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Vor 20 Jahren

Arbeitskampf bei Krupp in Rheinhausen

3 Kommentare

Am 2.12.1987 berichtete die TAZ: »Machen wir die Bude dicht«, schlägt ein Mann vor. »Laßt uns ein paar Brammen auf die Straßen schmeißen« fordert ein anderer. »Brammen« sind das Rheinhausener Stahlprodukt, große Stahlklötze, die im Bochumer Krupp-Werk zu Blechen gewalzt werden (…) Die FAU, die anarchistische Freie Arbeiter Union, fordert auf Plakaten »Streik« und steht damit wahrlich nicht allein. (…) »Was sollen wir machen, die arbeiten einfach nicht«, sagt Werner Hahn, der IG Metall Sekretär.(…) Die Stahlarbeiter in der Werkskantine, ihre Frauen, Rheinhausener Bürger vom Punk bis zum Rentner sind an diesem Montagabend zusammengekommen, um ein Aktionsprogramm gegen die Schließung zu organisieren. Am Vormittag, bei der Belegschaftsversammlung, an der 10.000 Leute teilnahmen, waren schon Eier auf Dr. Gerhard Cromme (Krupp-Chef) geflogen, so dass die Offiziellen von Krupp und CDU am Nachmittag nur noch im Schutze einer Glasscheibe auftreten mochten. Bis zum Abend haben sich die Leute immer noch nicht beruhigt, so dass es der evangelische Pfarrer Kelb schwer hat, sein vorgesehenes Programm durchzuziehen.«

Als im November 1987 bekannt wird, dass das Hüttenwerk Rheinhausen mit einer Belegschaft von 6000 Leuten geschlossen werden soll, beginnt der vielleicht härteste Arbeitskampf bundesdeutscher Geschichte. 160 Tage Streik und Kampf mit für hiesige Verhältnisse ziemlich militanten Aktionsformen. Rheinbrücken wurden tagelang blockiert, die Villa Hügel in Essen während einer Aufsichtsratssitzung gestürmt und besetzt, das Krupp-Denkmal in Rheinhausen flachgelegt, die Bannmeile des Düsseldorfer Landtags in einer Nacht und Nebel Aktion besetzt usw. Nebenher versuchte die Belegschaft durch direkte Kontakte in Form von massenhaften Besuchen, die anderen Stahlstandorte mit in den Kampf einzubeziehen. Dass, was eigentlich die Aufgabe einer Gewerkschaft sein sollte, wurden von den ArbeiterInnen und Betriebsräten des Werkes eigenständig organisiert.

Im Laufe des Kampfes kristallisierten sich die verschiedenen Fraktionen vor Ort heraus. Da war einmal die IG Metall, die in Rheinhausen eher eine Zuschauerrolle inne hatte, welche durchaus gewollt war, um nicht in den Kampf zu sehr hereingezogen zu werden. Sie finanzierte Dinge wie Busse, Konzerte, Politikerbesuche, Luftballons und dergleichen wichtiges und versuchte den Arbeitskampf mit der Organisation von »Events« (Lichterketten usw.) zu begleiten und herunter zu fahren. Ihren eigentlichen Job als Gewerkschaft »vergaß« die IGM geflissentlich. Nämlich aus einem regional begrenzten Kampf einen »Flächenbrand« zu organisieren und damit überhaupt die Voraussetzungen für einen Erfolg zu schaffen. Zu Beginn des Kampfes war der weitgehend von einem linken Flügel der Sozialdemokratie dominierte Betriebsrat und Vertrauensköper eine wichtige kämpferische Kraft, die schon bald langsam aber sicher umschwenkte und damit die ArbeiterInnen stark demotivierte.

