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Über die Selbstorganisation eines Haufens ungebildeter, fauler, betrunkener Taugenichtse und die Rolle des Internets dabei

MWR: The sexiest rebellion ever

McDonalds Workers Resistance (MWR) – diesen Namen gab sich 1999 eine Gruppe junger ArbeiterInnen bei McDonalds in Glasgow (Schottland). Mit der Zeit und mit der Unterstützung der durch die FAU organisierten »Internationalen Solidaritätskonferenz – i02« schlossen sich andere Gruppen in Großbritannien und anderen Ländern an. Bis die Bewegung 2004 an Elan verlor und die ursprüngliche Gruppe sich auflöste, umfasste MWR hunderte ArbeiterInnen, die sich selbst als »apolitisch« oder politisch uninteressiert bezeichneten – aber die meisten unterstützten den konfrontativen Kurs der Glasgower Gruppe. Dieser erste Versuch, gering qualifizierte ArbeiterInnen mit Hilfe des eben entstehenden Internet zu organisieren, sammelte wichtige Erfahrungen und begründete eine Widerstandstradition. Diese Erfahrungen können als Anregung für andere dienen, die sich – besonders im Niedriglohn-sektor – zusammentun und für ihre Würde kämpfen. Just do it!

Während der McVerleumdungs-Verhandlung gegen zwei AktivistInnen in den 90er Jahren beschrieb der Oberste Gerichtshof die Einstellung von McDonalds zu Gewerkschaften als »abgeneigt«. Das ist so, als würde man einen Serienmörder als »schlechten Nachbarn« bezeichnen. Sie haben Tests mit Lügendetektoren durchgeführt, um Sympathien für Gewerkschaften herauszubekommen, haben ganze Filialen geschlossen, als sich die ArbeiterInnen zu organisieren begannen und wurden wiederholt für illegale Einschüchterungsmaßnahmen gegen Organiser verurteilt. In keiner einzigen McDonalds-Filiale in der englischsprachigen Welt konnte eine Gewerkschaft Fuß fassen. Auch wir haben es 1998 versucht und von den insgesamt 60 ArbeiterInnen 40 Unterschriften gesammelt, die unsere Gruppe als ihre Gewerkschaft anerkannten. Aber die Leute kommen und gehen, diese Fluktuation ist so hoch, dass diese Taktik aussichtslos war. Wir taten das einzig Logische: Wir gaben auf.                 

Einige Monate später kam der Gedanke wieder auf: Verdammt nochmal, dachten wir uns, selbst wenn das Gesetz unsere Organisation nie anerkennt, heißt das noch lange nicht, dass wir keine haben können! In dem Maße, wie wir mehr über »normale« Gewerkschaften erfuhren und mit ihnen einige Zeit verbracht hatten, fielen uns weitere Gründe ein, warum deren Weg kein wünschenswerter für unseren Kampf ist. Aus den genannten Gründen mussten wir als geheime Gruppe operieren. Das bedeutet, dass wir nur ungern öffentlich auftraten, uns fotografieren ließen, Journalisten trafen oder TV-Interviews gaben. Einige Hindernisse konnten wir umgehen: Bei Pressekonferenzen waren entweder keine Aufnahmen zugelassen oder wir trugen Masken.

Aber der größte Nachteil war, dass unser Organisationsnetzwerk immer unterwandert war und wir die meisten Beteiligten nie getroffen haben. Wir waren nie in der Lage gewesen, so was wie eine Konferenz zu organisieren. Umso wichtiger waren für uns die »neuen Technologien«.

Das Internet ermöglichte einen Grad von Organisierung und Kontakt, der für vorhergehende Generationen einfach nicht finanzierbar gewesen wäre. Natürlich birgt das Netz auch Gefahren. Es ist nicht schwer, das »Netzwerk« mit Organisation zu verwechseln. Wenn du tausend Kontakte hast, aber kein einziger in der Lage ist, am Arbeitsplatz eine Struktur aufzubauen, dann hast du tausend Mal nichts. Netzwerke sind nur dann nützlich, wenn es darum geht, unabhängige Strukturen unter Leuten zu schaffen, die tagtäglich zusammen arbeiten.

