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Der Comic-Zeichner Jacques Tardi

Der Stift als Waffe

2 Kommentare

Der „bédé“, der Comic, gehört zu Frankreich wie Wein, Käse und Generalstreik. Er ist Hochkultur, Trivialliteratur und Massenphänomen zu-gleich. Das schockierende Attentat auf die Satire-Zeitung Charlie Hebdo mag hierzulande vielleicht einen Eindruck davon hinterlassen haben, welch andere kulturelle – und politische – Stellung Cartoonisten und Comic-Zeichner jenseits des Rheins innehaben. Jacques Tardi, der in diesem Jahr 70 wird, zählt zu den ganz großen unter ihnen. Seine Comic-Bände erreichten Millionenauflagen, er selbst ist so bekannt wie hierzulande vielleicht ein Dieter Bohlen. 2012 wollte die französische Regierung ihm gar den Orden der Ehrenlegion, die höchste Ehrenbezeugung des Staates, verleihen. Der Anarchist Tardi lehnte – alles andere als dankend – ab, denn „man ist nicht besonders froh darüber, von Leuten geehrt zu werden, die man nicht mag“, wie er der Presse mitteilte.

Eine Anekdote aus seiner Schulzeit, die er dem Regisseur Pierre-André Sauveageot im Dokumentarfilm „Tardi – Schwarz auf Weiß“ anvertraute, verdeutlicht recht anschaulich, dass Tardis Vorstellungen schon früh in eine nicht sonderlich staatstragende Richtung gingen. So hätte sein Klassenlehrer einen Comic in seinem Ranzen gefunden und ihn wutentbrannt vor versammelter Klasse zerrissen. Der kleine Jacques war verwirrt, hatte aber auch eine neue Leidenschaft entdeckt: „Ich sagte mir, dass es subversiv sein müsse, damit er so was macht. Und das gefiel mir.“

Tardi, der als Offizierssohn einen Teil seiner Kindheit in Kassel verbrachte, veröffentlichte seine ersten Comics in der legendären Zeitschrift „Pilote“, in der vor ihm bereits die ersten Asterix-Geschichten von Uderzo & Goscinny erschienen waren. Größere Bekanntheit erlangte er in den 1970ern mit der Comic-Serie „Adeles ungewöhnliche Abenteuer“, die später von Luc Besson verfilmt werden sollte. Seitdem veröffentlicht der Workaholic ein bis drei Bände pro Jahr. Im deutschsprachigen Raum dürften dabei die Adaptationen der Leo-Malet-Krimis um den Privatdetektiv Nestor Burma und die vierbändige Graphic Novel über die Pariser Kommune („Die Macht des Volkes“) zu den bekanntesten zählen. Ein Thema, zu dem er immer wieder zurückkehrt, ist der Schrecken des Krieges. Insbesondere die Kriegserfahrungen seines Großvaters und Vaters lassen ihn nicht los und wurden von ihm in mehreren Bänden verarbeitet.

Tardi möchte immer „eine Geschichte erzählen, aber dabei auch von etwas anderem sprechen.“ Es gelingt ihm dabei eine ganz eigene Atmosphäre zu schaffen. Sein Stil ist unverwechselbar und von Leichtigkeit und Präzision geprägt. Farbe setzt er sehr bewusst ein, bevorzugt beschränkt er sich auf Schwarz und Weiß. In manchen Bänden arbeitet er mit einem sehr strengen Seitenkonzept, mit jeweils drei gleich großen Bildpanels pro Seite, womit er die einzelnen Ereignisse gleichberechtigt nebeneinander stellt. Scheinen seine Charaktere bisweilen mit Leichtigkeit hingezeichnet, legt er viel Wert auf die genaue Darstellung der Szenerie. Lange Spaziergänge durch Paris, bei denen er die  Kamera immer griffbereit hat, alte Zeitungen, Fotos und Filme helfen ihm dabei, reichen aber nicht: Tardi muss ein Gewehr in der Hand halten, bevor er es zeichnen kann – eine Marotte, die ihm bereits den Vorwurf einbrachte, ein Waffennarr zu sein…

