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Nieder mit den Schlachthäusern!

Das Tier als denkendes, fühlendes und ausgebeutetes Wesen in der gewaltfreien und anarchistischen Tradition

Vegetarismus und Veganismus verbreiten sich heute in Europa immer mehr, wenn auch mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten und regionalen Schwerpunkten. Seit rund 30 Jahren kämpfen meist junge TierrechtsaktivistInnen und TierbefreierInnen in einer grenzüberschreitenden dritten historischen Welle dieser Bewegung.
Dieser Protest ist in das kulturelle Erbe der menschlichen Weisheit fest eingeschrieben:

Indische Tradition, Antike, Aufklärung

Eigentlich beginnt dieses Erbe noch vor der Antike, mit dem Buddhismus und dem Jainismus und ihren Forderungen nach „Ahimsa“ (Nicht-Gewalt). Diese Widerstandstradition hat zugleich die Geburt und die Verbreitung des Prinzips der Gewaltfreiheit – auch gegenüber Tieren – innerhalb der asiatischen Kultur vorangetrieben.

Im antiken Griechenland kritisierte Phytagoras (580-495 v.u.Z.) die Misshandlung der Tiere als Bruch des Gerechtigkeitsprinzips, der dike. Und es war Plutarch (46-125 u.Z.), der moderne Denker und Philosophen der Aufklärung wie Montaigne, Étienne de la Boétie oder auch Jean-Jacques Rousseau in diesem Sinne beeinflusst hat. Im 18. und 19. Jahrhundert waren es also die Aufklärer, die das Erbe der antiken Autoren wieder aufnahmen.

England als Vorreiter: Von Henry Salt bis zur Animal Liberation Front (ALF)

England war das Land, in welchem sich die Bewegung am frühesten entwickelte. Der Quäker Thomas Tyron (1634-1703) gründete die erste „Vegetarische Gesellschaft“ 1847 in Manchester. Schon 1812 hatte Percy Bysshe Shelley A Vindication of Natural Diet (Verteidigung der natürlichen Ernährung) geschrieben und damit nicht nur die englischsprachige Literaturgeschichte mit seinen Ideen beeinflusst, sondern auch die ersten AktivistInnen für Tierrechte wie etwa den Sozialisten Henry Steven Salt (1851-1939). Shelley hatte sich gegen das Schlachten der Tiere, gegen den Krieg und gegen die männliche Dominanz –
seine Liebespartnerin war die Feministin Mary Wollstonecraft – ausgesprochen, ebenso wie gegen soziale Ungleichheiten und die Todesstrafe. Salt wiederum war Gründer der Humanitarian League im Jahre 1891. Als Erbe dieser Pionierorganisationen entstanden in England in der Folgezeit drei historische Wellen der aktivistischen Bewegung für Tierrechte. Die letzte, dritte, dieser Wellen begann im Juni 1976 mit der Gründung der zu Anfang explizit gewaltfrei-anarchistischen Tierbefreiungsgruppe Animal Liberation Front (ALF).1

Russische und französische Anarchisten und Anarchafeministinnen als PropagandistInnen für Tierrechte

Neben Shelley gab es noch einen weiteren, in seiner Zeitepoche sowohl in seinem Heimatland als auch in Europa sehr bekannten Schriftsteller, der sich gegen das Schlachten der Tiere einsetzte: Leo Tolstoi. Sein Einfluss auf die zeitgenössische Gründung vegetarischer Gesellschaften in Europa kann kaum überschätzt werden. Mit Tolstois Unterstützung durchbrach die Bewegung den Ruf des Sektierertums, der ihr bis dato relativ leicht von anarchistischen oder proletarischen Strömungen, aber auch von industriellen Interessenvertretern der Fleischkonzerne auferlegt werden konnte. Auch auf das libertäre Milieu der Zeit wurde Tolstois Einfluss spürbar. Seine Positionierung war besonders bei den AktivistInnen der grenzüberschreitenden Sprache des Esperanto willkommen, die oft gleichzeitig VegetarierInnen waren.2 Für die Verbindung des Tolstojanismus zum proletarischen Milieu sorgte der russische Tolstoi-Schüler Evgenij I. Lozinskij, der mit ausdrücklicher Zustimmung Tolstois nach dessen Tod 1910 einen „sozialen Vegetarismus“ propagierte.3

Im Deutschland der Zwanzigerjahre war es Magnus Schwantje (1877-1959) gewesen, der Begründer des vegetarischen und kriegsgegnerischen „Bundes für radikale Ethik“, der zugleich Artikel zum Thema im Syndikalist, der Zeitung der FAUD, veröffentlichte.4

Besonders in Frankreich waren der Vegetarismus und sogar schon frühe Formen des Veganismus um die Jahrhundertwende im libertären Milieu verbreitet. Der Geograf, Anarchist und Kämpfer der Pariser Commune, Elisée Reclus (1830-1905), Genosse und Freund Bakunins, nannte sich „légumiste“ (etwa: Propagandist des Gemüseessens) und schrieb sowohl für die anarchistische wie für die vegetarische Presse. In den damaligen Diskussionen über den Darwinismus war es das wichtige Buch von Peter Kropotkin über die Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt aus dem Jahre 1902, das viele Beispiele für solidarisches Handeln in der Tierwelt und somit Argumente gegen das Gesetz vom „Überleben der Stärksten“ ins Feld führte. Im lebensreformerischen und naturalistischen Milieu der Jahrhundertwende entstand in Frankreich der Begriff des „végétalisme“ für das, was heute gemeinhin als Veganismus bezeichnet wird, also die Ernährung ohne Produkte, die der Tierausbeutung entstammen. Mit diesem Konzept wolle man nicht „auf halbem Wege stehenbleiben“, so der Individualanarchist und gewaltfreie Aktivist Louis Rimbault (1877-1949) gegenüber den VegetarierInnen. Besonders in den libertären Zeitschriften La Vie anarchiste, L’Anarchie und Le Libertaire erschienen immer wieder Artikel gegen das Töten der Tiere und die Tierausbeutung.

