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PSA: Pression, Stress, Angoisse

[ Eine Vorstellung des Buches »die verlorene Zukunft der Arbeiter« findet du in diesem Beitrag ]

Mehr als 300.000 Peugeot 206 und Citroën C4 laufen in der Automobilfabrik im elsässischen Mulhouse jährlich vom Band. Im Werk, das zur Firmengruppe PSA Peugeot Citroën gehört werden von mehr als 11.000 ArbeiterInnen neben kompletten Fahrzeugen auch noch eine ganze Reihe von Zulieferteilen für andere Werke der Gruppe hergestellt.

Das 1963 erbaute und seither immer wieder modernisierte Werk erlangte im Jahr 2007 traurige Berühmtheit. Alleine im ersten Halbjahr begingen sechs Beschäftigte von PSA Peugeot Citroën Selbstmord. Fünf von ihnen arbeiteten im Werk Mulhouse, zwei von ihnen haben sich im Werk während ihrer Schicht umgebracht.
Seit einigen Jahren steigt die Zahl von Selbstmorden bei französischen ArbeiterInnen kontinuierlich an. Der französische »Wirtschafts- und Sozialrat« vermutet, dass zwischen 300 und 400 Selbstmorde jährlich auf das Konto als unerträglich empfundener Arbeitsbedinungen gehen. Nur ein Bruchteil von ihnen wird von der Sozialversicherung allerdings als arbeitsbedingt anerkannt.

Dass sich die Zahl der Selbstmorde gerade in den großen Industriebetrieben häuft, ist sicherlich kein Zufall. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Innerhalb kurzer Zeit haben neben den sechs Arbeitern bei PSA Peugeot Citroën weitere vier bei Renault und ebenso vier bei der Elektrizitätsgesellschaft EDF ihrem Leben ein Ende gesetzt. Nachdem selbst die Presse anfing, über die Häufung von Selbstmorden zu berichten, bekundeten etliche hochrangige Politiker ihr »Entsetzen« oder ihre »Betroffenheit«. Im Nachgang war dann auch das Management von Peugeot Citroën »schockiert« und kündigte allerlei präventive Maßnahmen wie z.B. ein Krisentelefon an. Gleichzeitig wurde aus
den Führungsetagen aber auch vor »gefährlichen gedanklichen Kurzschlüssen gewarnt«.

Solche gedanklichen Schlüsse liegen in der Tat nahe. In den letzten Jahren ist die Arbeitsorganisation bei PSA immer wieder umgekrempelt worden um schneller, effizienter und profitabler produzieren zu können. Der Druck auf die Belegschaft hat durch diese Programme zur Produktivitätssteigerung, zur gegenseitigen Überwachung und permanenten Selbstbegutachtung enorm zugenommen. Im Blog von »alsapress« buchstabierte jemand denn auch PSA als »Pression, Stress, Angoisse« - Arbeitshetze, Stress, Angst.  

Auch im Werk mehren sich angesichts der Serie von Selbstmorden die kritischen Stimmen. Es gebe im Produktionsprozess keine Wartezeiten mehr und die kurzen Pausen würden in keiner Weise ausreichen, um Konflike auszudiskutieren, sagte ein Arbeiter. Einer der Betriebsärzte bestätigt das und spricht vom »Verlust menschlicher Bindungen und wachsendem Individualimus«.

Wie die Umstrukturierungen der Arbeitsorganisation bei PSA Peugeot Citroën in den letzten 20 Jahren im Detail umgesetzt worden ist, was das für die Belegschaft in und außerhalb der Fabrik bedeutet hat und welche Kämpfe sich dagegen entwickelt haben, darum geht es in dem ausgezeichneten Buch »Die verlorene Zukunft der Arbeiter« von Stéphane Beaud und Michel Pialoux, das wir in einem eigenen Beitrag vorstellen. Darin wird u. a. deutlich, wie das System der Arbeitsorganisation, der Aufspaltung und der Vereinzelung in der Fabrik funktioniert, von dem ein Gewerkschaftsfunktionär überaus vorsichtig sagte, der Konzern habe »die Schraube womöglich zu sehr angezogen«. Und wie die steigende Zahl von arbeitsbedingten Selbstmorden zeigt, ist dies nicht nur in der französischen Industrie ein tödliches Problem. 


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Aus den Kommentaren...

J. schrieb am 11.01.2014 zu
Leiharbeit abschaffen!:

Sicherlich besteht bei Phrasen immer die Gefahr der Phrasendrescherei. Das haben Phrasen so an sich. Doch genauso besteht bei konkreten Forderungen, ...