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Die entscheidenden ersten Tage der Spanischen Revolution

Wanderer,
nur deine Spuren
sind der Weg,
und weiter nichts…

Antonio Machado

Am 17. Juli 1936 begann in der Garnison von Melilla in Spanisch-Marokko der Aufstand der faschistischen Generäle gegen die amtierende Volksfrontregierung der sogenannten „Zweiten Republik“. Der Plan der Putschisten, zusammen mit den reaktionären Anhängern der alten Ordnung, den Großgrundbesitzern und dem Klerus, Spanien in einem raschen Anlauf zu erobern, schlug allerdings fehl. Nicht nur die Matrosen stellten sich dem in den Weg und brachten ganze Marineschiffe unter ihre Gewalt, als diese von Marokko aus Kriegsmaterial nach Spanien bringen sollten. Auch die Luftwaffe und die von der Republik neu geschaffene Bereitschaftspolizei (guardias di asalto) stellten sich auf die Seite der Konstitution. In ganz Spanien traf der pronunciamento sofort auf harten, von Arbeitern organisierten Widerstand. In den nächsten beiden Tagen scheiterte daran der Staatsstreich in Barcelona, Madrid, Malaga sowie in Katalonien, der Levante und großen Teilen von Aragón, in Asturien und im Baskenland. Wo die Faschisten, teils auch Falangisten genannt, gesiegt hatten, oft nach erbittertem Widerstand, etwa in Andalusien oder im aragonesischen Zaragoza, erfolgten Massenerschießungen von Arbeitern und republiktreuen Offizieren.

Ein nicht unbeträchtlicher Teil der spanischen Bevölkerung, vor allem die Industrie- und Landarbeiter sowie die Handwerker (Bauarbeiter, Schreiner, Schlosser usw.) und die im Kleingewerbe Beschäftigten (Friseure, Kellner, Metzger usw.), begnügte sich nicht damit, in einem auf lange Sicht ungleichen Kampf den Vorstoß der militärisch überlegenen Faschisten mit beispiellosem Mut abzuwehren und nur die bürgerlich-kapitalistische Legalität der erst 1931 eingeführten Republik zu verteidigen, die ohnehin Erwartungen auf einen grundlegenden sozialen Wandel enttäuschen würde. Diese hatte nämlich zuvor, von 1931 bis 1936, mal von einem linken, mal von einem rechten Block geführt, etliche lokale Revolten der Anarchosyndikalisten in Nordkatalonien und Andalusien sowie den Aufstand der Bergarbeiter in Asturien mit Waffengewalt niedergeschlagen. Vielerorts auf der iberischen Halbinsel, im Gebiet der sogenannten „republikanischen Zone“, wo die Falangisten vorerst besiegt waren, stand nun, zu Beginn des ausgebrochenen Bürgerkrieges, also zumindest bis zum Herbst 1936, die soziale Revolution, d.h. die wirtschaftliche Selbstverwaltung beziehungsweise konstruktive Verwirklichung des freiheitlichen Kommunismus auf der Tagesordnung.

Der nach dem Militärputsch erfolgte Zusammenbruch des Grundbesitzes einerseits und die elende Lage der Kleinbauern andererseits förderten den Zusammenschluss der spanischen Bauern zu Wirtschaftskollektiven, die zeitweise rund die Hälfte des Bodens der gegen die Truppen des General Franco kämpfenden Republik einnahmen. Der Beitritt zu diesen Kollektiven und Genossenschaften war freiwillig, d.h. wer die kollektive Verantwortung nicht übernehmen wollte, konnte draußen bleiben. In der Regel führten die Kollektivierungen sogar zu steigenden Erträgen. Dieser Agrarrevolution in den befreiten Gebieten entsprach die Kollektivierung der Betriebe in den Städten, die das Baugewerbe erfasste, die Metallindustrie, die Bäckereien, Schlächtereien, Kinos, Verkehrsbetriebe, das Transportwesen, Friseurgewerbe, die Hotels und Gaststätten usw. Kollektive, Gemeinden, Gewerkschaften und regionale Räte bauten ein Gesundheitswesen auf, richteten Kliniken ein und ärztliche Dienste, die sogar entlegene Bergdörfer versorgten. Es wurden Bibliotheken, Gewerbe- und Kunstschulen aufgebaut sowie Kolonien für Flüchtlings- und Waisenkinder aus den Kriegsgebieten. Staatsautorität und Parteipolitik hatten sich in die Organisation, den Verbund und die Bewirtschaftung der sozialisierten Betriebe nicht einzumischen, die bald nicht nur den Erfordernissen der Kriegswirtschaft zu genügen hatten, sondern durch erfolgte Rationalisierungen – und nicht zuletzt durch die der ersten Begeisterung über den erlangten Gemeinbesitz geschuldete Mehrarbeit – sogar erhebliche Produktivitätssteigerungen verzeichnen konnten.