Rimbault wiederum war stark beeinflusst durch Georges Butaud (1868-1926), den er als „Meisterdenker des Veganismus“ bezeichnete. Seit 1898 hatte Butaud mehrere anarchistische Siedlungen gegründet und ab 1918 baute er mitten in Paris eine veritable vegane Infrastruktur auf.5

Die Lebensgefährtin von Butaud, Sophia Zaïkowska (1880-1939), definierte sich als individualanarchistische Feministin – und zudem als Veganerin. Sie ist ein Beispiel dafür, dass viele Vertreterinnen der radikalen Frauenbewegung von der ersten Stunde an die soziale Bewegung für Tierrechte unterstützt haben. Neben Zaïkowska in Frankreich waren das in England Frances Power Cobbe und Anna Kingsford, in Deutschland Helene Stöcker und Anita Augspurg und in den Niederlanden die Anarchafeministin Clara Wichmann (1885-1922). Sie alle sahen Strukturähnlichkeiten der Ausbeutung im Sklaventum, der Ausbeutung von Tieren und der Ausbeutung von Frauen.

Radikale TierrechtlerInnen im aktiven Kampf gegen den Nationalsozialismus

Das letzte Argument der FleischesserInnen lautet in der Regel: „Egal, Hitler war schließlich Vegetarier, also kommt es nicht in Frage, seinem Weg zu folgen.“ Tja, nur ist dies wohlfeile Argument falsch: Hitler war krank – nicht nur geistig und politisch, sondern auch physisch. Er litt unter Blähungen und exzessivem Schweißausstoß, was ihn zu Behandlungsmethoden zwang, die in bestimmten Phasen eine Ernährung verlangten, die der eines Vegetariers nahekam.6

Dagegen hat es jedoch eine sehr wirksame vegetarisch-sozialistische Widerstandsgruppe gegen den Nationalsozialismus innerhalb des Reichs gegeben, die direkte Aktionen erstaunlichen Umfanges durchführen konnte, etwa die massive Störung der Einweihung des ersten Autobahnteilstücks von Frankfurt nach Darmstadt im September 1933: der Internationale Sozialistische Kampfbund (ISK, von 1925-1945) bzw. dessen Vorläuferorganisation Internationaler Jugend-Bund (IJB, von 1917-1925), der von Leonard Nelson (1882-1927) gegründet wurde. In dieser linkssozialistischen Organisation kämpften viele Frauen und viele Juden/Jüdinnen gegen Hitler. Eine der Aufnahmebedingungen des ISK war der Vegetarismus. Bis 1938 war es ihm möglich, ein Netzwerk von vegetarischen Restaurants aufrechtzuerhalten, die als unauffällige Treffpunkte und zur Finanzierung der klandestinen Aktionen dienten. Der ISK war der Arbeiterbewegung verbunden und forderte im proletarischen Milieu Konsequenz ein: Wer kapitalistische Ausbeutung grundsätzlich kritisiere, könne auch die Augen vor der Ausbeutung von Tieren nicht verschließen.7

Lou Marin

Anmerkungen:

1 Mieke Roscher: Ein Königreich für Tiere. Die Geschichte der britischen Tierrechtsbewegung, Tectum, Marburg 2009.
2 Vgl. Leo Tolstoi, Clara Wichmann, Elisée Reclus, Magnus Schwantje et al.: Das Schlachten beenden! Zur Kritik der Gewalt an Tieren. Anarchistische, feministische, pazifistische und linkssozialistische Traditionen, Verlag Graswurzelrevolution, Heidelberg 2010
3 Siehe dazu u.a. Matthias Rude: Antispeziesismus. Die Befreiung von Mensch und Tier in der Tierrechtsbewegung und der Linken, Reihe theorie.org, Schmetterling Verlag, Stuttgart 2013.
4 Vgl. Leo Tolstoi, Clara Wichmann, Elisée Reclus, Magnus Schwantje et al., siehe Anm. 8, dort besonders den Beitrag von Renate Brucker über Magnus Schwantje.
5 Alle Zitate und Informationen zu Rimbault und Butaud, später auch Zaïkowska, siehe Marjolaine Jolicœr: „Des anarchistes végétaliens“, in: CMAQ (Center for Media Alternatives Quebec), Website, 13. 5. 2010.
6 Rynn Berry: Hitler: Neither Vegetarian Nor Animal Lover, Phytagorean Books, New York 2004.
7 Vgl. Leo Tolstoi, Clara Wichmann, Elisée Reclus, Magnus Schwantje et al., siehe Anm. 2


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Aus den Kommentaren...

Agrarökonomin schrieb am 24.01.2014 zu
Detroit: Von der Motown zum Urban Farming:

Richtig, die kleinen Gärten in den von Krupp und Co. geschaffenen Arbeitersiedlungen, hatten nichts mit Romantik zu tun. Mit dem Land, dass man ...