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Aufstand im Broilerland

[ Ein Interview mit J.A., einem Arbeiter bei »Wiesengrill« findest du in diesem Beitrag. ]

Derzeit wird viel über prekäre Arbeitsbedingungen diskutiert. Kein Zweifel, der Kapitalismus ist dabei, sich die soziale Schminke abzuwischen und zu dem zurückzukehren, was er für die meisten auf diesem Planeten immer gewesen ist – ein System, das auf Terror, Ausbeutung und Unsicherheit basiert. In der aktuellen Diskussion wird beklagt, dass die Gewerkschaften nichts oder zu wenig gegen die Prekarisierung der Verhältnisse unternehmen würden. Diejenigen, die das tun, vergessen gerne, dass es nicht nur Gewerkschaften wie ver.di gibt, die bereitwillig Tarifverträge über Armutslöhne abschließen. Auf der Suche nach Strategien erinnern wir hier an ein Beispiel, das rund zehn Jahre zurückliegt. Damals gab es zwar noch keine hippe Diskussion über Prekarisierung, wohl aber bereits prekäre Arbeitsbedingungen und Kämpfe dagegen. Und das – wie im beschriebenen Beispiel – notfalls bis hin zur Schließung der Ausbeuterklitschen.

Vom westfälischen Sendenhorst aus betrieb die Familie W. unter dem Firmennamen »Wiesengrill« ein florierendes Geschäft mit dem Verkauf von Grillhähnchen. Ihre elf Verkaufswagen waren in ganz Westfalen und im Münsterland unterwegs. Für »Wiesengrill« ein einträgliches Geschäft.
 
Anders sah es bei den Arbeitern von »Wiesengrill« aus. Sie mussten sieben Tage die Woche – täglich von 7 bis 21 Uhr – arbeiten. Insgesamt also bis zu 90 Stunden wöchentlich. Es gab keinen Urlaub; Feiertage an denen nicht verkauft werden durfte, wurden vom Lohn abgezogen. Der reale Stundenlohn betrug kaum über 3 DM.

Weil sich damals in der Region keine Arbeiter finden ließen, die sich zu diesen Bedingungen ausbeuten lassen wollten, heuerte die Firma Lohnsklaven aus den ärmsten Regionen Europas – Polen, Spanien, Türkei – an. Die Arbeiter wurden mit falschen Versprechungen geködert und waren sie erst einmal zu zweit in winzigen, ungeheizten Kammern auf dem Hühnerhof zusammengepfercht, stellte man sie vor die Wahl, sofort gekündigt zu werden oder unter den beschriebenen Bedingungen zu arbeiten. Ohne Geld für die Rückreise, blieb vielen nichts anderes übrig, als sich auf diese Ausbeutung einzulassen.

Die Arbeiter wurden nicht krankenversichert. Eine Lohnsteuerkarte oder einen Rentenversicherungsnachweis haben sie trotz vielfacher Nachfrage ebenso wenig zu Gesicht bekommen, wie ihre Aufenthaltspapiere. Als einer von ihnen diese Papiere einforderte und sich weigerte, während einer Krankschreibung zu arbeiten (man hatte ihn dazu schnell nachträglich bei der AOK angemeldet), wurde er massiv unter Druck gesetzt und fand seine Sachen durchwühlt. Post wurde ihm vorenthalten, schließlich wurde er gefeuert und vor die Tür gesetzt. Kollegen, die sich mit ihm solidarisierten, wurden wenig später mit der Begründung, die seien »Scheiße und Denunzianten« ebenfalls entlassen.

In dieser Situation wandten sich die Arbeiter an die FAU, nachdem ihnen zuvor die DGB-Gewerkschaft NGG die kalte Schulter gezeigt hatte. Nach mehreren Treffen und ausführlichen Diskussionen wurde eine Reihe von Aktionen gestartet, mit denen die Forderungen der Beschäftigten – Auszahlung der ausstehenden Löhne, Bezahlung aller Überstunden und Feiertage, freies Wochenende, erhebliche Lohnerhöhungen und eine öffentliche Entschuldigung für die Verletzung ihrer Würde – durchgesetzt werden sollten. Für die Arbeiter war eines von Beginn an klar – sollte »Wiesengrill« nicht auf ihre Forderungen eingehen, würde man notfalls bis zur Schließung des Betriebes kämpfen, damit keine weiteren Beschäftigten unter solchen Bedingungen leiden müssen.

Mehrere Wochen lang rückten Dutzende von AktivistInnen der FAU und andere UnterstützerInnen »Wiesengrill« auf die Pelle. In Sendenhorst wurden tausende von Flugblättern verteilt, die Grillwagen wurden eskortiert und die KundInnen informiert, die Presse wurde eingeschaltet. Über Wochen war »Wiesengrill« in der Region Tagesgespräch, ohne dass sich die Firma irgendwie bewegte. Als sich schließlich Krankenkassen und Behörden aufgrund der öffentliche Diskussion zum Handeln gezwungen sahen, hatten die Arbeiter von »Wiesengrill« eines ihrer Ziele erreicht. Niemals wieder würde dort jemand unter den Bedingungen ausgebeutet werden, die sie erleben mussten.   


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Aus den Kommentaren...

J. schrieb am 13.12.2013 zu
Alles was die Nazis hassten:

http://www.youtube.com/watch?v=XftjBfZNvR0