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Die aktuellen Streiks und die Aufgabe für SyndikalistInnen

Streik ist die einzige Sprache, die sie verstehen

Spätestens seit letztem Jahr ist der Trend in Richtung einer Zunahme und Verschärfung von Arbeitskämpfen auch in Deutschland nicht mehr übersehbar. Laut amtlicher Streikstatistik fielen 2006 12,4 Arbeitstage pro 1000 Beschäftigte durch Streik oder Aussperrung aus. Das ist zwar im internationalen Vergleich immer noch sehr niedrig (in Spanien lag dieser Wert im Mittel der letzten 10 Jahre bei 145, in Italien bei 87 Arbeitstagen), bedeutet für Deutschland jedoch den höchsten Wert seit 1993 – nachdem dieser Wert zur Jahrtausendwende auf kaum mehr spürbare 0,4 Arbeitstage gesunken war. Dieser Trend dürfte sich 2007 fortgesetzt haben.

Auch wenn die meisten Auseinandersetzungen in den Betrieben Abwehrkämpfe gegen anhaltende Verschlechterungen bei Arbeitsbedingungen und -entlohnung gewesen sind, haben die Kämpfe Lernprozesse in Gang gesetzt, die für die Herausbildung einer neuen antikapitalistischen Bewegung von nicht zu unterschätzender Bedeutung sind. In ihnen wurde erstmals wieder eine neue Kollektivität und Eigeninitiative der ArbeiterInnen spürbar – und ein Gespür für die Kraft, über die ArbeiterInnen trotz aller Unkenrufe von Unternehmern und ihren Helfershelfern der Wissenschaftsbetrieben auch weiterhin verfügen.

Zwar haben die Umstrukturierungsprozesse der letzten Jahre und Jahrzehnte in den Betrieben zu einer zunehmenden Vereinzelung der ArbeiterInnen an ihrem Arbeitsplatz geführt. Die Unternehmer versuchen den Gefahren, die ihnen aus einer zunehmenden Vergesellschaftung der Arbeit erwachsen, durch Umgestaltung von Unternehmensstrukturen, vermehrten Einsatz von LeiharbeiterInnen, Auslagerungen usw. vorzubeugen. So wurde die Arbeitsverantwortlichkeit zunehmend individualisiert und die ArbeiterInnen einer verschärften gegenseitigen Kontrolle und Konkurrenz unterworfen. Hinzu kommt, dass durch die immense Arbeitsverdichtung kaum mehr Zeit für Gespräche untereinander blieb – eine nicht unwesentliche Voraussetzung für das Zustandekommen von Widerstand und kollektivem Miteinander.

Daher ist es kaum verwunderlich, dass am Rande der Streiks immer wieder zu hören war, dass erst während dieser Kämpfe die KollegInnen sich untereinander und die Gemeinsamkeit ihrer Interessen kennen lernten. Unverkennbar ist auch, dass die Bereitschaft zur kollektiven Gegenwehr gewachsen ist. Das zeigen nicht nur die hohen Zustimmungsquoten bei den Urabstimmungen, sondern auch die zunehmende Eigeninitiative von ArbeiterInnen bei den Streiks. Diese hat zwar noch längst nicht die Mehrheit der Beschäftigten erfasst, jedoch waren es oft kleinere unabhängige ArbeiterInnengruppen, die einen entscheidenden Beitrag zur Entstehung und Weiterführung von Kämpfen – oft gegen das Widerstreben der offiziellen Gewerkschaftsvertreter – führten.

Zwar gelingt es auch den Gewerkschaften im Verlaufe der Streiks immer wieder zahlreiche neue Mitglieder zu rekrutieren, nach Beendigung der Auseinandersetzungen sind diese jedoch i.d.R. genauso schnell wieder aus- wie sie eingetreten sind. Das liegt nicht nur an ökonomischer Berechnung (vor allem wegen der Streikgelder für Mitglieder), sondern auch daran, dass sich immer deutlicher die Unfähigkeit und/oder der Unwillen der DGB-Gewerkschaften zeigt, die Eskalation der Kämpfe über ein unerlässliches Mindestmaß, wie es für die ritualisierten »Arbeitskämpfe« der vergangenen Jahre ausreichend war, hinaus zu treiben. Viele Streiks wurden letztlich mit i.d.R. sehr zweifelhaften Abschlüssen schnell wieder beendet, etwa, wenn sich Auswirkungen auf andere Betriebe zeigten oder sich eine überbetriebliche Solidarisierung abzeichnete. Es dürfte abzusehen sein, dass verdi, IG Metall & Co. kaum von den zunehmenden Arbeitskämpfen profitieren werden. Eher werden es die kleinen, berufsständisch orientierten Organisationen von vor allem hochqualifizierten Lohnabhängigen (Ärzte, Piloten, Lokführer…) sein, die nicht zuletzt aufgrund ihrer größeren Macht im gesellschaftlichen Reproduktionsprozess und der daraus resultierenden Kampfkraft einen Zuwachs an Mitgliedern erzielen.

