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Militanz und Militanz

Das syndikalistische Verhältnis zur Gewalt ist relativ einfach benannt: Es geht um eine Zweck-Mittel-Argumentation. Und diese erschöpft sich nicht in der relativ simplen Weisheit, dass das Mittel dem Zweck entsprechen müsse. Der eigentlich wesentliche Punkt ist ein anderer, der mit einem zentralen Aspekt der syndikalistischen Ideenwelt beschrieben ist: Der Direkten Aktion. Ausgerechnet in diesem, alltagssprachlich oft als „militant" oder sogar „gewaltverherrlichend" aufgefassten Begriff steckt die tendenzielle Ablehnung von Gewalt.

Von den traditionellen Texten (Arnold Roller, Rafael Friedeberg, Pierre Ramus), bis hin zu aktuellen Reflexionen (Harald Beyer-Arnesen) des Begriffs wird betont, dass die Aktion dann direkt ist, wenn das Mittel auf einfachstem Weg zum Ziel führt. Da steckt der anarchistische Ethos der Zweck-Mittel-Relation noch gar nicht drin, vielmehr gehorcht die Direkte Aktion einer Kosten-Nutzen-Logik, und die besagt: Ich wende ein Mittel nur dann an, wenn es entsprechend etwas bringt.

Ist das Gewaltlosigkeit? Nein, keine prinzipielle, aber in der Praxis ist die Folge eindeutig: Es gibt schlicht keine Situation, in der Gewalt als Direkte Aktion ein sinnvolles Mittel wäre. Unter dem Diktum der Direkten Aktion ist Gewalt schlicht nie verhältnismäßig. Das häufig gehörte Gegenargument ist allerdings, dass sie im Verhältnis zur repressiven Gewalt des Staates, des Kapitals, des Patriarchats – als „Gegengewalt" - durchaus verhältnismäßig sei. Nur selbst wenn man zugeben würde, dass dies eine legitime Argumentation sei, ist dieses Verhältnis schlicht nicht messbar. Die benannte systemische Gewalt ist meist keine direkte – dass uniformierte Staatsbüttel diese anwenden, ist zumindest momentan, auch im globalen Maßstab, (noch) eine Ausnahme -, sondern eine strukturelle. Und es gibt schlicht keine Methode, um strukturelle und direkte Gewalt miteinander abzuwägen.

Aber selbst die Beantwortung von direkter Gewalt mit direkter Gewalt ist problematisch, und dies resultiert nun doch aus anarchistischer Ethik: Die Gewalt von PolizistInnen oder SoldatInnen ist vom Staat verantwortet. Freilich darf man ihnen die persönliche Verantwortlichkeit für ihr Handeln nicht absprechen, die „Gegengewalt" aber ist ausschließlich persönlich zu verantworten. Und auch hier gilt die Kosten-Nutzen-Logik der Direkten Aktion: Wer einen Polizisten verletzt, hat dem Staat, um den es ja eigentlich geht, keinerlei Schaden zugefügt, so wenig, wie das Zerschmeißen eines Bankschaufensters den Kapitalismus abschafft.

Dass es trotz dieser simplen Logik immer wieder zu Diskussionen um Gewalt bzw. „Gegengewalt" kommt, liegt, nicht ausschließlich, aber auch, an einem überkommenen Revolutionsbegriff, der die Revolution mit einem politisch motivierten Kampf auf den Barrikaden assoziiert. Vorbild dieses Revolutionsverständnisses sind die Revolutionen von 1789 und 1848. Selbst Marx, dessen theoretische Schriften ein ganz anderes Revolutionsbild nahe legen, in dem eine Revolution länger und dynamischer vonstattengehen muss, langt in seinen politischen Meinungsäußerungen doch wieder bei diesem Bild an. Anarchosyndikalistische Autor_innen betonen dagegen ab dem ausgehenden 19. Jahrhundert, dass der soziale Generalstreik die zeitgemäßere Form der Revolution wäre – auch eben nicht primär aus einer Ablehnung der Gewalt heraus, sondern da der Streik einfach das effektivere Mittel sei.

Exemplarisch finden wir das z.B. in Alexander Berkmans „ABC des Anarchismus": „Es wird Zeit, dieser veralteten Vorstellung von einer Revolution ein Ende zu setzen. Heutzutage sind Regierung und Kapital militärisch zu gut gerüstet, als dass es den Arbeitern je möglich wäre, damit fertig zu werden. [...] Die Macht der Arbeiterschaft liegt nicht auf dem Schlachtfeld. Sie liegt in der Werkstatt, im Bergwerk und in der Fabrik, da liegt ihre Macht, die durch keine Armee der Welt besiegt, durch keine menschliche Einrichtung niedergeschlagen werden kann. Mit anderen Worten, die soziale Revolution kann nur durch das Mittel des Generalstreiks erfolgen."