Unmittelbar nach der Zerschlagung des Putsches bildeten sich aus den Gewerkschaften und Linksparteien egalitäre Arbeitermilizen, die in Kolonnen an die Front aufbrachen, um den Vormarsch der Faschisten zu stoppen und die von ihnen besetzten Gebiete zu befreien. In den anarchistischen Kolonnen war die Besoldung aller Milizionäre gleich, überflüssiger Kokolores wie militärische Rangabzeichen, Grußpflicht und dergleichen waren abgeschafft. Wo immer diese revolutionären Milizen gegen die Franco-Truppen vordrangen, gaben sie, nachdem die lokalen Machthaber in Volksversammlungen außer Kraft gesetzt
waren, Anstöße zur Kollektivierung.

Es nimmt nicht wunder, dass die nach den Juliereignissen im Amt verbliebenen Regierungen, die Zentral-
regierung in Madrid und die Generalitat in Katalonien, dieser „illegalen“ Entwicklung kräftig entgegenwirkten. Dass die Regierungsgewalt besonders der letzteren nach dem vollständigen Triumph der Revolution in Barcelona nicht angetastet worden ist, verblüfft vielleicht auf den ersten Blick. Die Anarchosyndikalisten hatten zwar mit ihren Verteidigungskomitees die Macht in einem dreißig Stunden währenden Straßenkampf gegen die aufständischen Militärs errungen, der über 400 ihrer Anhänger das Leben kostete, aber sie scheuten letztlich den Griff nach der politischen Gewalt, die ihnen am 20. Juli vom Präsidenten der Generalitat angetragen wurde, der nach dem Ende der Kämpfe eine Delegation des Regionalkomitees der CNT zu sich geladen hatte.

Die Anarchisten willigten hingegen ein, sich an einem Komitee der antifaschistischen Milizen zu beteiligen, in dem, neben der CNT/FAI, die sozialistische Gewerkschaft UGT, die Republikanische Linke, die Katalanische Aktion, die linkskommunistische POUM, die Kommunisten und Sozialisten der PSUC sowie die Kleinpartei der Pächter- und Winzer (Rabassaires) vertreten waren. Eine Regionalversammlung der katalanischen Anarchisten verwarf dann am 23. Juli mehrheitlich den Antrag, die Macht im Alleingang zu ergreifen und die Einführung des freiheitlichen Kommunismus zu dekretieren.

Diese folgenreiche Entscheidung verdankte sich wohl nicht ausschließlich dem starren Festhalten an anarchistischen Prinzipien oder gar der Angst vor einer anarchosyndikalistischen „Diktatur“ sondern eher der nüchternen Einschätzung der nationalen wie internationalen Lage, mit der die spanische Revolution konfrontiert war. Nachdem das nationalsozialistische Deutschland und das faschistische Italien den Putsch der Falangisten offen unterstützt hatten, wollte man zum einen die bürgerlich-kapitalistischen Länder, in erster Linie England und das von einer Volksfront regierte Frankreich, von dem man sich, wie sich bald herausstellen sollte, vergeblich Hilfe erwartete, nicht durch eine anarchistische Revolution verschrecken oder gar zu einer feindlichen Intervention bewegen. Zum anderen war Katalonien nicht Spanien, und in den anderen republikanischen Regionen war die anarchistische Bewegung nicht ganz so stark, und dort, wo sie alleine stark genug gewesen wäre, wie etwa in Zaragoza, bereits durch die faschistische Eroberung ausgeschaltet. So ordneten am Ende die spanischen Anarchisten selbst die soziale Revolution dem Krieg gegen Franco unter und bereiteten damit nolens volens der staatlichen Restauration den Weg.


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Aus den Kommentaren...

Verbrecher schrieb am 05.02.2014 zu
Essensvernichtung:

@Mark Z. Maschinenträume? Nein, nur ein kleiner Ansatz konkreter Utopie. Jede im Kapitalismus entwickelte Technologie "trägt Keime der ...