und Vereinen – Fuß gefasst und wurde begünstigt durch eine zunehmende nationalistische Haltung führender sozialdemokratischer Intellektueller, die den lange Zeit hegemonialen Internationalismus faktisch auf entsprechende Parolen auf ihren Kongressen und Versammlungen beschränkten. Das Streben nach Anerkennung der Arbeiterschaft als gleichberechtigter Teil der Nation und größerer Teilhabe am materiellen Wohlstand nahm einen immer breiteren Raum ein, der revolutionäre Impuls hingegen ging verloren.

Das Jahr 1914 bildete insofern keinen Wendepunkt in der Geschichte der Arbeiterbewegung, sondern eher das Offensichtlichwerden einer schleichenden Entwicklung der Einbindung weiter Kreise – nicht nur – der neuen Eliten der Funktionärskörper in den Staat. An dieser Entwicklung nahm auch ein nicht zu vernachlässigender Teil der Arbeiterschaft teil. Gleichwohl bleibt aber ein großes Fragezeichen, inwieweit das „Augusterlebnis“ von 1914 tatsächlich sämtliche Klassen und Schichten der damaligen führenden imperialistischen Staaten geeint hat. Es gibt Grund genug, an den Geschichts-Legenden der Kriegstreiber zu zweifeln – eine gründliche Überprüfung der historischen Fakten steht immer noch aus.

Ludwig Unruh


Kommentare

Zu diesem Beitrag hat noch niemand einen Kommentar verfasst...

Kommentar schreiben

Aus den Kommentaren...

J. schrieb am 21.12.2013 zu
März 1920 - Die vergessene Revolution :

...der Frank Dittmeyer hat hierzu übrigens seine Magisterarbeit als Historiker geschrieben. Genauer: über die Rezeption der Ereignisse in ...