Ich schätze, der springende Punkt ist: Wir kamen in die Puschen, weil Leute agitiert haben, die von KollegInnen respektiert wurden. Das ist wahrscheinlich eine Vorbedingung für jede ArbeiterInnenbewegung, die es je gegeben hat und je geben wird. Alles marxistische Theoretisieren wird das nicht ändern. Ich denke die Revolution wird von ArbeiterInnen gemacht werden, die die wirtschaftlichen Bedingungen, die unser aller Leben vergällen, kollektiv in Frage stellen. Das wird nicht durch Magie vor sich gehen, sondern wird ausgehen müssen von bewussten Bemühungen der radikalisierten Teile der Klasse – an dieser Bewegung werden auch ArbeiterInnen teilnehmen, die in die Moschee gehen, Mascara tragen, eher Thomas Mann als Marx lesen, vor dem Essen »Danke« sagen oder Antiquitäten sammeln. Ich sehe also keinen Widerspruch darin, für eine revolutionäre Politik zu argumentieren und sich mit jedem zu organisieren, mit dem man alltäglich zusammen arbeitet, ob der nun koschere, vegane oder getoastete Sandwiches isst. Arbeiterorganisationen sind die einzigen Strukturen, die die Gesellschaft verändern können.

Drei Jahre nach unserer ersten Aktion waren wir ca. 20 Gruppen. Einige dieser Gruppen waren sehr stark dabei, eigene Flugblätter und Websites zu erstellen. Es gab mehrere Gruppen in Australien und ein halbes Dutzend in Nordamerika. Wir hatten auch eine sehr umfangreiche Kontaktliste. Da man von einem Yahoo-Account nur etwa 100 Emails pro Stunde versenden kann, brauchten wir einen ganzen Tag, um eine einzige Nachricht zu verschicken. Der Höhepunkt unserer Bewegung war der weltweite Aktionstag am 16.10.2002.

Einiges von dem, was an diesem Tag ablief ist sehr gut im Internet dokumentiert.

Es war ein großer Coup, viel größer, als wir erwartet hatten, und es hat ganz schön Auftrieb gegeben. Ich dachte nicht wirklich, dass viel passieren würde, aber als ich an diesem Morgen meine Emails checkte, waren da all diese Berichte, die schon aus Australien hereinkamen. Es war eine sehr aufregende Zeit. Was auch immer aktive Sabotage gewesen sein mag und was nicht, zahlreiche technische Probleme und Beispiele gewöhnlicher Inkompetenz wurden der unsichtbaren Hand des Widerstands zugeschrieben!

Anfang 2003 waren einige der Leute der Ursprungsgruppe, die noch immer dabei waren, umgezogen und arbeiteten bei McDonalds außerhalb von Schottland. Und wir waren einfach müde – ihr wisst ja selbst, wie viel Arbeit solche Projekte machen. Es war großartig, dass so viele ArbeiterInnen Kontakt zu uns aufgenommen haben, aber das bedeutete auch Stunden vor dem Computer. Dazu kommt noch, dass wir inzwischen sechs, sieben Jahre bei McDonalds gearbeitet hatten. Das ist eine lange Zeit. Es war Zeit, Schluss zu machen, und wir versuchten einen Nachruf zu schreiben. Aber jetzt, mit ein paar Jahren Abstand, kann ich sehen: Ohne eine umfassende Bewegung kann eine Initiative wie unsere immer nur ein Experiment sein. [ Funnywump – Ex-MWR ]


Diese Fassung des Interviews ist eine gekürzte Version des bearbeiteten Textes, der in der »Direkte Aktion« Nr. 179 erschienen ist. Die ungekürzte Fassung des Interviews und ergänzendes Material finden sich auf der Website der DA im Archiv der Ausgabe 179.


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Aus den Kommentaren...

J. schrieb am 11.01.2014 zu
Leiharbeit abschaffen!:

Sicherlich besteht bei Phrasen immer die Gefahr der Phrasendrescherei. Das haben Phrasen so an sich. Doch genauso besteht bei konkreten Forderungen, ...