Alexander Berkman lehnt die gewaltsame Revolution ab, da die ArbeiterInnen militärisch immer unterliegen würden. Wenn dagegen der allgemeine Streik ausbräche, könne militärische Gewalt nicht angewendet werden, da das Kapital diese Arbeitskraft ja letztlich benötige. Im letzten Punkt liegt Berkman falsch. Gerade aus heutiger Sicht könnte man mit der „Reservearmee" argumentieren, die gegen einen Generalstreik eingesetzt werden kann – dies ist auch einer der Gründe, warum die aktuellen Generalstreiks gegen die Krisenpolitik kaum Wirkung entfalten. Wo sie diese Wirkung entfalten könnten, etwa im Personen- und Warentransport, scheuen sich die Herrschenden nicht, das Militär einzusetzen, die Beispiele dafür nehmen zu. Aber auch ohne hohe Arbeitslosigkeit wurden Streiks militärisch zerschlagen. Beide Generalstreiks im Nachkriegsdeutschland wurden durch Panzer – amerikanische 1948 im Westen, russische 1953 im Osten – gestoppt. Nichtsdestotrotz: Auch eine militarisierte „Gegengewalt“ wäre hier nutzlos gewesen. Generelle Streiks mögen ein Kern von politischen und sozialen Umwälzungen sein, offenbar genügen sie aber strategisch nicht aus. Lösungen (die Erlangung von Hegemonie [kulturelle Definitionsmacht], Subversion, das Einbinden der „Proletarier in Uniform“ [Rosa Luxemburg] in emanzipatorische Prozesse) müssen durchaus noch diskutiert werden, aber die Gewalt ist offenbar, und das lehrt schlicht die Erfahrung, keine.

Trotzdem führt uns das zu einem wesentlichen Punkt, an dem Gewalt anders diskutiert werden muss: Für einen Streik, erst recht einen Generalstreik, braucht die Arbeiterklasse eine gewisse strukturelle Macht, die durch Arbeitsplatzkonkurrenz, Billiglöhne, Erwerbslosigkeit, Outsourcing etc. erheblich geschwächt wird. Und ferner braucht sie, um einig zu sein in den Direkten Aktionen, eine gewisse hegemoniale, also inhaltlich-kulturell dominierende, Position in der Gesellschaft. Sie muss also, auch ohne Gewalt, Machtmittel anwenden.

Was ist nun mit den Ohn-Mächtigen, denen, die keine Direkte Aktion anwenden können, den „Lumpen- oder Subproletariern“, den „Überzähligen“ (Marx) oder „Überflüssigen“? In der Tat wenden diese eher direkte Gewalt an, auf sehr verschiedenen Ebenen: Sei es als Soldaten der sogenannten „Neuen Kriege“, schlicht um zu überleben, sei es als gewalttätige Kleinkriminelle als aufgezwungene Alternative zur Lohnarbeit, sei es in spontanen sozialen Erhebungen wie in den Banlieues von Paris 2005, in Tottenham/England 2011 oder in Husby/ Schweden 2013.

Diese Gewalt ist bedingt durch Strukturen, ohne deshalb nur strukturelle Gewalt zu sein (aber sie ist die Reaktion auf eine solche). Man kann sie nicht verurteilen, auch wenn sie durchaus unterschiedlich zu bewerten ist – im Namen eines Warlords zu töten, Kleinkrämer und NachbarInnen anzugreifen oder Polizeistationen, Banken und Schulen/ Universitäten sind unterschiedliche Qualitäten sozialer Gewalt. Nichtsdestotrotz sind sie alle aus der Verzweiflung geboren und darüber ist „ebenso wenig zu moralisieren – für oder gegen – als über das Erdbeben in Chios“ (Karl Marx). Voreilige Distanzierungen sind hier ebenso kontraproduktiv wie revolutionäre Überhöhungen. Beides ist aber etwas anderes als ein Verständnis für diese sozial produzierte Gewalt, ein Akt der Solidarität, dessen Fehlen peinlich wäre, denn alles andere wäre eine Distanzierung von den Subjekten der „wirklichen Bewegung“. Karl Marx hat diese Distanzierung an mehreren Stellen vorgenommen, als er das „Lumpenproletariat“ als reaktionäre „Mobilgarde“ definierte. In diesem Sinne gehört der Begriff des „Lumpenproletariats“, wie der Sozialhistoriker Marcel van der Linden betont, „auf den Müllhaufen der Geschichte“, auch wenn die Möglichkeit, dass die subproletarische Gewalt reaktionär wird, durchaus vorhanden und nicht zu unterschätzen ist.

Soziale Gewalt ist aber letztlich etwas ganz anderes als politisch geplante Gewalt, die normalerweise ein Ziel erreichen möchte und das in aller Regel einfach nicht kann. Die politische „Gegengewalt“ entblößt sich damit als Kampf gegen Windmühlen, sie taugt höchstens noch, um Aufmerksamkeit zu erregen, die oftmals auch ein zweischneidiges Schwert ist. Nur, weil der Staat Gewalt anwendet (was keineswegs sein einziges Charaktermerkmal ist), rechtfertigt das noch keinerlei andere Gewaltform. Und das eben nicht aus moralischen Gründen, sondern weil sie zwecklos ist.


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Aus den Kommentaren...

Johnny Rotten schrieb am 07.01.2014 zu
Anarchistisch-syndikalistische Jugend (ASJ):

Nein, nein, nein! - Wenn etwas wirklich total und für immer verboten gehört, dann sind es Jugendorganisationen! Also, liebe Jugendliche, ...