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Anarchosyndikalismus

Die FAU-IAA wird 30 Jahre

Die anarchosyndikalistische »Freie ArbeiterInnen Union« (FAU) feiert in diesem Jahr ihr 30jähriges Bestehen. Damit ist sie die einzige libertäre Organisation in Deutschland, die bereits in den 1970er Jahren aktiv war. Den Anstoß zur Gründung der Initiative FAU gab eine vierwöchige Vortragsreise mit VertreterInnen der spanischen CNT durch zahlreiche deutsche Städte im Herbst 1976. Die daran beteiligten Personen fanden sich in der Folge zu mehreren Treffen zusammen, wobei im Mittelpunkt der Überlegungen der Wunsch stand, sich selbst und den interessierten KollegInnen in den Betrieben endlich eine reale Alternative anbieten zu können. Neben dem selbstgewählten Schwerpunkt ihrer Arbeit – dem wirtschaftlichen Bereich – sah die Gründungsgeneration der FAU den Anarchosyndikalismus auch als gesamtgesellschaftliche Alternative zum Kapitalismus an.

Im Februar 1977 trafen sich die Militanten zu einem ersten nationalen Plenum in Köln, dem im Sommer mehrere Regionaltreffen folgten. Am 8. und 9.Oktober 1977 fand schließlich in Köln der 1.Kongress der FAU statt, auf dem eine Gründungserklärung verabschiedet wurde. Die neue Organisation basierte auf der Autonomie der einzelnen Gruppen und verständigte sich auf einige für alle unverzichtbare Grundsätze: Anti-Staatlichkeit, Anti-Militarismus, Vorrang der ökonomischen Aktion, Arbeiterselbstverwaltung, direkte Demokratie und Föderalismus. Die FAU berief sich auf die historische Tradition des Anarchosyndikalismus und betonte ihre internationale Ausrichtung durch enge Beziehungen zur spanischen Schwesterorganisation CNT und den Eintritt in die syndikalistische Internationale, der auf dem 16. IAA-Kongress 1979 in Paris bestätigt wurde. Eine eigene, bundesweite Zeitung erschien unter dem Namen »Direkte Aktion« ab Juni 1978 und ist auch heute noch das offizielle Organ der FAU.

Die ersten Jahre waren äusserst turbulent und interne Meinungsverschiedenheiten bzw. Anfeindungen von außen setzten der neuen anarchosyndikalistischen Gewerkschaftsinitiative schwer zu. Der von der FAU mit Nachdruck verfolgte Ansatz des antikapitalistischen Klassenkampfs war zu dieser Zeit innerhalb der libertären und antiautoritären Linken ziemlich unpopulär. Dazu kam die von der anarchistischen Bewegung demonstrativ zur Schau gestellte Organisationsfeindlichkeit. Das Projekt einer anarchosyndikalistischen Richtungsgewerkschaft stand mehr als einmal vor dem Scheitern. Es ist der Hartnäckigkeit und dem Verantwortungsgefühl der Gründungsgeneration zu verdanken, dass die Organisation weiter bestand, wertvolle Erfahrungen nicht verloren gingen und so die Basis für ein Anwachsen der FAU erhalten blieb. In den 1980er Jahren intensivierten die FAU-Gruppen die Schulungsarbeit, erarbeiteten eigene inhaltliche Positionen zu aktuellen gesellschaftlichen Fragen und mischten sich in die Kämpfe der ArbeiterInnenbewegung ein. Es waren dies vor allem der grosse Konflikt zur Einführung der 35-Stunden-Woche und die breite Antikriegs- und Friedensbewegung.

Ein weiterer Schwerpunkt waren internationalistische Aktionen der ArbeiterInnensolidarität, ein Aspekt, der bis heute ein wichtiger Bestandteil der Praxis aller Gruppen und Syndikate der FAU ist. Exemplarisch hierfür war das Engagement der FAU-Militanten für den einjährigen, mit äusserster Härte geführten Streik im britischen Bergbau 1984/85. Die deutschen Anarchosyndikalisten starteten sofort eine breite Solidaritätskampagne für die britischen Bergleute, organisierten Rundreisen mit streikenden Bergarbeitern und sammelten viel Geld. Die Solidaritätsarbeit gipfelte schließlich in ein von der FAU durchgeführtes Feriencamp für 21 Bergarbeiterkinder, die für zwei Wochen nach Deutschland eingeladen wurden. Doch auch danach ging die Unterstützung für die streikenden Bergarbeiterfamilien durch die FAU weiter. Es wurde dabei gezielt ein Frauensolidaritätskomitee in Northumberland mit Geld und Paketen unterstützt. In einer Nachbereitung des Streiks wurde die Solidaritätsarbeit durch die verschiedenen IAA-Sektionen von der britischen Bergarbeitergewerkschaft NUM ausdrücklich gelobt. Auf dem 18.Kongress der IAA 1988 in Bordeaux übernahm die FAU das IAA-Sekretariat und der Kölner Ralph Aurand wurde zum neuen Generalsekretär gewählt. In den folgenden vier Jahren leistete das deutsche Sekretariat eine erfolgreiche Arbeit und diese Periode endete mit dem gelungenen 19. IAA-Kongress vom 17.-19. April 1992 in Köln.

