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Arbeiten im Schweinegürtel

Illegale Lohnabzüge, durch Akkord kein Mindestlohn trotz Gesetz und Tarifvertrag. 190 kg Ware müssen pro Stunde abgepackt, Gewichte von über 20 kg bewegt werden. Wer das Soll nicht schafft, bekommt weniger Geld, dafür Ärger mit dem Vorarbeiter, fliegt gar aus der überteuerten Unterkunft und muss im Wald schlafen. Im schlimmsten Fall geht es ganz ohne Geld zurück nach Hause. Es gibt keine Krankenversicherung, dafür fehlen Arbeitsverträge und Lohnabrechnungen, Sozialabgaben werden hinterzogen. Wer sich verletzt oder verschlissen ist, wird ins Herkunftsland zurück geschickt statt ins Krankenhaus. Vorher noch schnell die Verzichtserklärung unterschrieben, die aufgrund fehlender Sprachkenntnisse nicht verstanden wurde. Jeden Tag nur 2 mal 30 Minuten Pause, obwohl 3 Stunden vereinbart sind. Wer zu oft aufs Klo geht, fliegt. 7 Tage die Woche, von morgens um 4 Uhr bis abends um 19 Uhr bei monatlich 600 EUR.

Diese Zustände vermutet mensch vielleicht in Südostasien, tatsächlich gibt es sie im Schweinegürtel, von Niedersachsen bis NRW, in den Schlachthöfen von Tönnies, Heidemark, Wiesenhof, Danish Crown und Vion. Allein im Schlachthof Weidemark der Firma Tönnies werden täglich 15.000 Schweine geschlachtet, 18.000 sind geplant. Migrantische ArbeiterInnen aus Polen, Rumänien, Bulgarien und neuerdings auch der Ukraine werden hierfür unter falschen Versprechungen und für eine Vermittlungsgebühr von 1000 EUR nach Deutschland gelockt. Die Zeit nennt sie „Geisterarmee“.1

Sechs Personen teilen sich ein Zimmer, zwanzig eine Wohnung, die den Subunternehmen gehört. Bei Wuchermieten2 bis zu 18 EUR pro m2, direkt vom mageren Lohn abgezogen. Für Wohnungen in 50 Jahre alten Häusern, nicht ausgebauten Dachböden, Gewerberäumen, umgebauten Ställen, in die gleich nebenan die Rinder getrieben werden, die am nächsten Tag geschlachtet werden sollen. Bei solch sklavenähnlichen Wohn- und Abhängigkeitsverhältnissen ist kein Platz für Widerstand. Ganz im Gegenteil ist da die tägliche Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes. Auch die eigenen Rechte sind unbekannt. Arbeitsschutzkleidung muss selbst gekauft werden, ansonsten sind Verletzungen garantiert, multiresistente Keime3 inklusive.

Das europäische Entsendegesetz macht es möglich. Als die osteuropäischen Länder der EU beitraten, gab es keine Freizügigkeit für Beschäftigte, dafür Dienstleistungsfreiheit. Dies rief die MenschenhändlerInnen auf den Plan, die sich die Not der Menschen zunutze machten, um sich eine goldene Nase mit deren Ausbeutung in Werkverträgen zu verdienen. Eigentlich dürften keine ArbeiterInnen zur Entsendung angeworben werden, müsste diese nach zwei Jahren enden. Doch die Subunternehmen wechseln einfach jedes Jahr ihren Namen, auch wenn die GeschäftsführerInnen die gleichen bleiben. So wird das Gesetz umgangen. Und das lohnt sich auch für die Unternehmen in Deutschland, die neben Lohnkosten durch den Abbau der Stammbelegschaft auf weniger als 50% die EEG-Umlage sparen4. Die Verantwortung für die bei ihnen Beschäftigten schieben sie auf die Subunternehmen ab, denen rechtlich nur in den Heimatländern beizukommen ist. Viel zu aufwändig für Zoll und Politik, die sich sowieso als Unterstützerin der Unternehmen sieht. Sie sollen Arbeitsplätze und Steuereinnahmen in einer strukturschwachen Region generieren. Damit ist Deutschland zum Schlachthaus Europas geworden und bald zum größten Fleischexporteur der Welt. La Confédération Paysanne5 prangert schon seit Jahren die sozialen und ökologischen Kosten dieses Erfolges an, nur verhallt dies ungehört6.

Der DGB hat als Gegenmaßnahme deutschlandweit 6 Beratungscenter unter dem Progamm „faire Mobilität“ für migrantische ArbeiterInnen geschaffen, eines davon mobil in Oldenburg. Das hilft kaum etwas gegen die Arbeitsbedingungen in den wie Gefängnissen gesicherten Schlachthöfen. Trotzdem freut sich die NGG über einen Tarifvertrag, der das gesetzliche Mindestlohnniveau um 10 Monate verzögert, obwohl selbst sie befürchtet, dass dieser von Werkverträgen unterlaufen werden könnte.

1 Die Zeit, Ausgabe 51/2014 „Die Schlachtordnung“
2 Arbeitslosen-Selbsthilfe Oldenburg (ALSO), „Söldener Weg“
3 Durch den starken Antibiotikaeinsatz in der Massentierhaltung
4 Direkte Aktion, Ausgabe 224 „Billiges Fleisch“
5 Französische Bauerngewerkschaft
6 www.agricultures-migrations.org, 06/2014 „Ausbeutung
von migrantischen Arbeitskräften in Deutschland: zwischen Containern,
Spargelfeldern und Schweinehälften“


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Aus den Kommentaren...

Johnny Rotten schrieb am 07.01.2014 zu
Anarchistisch-syndikalistische Jugend (ASJ):

Nein, nein, nein! - Wenn etwas wirklich total und für immer verboten gehört, dann sind es Jugendorganisationen! Also, liebe Jugendliche, ...