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Von bewegten Frauen zu verwertbaren Arbeitnehmerinnen

Endlich gleichgestellt?

„Wer verhindern will,
dass Mädchen
etwas erreichen,
zwingt sie am
 besten dazu,
alles zu erreichen.“
Laurie Penny in „Unsagbare Dinge“

Bereits 1988 stellt die Soziologin Vera Slupik fest, dass den Frauenbewegungen etwas fehlt: nämlich radikales Denken. Nachdem Ende der 1960er Jahre im Zuge der sogenannten Studentenbewegung auch die Frauen ihre Forderungen kundtaten und zunächst auf taube Ohren stießen, auch bei ihren Genossen vom SDS, konnten sie doch im Verlauf der nächsten Jahre die sogenannte 2. Welle der Frauenbewegungen lostreten. Kontrovers wurden Themen wie Abtreibung und Abschaffung des § 218, Selbstbestimmung über Frauenkörper und Pornografie, die Verteilung von Haushalts- , Erziehungs- und Erwerbsarbeit und die Beendigung von Gewalt gegen Frauen diskutiert und einer breiten Öffentlichkeit näher gebracht.

1979 richtete schließlich der Bund einen Arbeitsstab Frauenpolitik ein, vor allem auf Drängen der sozialdemokratischen Frauen, die sich in der Frauenbewegung verorteten. Was dann folgt, könnte gut und gern als ein weiterer gescheiterter Marsch durch die Institutionen bezeichnet werden. Auf EU Ebene, auf Bundesebene und auf Länderebene werden Gleichstellungsgesetze verabschiedet, die die Einsetzung von Frauen- bzw. Gleichstellungsbeauftragten in Kommunen und öffentlichen Einrichtungen wie Universitäten und Krankenhäusern vorschreiben. Für die Privatwirtschaft wird bis 2015 keine Regelung eingeführt. Jetzt kommt für die Vorstände und Aufsichtsräte die vieldiskutierte Frauenquote von 30 Prozent.

Forderungen jedoch wie flexible Arbeitszeiten zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie werden pervertiert, es wird keine Kritik an Vollzeitarbeit als Norm geübt. Der sogenannte Geschlechtervertrag mit Männern als Haupternährer der Kernfamilie bleibt beinahe unangetastet. Die Gleichstellungsarbeit verbleibt vollständig in der kapitalistischen Logik, denn die Verwertbarkeit von sogenannten weiblichen Eigenschaften für den Profit sowie die Nutzung der „Humanressource Frau“ wird zum zentralen Anliegen. Heute wird quasi Gleichstellungsmanagement betrieben: Es geht um Gender Mainstreaming, Gender Budgeting, Gender Consulting. Ziel des Ganzen sind mehr Stellen, mehr Frauen an der Spitze, Mehrwert. Feministische Forderungen sind zu Dienstleistungen mutiert und die Übernahme von Begriffen aus der Ökonomie dient der Legitimation der Gleichstellungsarbeit, die jeder Kritik zum Trotz abhängig ist von Politik und Geschäftsführung. Birgit Sauer spricht von „prekärer Institutionalisierung“, wobei die Beauftragten auf das Wohlwollen der Führungseliten angewiesen sind. Die eigene Arbeitsstelle wird gesichert und das System nicht verändert, Hierarchien werden nicht angegriffen, nicht einmal in Frage gestellt. Die Soziologin Gisela Notz stellt seitens staatlicher Politik starke Vereinahmungstendenzen von „Frauenanliegen“, aber auch Widerstand gegen tatsächliche Veränderungen fest. Dasselbe gilt wohl für Wissenschafts- und Wirtschaftseliten.

Bereits in den Anfängen wird die Institutionalisierung des Geschlechterkonflikts vom radikalen Flügel der Frauenbewegungen heftig kritisiert. Notz spricht von Staatsfeminismus, der von oben aufoktroyiert wird und mit einer thematischen Begrenzung auf gesellschaftlich relativ unkontroverse Inhalte einhergeht. Bereits Mitte der 1980er Jahren stellt Slupik eine Wendung hin zu konservativen Feminismen fest als die CDU „Gleichberechtigung bis zum Jahr 2000“ in ihr Programm aufnimmt. Dieser Trend bleibt bis heute unter anderem mit „Herdprämie“ und einer neuen „Mütterlichkeit“ (Supermami und Halbtagskarrierefrau in einem), bestehen. Radikale Kritik wird nur noch am Rand geübt.

Die Selbstbezeichnung als Feministin stellt inzwischen ein Stigma dar. Es kommt das Gefühl auf, dass Feministinnen in Frauen- oder Gleichstellungsbüros nicht gern gesehen werden, sie sind unbequem und ecken an. Wenn damit noch der Anspruch einer Veränderung der Gesellschaft und die Abschaffung von Hierarchien zur Etablierung eines herrschaftsfreien Miteinanders einhergeht, sind die geschaffenen staatlichen Strukturen der Gleichstellungsarbeit in keinster Weise als politisches Betätigungsfeld geeignet. Nichtsdestotrotz bleibt ein spannungsgeladener Widerspruch zwischen pragmatischer Realpolitik, also dem was gerade machbar ist, und einer wünschenswerten konkreten radikalen Utopie eines besseren Lebens ohne Herrschaft und Geschlechterhierarchien.


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Aus den Kommentaren...

Just my 2 cents schrieb am 11.01.2014 zu
Leiharbeit abschaffen!:

Natürlich geht es letztlich um die Abschaffung der Lohnarbeit durch den Libertären Kommunismus. Aber das muss uns ja nicht daran hindern, ...