Eine ganz neue Rolle in diesem Konflikt kam der Kirche zu. Mit dem wortgewaltigen Prediger Kelb setzte sie sich immer stärker an die Spitze des Kampfes und blamierte mit ihrer Show für die »kleinen Leute« die IG Metall. Neben den endlosen Appellen an den Krupp-Vorstand, sich doch zur sozialen Verantwortung für die armen StahlarbeiterInnen zu bekennen, griff sie auf der anderen Seite eigenständige Aktionen von KollegInnen verbal an. So zum Beispiel als militante KollegInnen vor der Villa des Krupp-Chefs Cromme in Mülheim eine Mahnwache organisierten. Pfarrer Kelb sprach von einem unzulässigen Eingriff in Crommes Privatsphäre. Gerade das war das Ziel der Aktion. Die »Privatsphäre« der ArbeiterInnen hatten Cromme und Konsorten längst ruiniert. Mit dieser – zugegeben – mickrigen Aktion sollte die Anonymität des Kapitals ein Gesicht bekommen. Das wurde gar nicht gern gesehen. Die FDP sprach gar von einer SA-Sturmtruppe, IGM und Kelb verurteilten diese Aktion scharf. Die Polizei wurde von der Aktion völlig überrumpelt und traute sich nicht uns zu räumen.

Uns, das war ein sogenannter »Aktionsausschuß«, der durch die Unzufriedenheit mit den schon erwähnten Institutionen entstand. Die Mischung aus kämpferischen Vertrauensleuten, der kleinen FAU – Betriebsgruppe, Trotzkisten, zeitweilig auch Leuten der MLPD-Betriebsgruppe (die nachdem sie den Ausschuß nicht dominieren konnten, schnell wieder weg waren) und etlichen unorganisierten ArbeiterInnen, hatte in letzter Konsequenz nicht wirklich die Chance, wesentlichen Einfluß auf den Kampf zu nehmen. In einer ziemlich verzweifelten Aktion wurde von den kämpferischsten ArbeiterInnen ein »wilder« Streik initiiert, der sieben Tage hielt und durch permanente Agitation etlicher Betriebsräte, der Nicht-Unterstützung der IG Metall und auch dadurch bedingtes weiteres Abbröckeln der Streikfront scheiterte. Es machte an einem bestimmten Punkt einfach keinen Sinn, die Tore zu besetzen, wenn viele der eigenen KollegInnen heimlich über die Werksmauer sprangen, um sich bei ihrem Meister arbeitswillig zu melden. In einer großen Versammlung, in der auch zum erstenmal in diesem Arbeitskampf massenhaft Angestellte vertreten waren, wurde dann mit einer satten Mehrheit für das »vorläufige« Ende des Kampfes gestimmt.

Damit war der Keks gegessen. Krupp konnte sein Konzept umsetzen, die Hütte lief bedingt durch einen unvorhergesehenen Stahlboom noch ein paar Jahre länger als geplant, viele der älteren KollegInnen konnten bei 90% der Nettobezüge in den vorzeitigen Ruhestand gehen und sämtliche ArbeiterführerInnen hatten ihre Schäfchen ins Trockene gebracht. Betriebsratschef Bruckschen ging für die SPD in den Landtag, wurde aufgrund seiner Alkoholprobleme später nicht mehr aufgestellt, Werkstoffprüfer und aktiver Betriebsrat Busch wurde Chef (!) der Personalabteilung in Bochum, der Rosa Luxemburg Fan Steegmann wurde Chef des Qualifizierungszentrums in Rheinhausen, der aufrührerische Ingenieur Laakmann wurde ebenfalls Chef eines neugegründeten Kruppschen Recyclingunternehmens und der Großteil der nicht so profilierten BRs ging zunächst als von der Arbeit freigestellte Berater in das neugegründete Hüttenwerk »Krupp-Mannesmann«. Fast sämtliche StahlarbeiterInnen wurden in andere Werke versetzt, und wenn sie nicht gestorben sind, so pendeln sie noch heute bis nach Essen, Krefeld, Dortmund oder Bochum.

Auch wenn sich Krupp die Befriedung des Werkes in Rheinhausen was kosten lassen hatte, ist die Niederlage nicht allein durch diese Bonbons zu erklären. In der ersten Zeit des Kampfes war die Wut bei den Arbeitenden so groß, dass sie sich um etwaige Konsequenzen in ihren Aktionen kaum scherten. Das große Potential an Eigeninitiative, die sich bei dem/der ganz »normalen« MalocherIn entwickelte, verblüffte selbst den Verfasser dieser Zeilen, der immerhin zehn Jahre mit seinen Kollegen zusammen arbeitete…

In erster Linie war die größte Schwachstelle die »eigene« Organisation mit ihrem »Verrat«, der eigentlich keiner war, sondern zur Natur einer auf Sozialpartnerschaft orientierten Gewerkschaft gehört.