Inzwischen war der Staatskapitalismus im ehemaligen Ostblock zusammengebrochen und eine FAU der DDR entstand, die sich 1991 der FAU-IAA anschloss. Ein interner Streit über die inhaltliche Ausrichtung der Organisation erschütterte die FAU zu dieser Zeit. In diesem Konflikt ging es darum, ob die FAU am strikt betrieblich-gewerkschaftlichen Kurs festhalten oder sich den Menschen aus den sozialen Bewegungen mehr öffnen soll. Die letztere Position setzte sich schließlich durch und führte dazu, dass Gruppen (Köln, West-Berlin, Wetzlar) und einige Einzelmitglieder die FAU verliessen (insgesamt etwa 25 Prozent), darunter einige der noch verbliebenen Gründungsmitglieder. Die Mehr­heit verabschiedete eine neue Prinzipienerklärung und versuchte den Mitgliederverlust zu kompensieren. In Frankfurt/Main mischte sich die FAU 1992 in den grossen Streik des öffentlichen Dienstes ein und initiierte dabei eigene Arbeitsniederlegungen. Auf internationaler Ebene bemühte sie sich, die Ideen des Anarchosyndikalismus in Osteuropa zu unterstützen. Mit tatkräftiger Hilfe der Osteuropa-Arbeitsgruppe der FAU entstanden dort viele neue Organisationen, die heute teilweise IAA-Sektionen sind. Es zeigte sich vorerst jedoch, dass die Organisation personell ausgezehrt und der Mitgliederstand sogar rückläufig war.

Erst in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre entstanden aus lokalen Syndikaten der Bereiche »Bildung« und »Landwirtschaft/Lebensmittelindustrie« jeweils bundesweite Branchenföderationen. Nach der Regierungsübernahme der rotgrünen Koalition 1998 und deren neoliberaler Reformpolitik änderte sich die politische Situation. Durch die unsoziale Agenda 2010 mit den gnadenlosen Hartz-Gesetzen wurde der Klassenkampf von oben forciert und die FAU reagierte mit einer entschiedenen Hinwendung zu gewerkschaftlichen und klassenkämpferischen Konzepten. Jetzt setzte ein dynamischer Prozess von Klassenkampf und Mitgliederzuwachs ein, der die Mitgliedschaft der FAU innerhalb weniger Jahre verdoppelte. Nun wurden von Syndikaten ausbleibende Löhne eingetrieben und Arbeitskämpfe geführt. In Frankfurt/Main rief die FAU einen erfolgreichen Streik bei einer Leiharbeitsfirma aus und in Berlin beteiligte sich die FAU an einem Kampf um den Erhalt des Arbeitsplatzes bei einem Callcenter mit 300 Beschäftigten, der jedoch leider verloren ging. Die FAU war in den zurückliegenden Jahren flächendeckend in der sogenannten Bewegung der Montagsdemonstrationen präsent, bei der bundesweit gegen die unsoziale Politik des Sozialabbaus gekämpft wurde. Ein organisatorisches Highlight für die FAU wurde die von ihr 2002 in Essen durchgeführte Internationale Solidaritätskonferenz (i02), bei der 160 syndikalistische BasisgewerkschafterInnen aus der ganzen Welt tagelang über Strategie und Taktik des antikapitalistischen Klassenkampfes berieten. Für viele blieb auch das abendliche Konzert mit der britischen Anarchopopkommune »Chumbawamba« in guter Erinnerung.

Es ist eine Ironie der Geschichte, dass die FAU seit einiger Zeit genau die Praxis entwickelt hat, die die Ausgetretenen des internen Konflikts von 1990/91 immer gefordert hatten. Diese klassenkämpferische und gewerkschaftliche Praxis bringt der FAU neue Mitglieder und öffentliche Aufmerksamkeit. Langsam werden die Konturen einer kämpferischen und selbstorganisierten Gewerkschaftsalternative sichtbar. Und immer noch ist die internationale Solidarität ein wesentlicher Bestandteil des Selbstverständnisses der FAU-Militanten, was die breite Solidaritätskampagne für die CNT-Sevilla im letzten Jahr in ihrem Konflikt mit der deutschen PLUS-Supermarktkette gezeigt hat. Dabei kam es allein in Deutschland zu Aktionen bei über 50 Filialen von PLUS. Die FAU hat also in ihrer nun 30jährigen Geschichte einen reichhaltigen Fundus an klassenkämpferischer Theorie und Praxis entwickelt. [ Roman Danyluk | Allgemeines Syndikat in der FAU München ]


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Aus den Kommentaren...

J. schrieb am 07.12.2013 zu
Widerstand gegen die Verfolgungsbetreuung von Erwerbslosen:

Dies ist der Angriff der Gegenwart auf meine übrige Zeit...