Die Angst, seine Leser könnten ihn nicht verstehen, sitzt ihm bei seiner Arbeit immer im Nacken. Obwohl Bilder omnipräsent sind in unserer Gesellschaft, bestehe kein Interesse daran, dass wir sie auch entschlüsseln können, denn „man kann keine Leute gebrauchen, die das womöglich anzweifeln, was man ihnen zeigt.“ Bilder, sei es in der Werbung, im Kino, im Fernsehen oder auch in banaler Form von Postkarten, sollen, so Tardi, nicht hinterfragt werden, sondern ihre Botschaft vermitteln. In der Schule lerne man vielleicht noch Lesen und Schreiben, ein Bild zu entschlüsseln aber nicht. Deshalb bemüht er sich, seine Bilder so aufzubauen, dass sie möglichst klar und einfach zu lesen sind.

Auch wenn Tardi nie ein Politaktivist im engeren Sinn war, hat er keinen Hehl aus seinen anarchistischen Überzeugungen gemacht. Wie in seinen Comics, interessiert er sich auch im realen Leben nicht für Superhelden, sondern für die Menschen, die leiden, für die einfachen Leute in den billigen Bistros, in den armen Vierteln, in den miesen Jobs, die Ausgestossenen und Ausgebeuteten, deren rebellischen Geist er hier wie da versucht gegen Staat, Polizei, Kirche und Krieg in Stellung zu bringen.

In diesem Sinne war es konsequent, dass er seiner Frau Dominique Grange – einer in Frankreich bekannten Chanson-Sängerin – gefolgt ist und sich der anarchosyndikalistischen CNT angeschlossen hat. Der geliebte Rotring-Stift blieb aber auch hier sein wichtigstes Werkzeug. Er zeichnete Illustrationen für die CNT, gab – eine interessante Erfindung – Soli-Signierstunden, entwarf Buch-Cover und Plakate. Aber auch andersherum funktionierte die Symbiose: für die Protagonisten in „Die Macht des Volkes“ sollen die Genossinnen und Genossen seines Syndikates Modell gestanden haben.

All dies fand vor dem Hintergrund einer im Aufbruch befindlichen französischen Bewegung statt. Die CNT erlebte in der zweiten Hälfte der 1990er, Anfang des Jahrtausends eine ungeahnte Dynamik. Aus der kleinen Propagandagruppe wuchs eine kleine Gewerkschaft und löste auch auf kulturellem Terrain eine enorme Breitenwirkung aus. Wie so oft, folgte auf schnelles Wachstum allerdings der tiefe Fall. In dem Strudel, den jahrelange Streitereien und Spaltungen im Pariser Kultursyndikat und der gesamten CNT auslösten, ging auch Tardi der Organisation bzw. deren Spaltprodukten verloren. Wie viele andere Genossinnen und Genossen ging er erstmal auf Abstand.

Aber auch hier scheint das letzte Kapitel noch nicht gezeichnet.

In jeder guten Dramaturgie finden die Protagonisten nach dem großen Knall auf höherer Ebene wieder zusammen, vielleicht auch hier.  Ein Anzeichen hierfür mag sein, dass die CNT es inzwischen wieder schafft, Tardi, der öffentliche Auftritte nur äußerst widerwillig wahrnimmt, aus seinem Atelier zu Veranstaltungen in die traditionsreiche Rue des Vignoles 33, dem Sitz der CNT in Paris, zu locken. Unlängst erst führte Tardi gemeinsam mit seiner Frau dort auf Einladung des Bau-Syndikats eine musikalisch-szenische Lesung seines Comic-Bandes „Elender Krieg“ auf.

Hansi Oostinga


Kommentare

Sabcat schrieb am 01.10.2016 um 02:01 Uhr

Den Film "Tardi - Schwarz auf Weiß" gibt es hier:

https://stream.realeyz.de/media/Tardi+-+Schwarz+auf+Weiss/1_dkcbp7ju/39865471

Z. schrieb am 09.02.2017 um 18:20 Uhr

@Sabcat: der Link führt nur zu einem Trailer. Um den ganzen Film sehen zu können, muss man ein kostenpflichtiges Abo abschließen. :(

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Aus den Kommentaren...

J. schrieb am 15.12.2013 zu
Arbeitskampf bei Krupp in Rheinhausen:

Auch wenn man von Bruckchen aus guten Gründen wenig hält, sowas hier ist denunziatorisch: "Betriebsratschef Bruckschen ging für die SPD in den ...