Damit jedoch wird die Spaltung unter den ArbeiterInnen weiter vorangetrieben, die Niedrigqualifizierten und Arbeitslosen zunehmend an den Rand gedrängt. Hier ist es unsere Aufgabe, kollektive Alternativen für alle Lohnabhängigen ins Spiel zu bringen, die solchen Spaltungsprozessen entgegenwirken und höhere Durchsetzungschancen für alle Beteiligten bieten. Natürlich können auch wir nicht genau vorhersagen, wie Kämpfe zu führen sind – solche Perspektiven werden in diesen selbst erst entwickelt. Zudem wollen wir nicht die alte »Avantgarde« der Berufsfunktionäre durch eine neue ersetzen. Dennoch können wir als SyndikalistInnen z.B. aus dem Erfahrungsschatz unserer »Ahnen« schöpfen, der zudem in einer Zeit gemacht wurde, an deren Standards sich anzupassen die Herrschenden derzeit anscheinend unausgesetzt bemüht sind. Das waren Zeiten, wo es noch kein ritualisiertes Arbeitskampf- und Tarifvertragssystem gab, Klassenkämpfe noch sehr viel direkter geführt wurden und die Einsicht verbreitet war, dass in den Parlamenten für die Arbeitenden – dauerhaft – keine Verbesserungen durchzusetzen sind. Zwar hatte es in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts den Anschein, dass diese Vorstellungen überlebt seien (was wohl auch der Hauptgrund für den Niedergang des Syndikalismus war)– um nun umso nachdrücklicher wieder auf der Agenda zu erscheinen.

Es dürfte daher heute umso leichter sein, die Prinzipien der  »direkten Aktion« wieder in den Vordergrund unseres – und unserer KollegInnen– Handelns zu rücken. Dass das Interesse der Volksvertreter, Betriebsräte und Gewerkschaftsfunktionäre kaum über das nach ihrer Wiederwahl hinausgeht, braucht man nach den jüngsten »Skandalen« kaum jemanden noch zu erzählen. Auch ist inzwischen selbst die amtlich ermittelte Zustimmung zum kapitalistischen System deutlich gesunken. Was heute fehlt, ist in erster Linie der Glaube an die Veränderbarkeit der Gesellschaft und realitätsnahe Alternativen.

Natürlich können wir jetzt nicht mit den Konzepten der Anarcho-Syndikalisten der 1920er Jahre kommen, die diese in unmittelbarer Revolutionserwartung proklamiert haben. Zudem dürfen wir uns auch nicht anmaßen, zu wissen, »wo es langgeht«. Solche Perspektiven können nur gemeinsam und auf Grundlage der in heutigen Kämpfen gemachten Erfahrungen entwickelt werden. Wir sollten dennoch nicht mit unseren Vorstellungen und den von uns für richtig erkannten Prinzipien – der »direkten Aktion«, das Primat des ökonomischen Kampfes, der Unvereinbarkeit der Interessen der ArbeiterInnen mit denen der Unternehmer, der Ablehnung des Staates als Mittel der Gesellschaftsorganisation – hinterm Berg halten. Parolendrescherei ist dabei jedoch tunlichst zu vermeiden, diese Prinzipien müssen immer durch konkrete Vorschläge und unser Handeln nachvollziehbar werden. Unser Weg sollte sich daher am »fragenden Vorangehen«, wie es den Zapatist@as vorschwebt, orientieren. Es ist zudem weder besonders aussichtsreich, mit anarchistischen Parolen zu agitieren, noch notwendig. Heute ist der hiesige Kapitalismus angesichts des sich verschärfenden internationalen Konkurrenzkampfes kaum mehr zu materiellen Zugeständnissen für breitere Schichten der Arbeiterklasse in der Lage. In den Kämpfen der ArbeiterInnen gegen die Lohnsenkungen und sonstigen Verschlechterungen ihrer Lebensbedingungen wird früher oder später von selbst die Systemfrage gestellt werden müssen. Gleiches gilt mittelfristig auch für die »Nationalitätenfrage« – spätestens dann, wenn man feststellen muss, dass internationalen Konzernen nur durch internationale Solidarität wirksam etwas entgegenzusetzen ist.

Klar muss aber auch sein: Aus sozialen Kämpfen entsteht nicht automatisch eine antikapitalistische Perspektive. Aber ohne erstere ist letztere nicht zu haben. Und hier liegt unser Betätigungsfeld. In den vor Ort stattfindenden Auseinandersetzungen müssen wir präsent sein, mit den ArbeiterInnen diskutieren, sie über ihre Vorstellungen und Ziele befragen und konkrete Hilfe anbieten. Der Möglichkeiten sind viele. Neben Öffentlichkeitsarbeit, die von den Funktionären nur zu gerne vernachlässigt wird, sind es vor allem die Kontakte, über die wir verfügen – z.B. zu regionalen Arbeitsloseninitiativen und Sozialforen wie auch zu unseren Schwesterorganisationen in anderen Ländern, aber auch Sammlung von Geldern zur Unterstützung von Streikenden bis hin zur personellen Unterstützung von Streikposten und Blockaden.

Natürlich soll das nicht dazu führen, dass wir uns an die Spitze der neuen (bzw. inzwischen ja schon wieder alten?) linken Modewelle der »sozialen Frage« setzen und den Demo- durch einen Streiktourismus ersetzen. Das ist weder sonderlich sinnvoll, noch vom Aufwand her leistbar. Ein Muss sollte es aber schon sein, dass wir die Kämpfe in unserer Stadt, unserer Region verfolgen und nach unseren Möglichkeiten unterstützen. Nur über solche praktische Solidarität wird es uns gelingen, über den Dunstkreis der »Szene« hinaus Menschen anzusprechen und Alternativen zu den immer mehr versagenden DGB-Gewerkschaften zu schaffen. Ob die FAU dann die neue Form der Selbstorganisation der ArbeiterInnen ist, oder in den Kämpfen etwas Neues entsteht, ist dann letztlich nicht entscheidend. [ Ludwig Unruh ]


Kommentare

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Aus den Kommentaren...

J. schrieb am 07.01.2014 zu
Arbeitskampf bei Krupp in Rheinhausen:

...jau, wegen privater Probleme ging er in die Betty-Ford-Klinik... ;-) Ich fand den Lapsus ja nun auch nicht soooo dramatisch. Ist mir auch schon ...