Und in zweiter Linie ist die eigene Angst ohne »Autoritäten« weiter zu kämpfen und eigenständige Strukturen wie Vollversammlungen, Streikleitungen usw. zu etablieren, ein weiterer wesentlicher Hemmschuh. Diese beiden eben genannten Punkte bedingen sich gegenseitig. Solange auf Stellvertretung und Sozialpartnerschaft basierende starke Gewerkschaften existieren, werden die Arbeiter und Arbeiterinnen sich kaum von deren Apparat emanzipieren können und selbsttätig werden. Eigene Strukturen wie z.B. die der Gewerkschaftsinitiative FAU, könnten dies langfristig ändern.

Diese Strukturen waren in Rheinhausen (und leider auch anderswo) nicht vorhanden. Leute, die nie ihre eigenen Belange in die Hand genommen haben, werden nicht wie der Phönix aus der Asche steigen und dem Kapital zeigen, wo »der Hammer hängt«. Diese Hoffnung unsererseits war politisch naiv. Der Ausgang des Kampfes war daher absehbar. Die kleine Gewerkschaftsinitiative FAU vor Ort schlug sich wacker. Mit zig Solidaritätsaktionen wie Essen kochen, Kaffeestände organisieren, Plakate kleben, bundesweite Unterstützung organisieren und vor Ort präsent sein, wurden die eigenen  Leute im Betrieb unterstützt. Mehr war nicht drin.






Kommentare

J. schrieb am 15.12.2013 um 20:19 Uhr

Auch wenn man von Bruckchen aus guten Gründen wenig hält, sowas hier ist denunziatorisch:

"Betriebsratschef Bruckschen ging für die SPD in den Landtag, wurde aufgrund seiner Alkoholprobleme später nicht mehr aufgestellt." (Hervorhebung durch den Verfasser des Kommentars)

Damit beteiligt man sich an der Stigmatisierung von Suchtkranken. Und das geht gar nicht!

 

Verbrecher schrieb am 03.01.2014 um 13:55 Uhr

Ja, diese Kritik ist richtig. Da hätte besser aufgrund "privater" Probleme stehen sollen. Obwohl...Alkoholsucht ist ja nicht nur ein privates sondern gerade auch ein gesellschaftlich/politisches Problem. Aber das Kind hätte nicht so offen beim Namen genannt werden dürfen. Das stimmt. Durch und durch denunziatorisch. Sorry.

J. schrieb am 07.01.2014 um 21:11 Uhr

...jau, wegen privater Probleme ging er in die Betty-Ford-Klinik... ;-)

Ich fand den Lapsus ja nun auch nicht soooo dramatisch. Ist mir auch schon unterlaufen. Und was das politische und das private anbelangt: in Zeiten, wo ein Bundesminister via Bild dem Volke mitzuteilen beliebt, dass er von nun des Mittwochs sich gedenke um seine kleine Tochter zu kümmern und die Öffentlichkeit des so informierten Volkes sich dann ebenfalls via Bild gar ängstlich fragt, ob der so nun dreifach als Minister, Parteivorsitzende und Vater belastete, nicht unbedingt schwächlich erscheinende Mann, dies auf Dauer aushalten werde ohne das das Vaterland, der geheiligte Standort der kapitalistischen Konkurrenz wohlmöglich schaden nehmen werde, ist privatistisch oder politisch so was von wie Arsch gleich Eimer, dass das vollkommen Jacke wie Hose ist. Das weiß jede alleinerziehende KiK-Verkäuferin...

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Aus den Kommentaren...

Rudolf Mühland schrieb am 24.01.2014 zu
Detroit: Von der Motown zum Urban Farming:

Urban Farming ist sicher keine "Alternative" - aber ebenso sicher ist es eine offensichtliche Notwendigkeit! Und es ist nichts neues. Schau dir doch ...