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Zur Durchsetzungsgeschichte von Geschlechterverhältnissen im Kapitalismus

In jeder sozialen Klasse gibt es noch eine Unterschicht...

Sowohl in traditionellen, wie auch in modernen Gesellschaftsformationen herrscht eine geschlechtsspezifische Gesellschaftsordnung: Männer tun anderes als Frauen. Das Wort Geschlechterverhältnisse beschreibt dieses Phänomen: Innerhalb der kapitalistischen Gesellschaftsformation sichern Institutionen und Gesetze eine geschlechtsspezifische bzw. eine auf geschlechtlicher Arbeitsteilung basierende Trennung zwischen produktiver Lohnarbeit und nicht entlohnter, reproduktiver Hausarbeit ab. Weil im Kapitalismus nur zählt, was Wert bildet, gilt im allgemeinen Verständnis Hausarbeit nicht als richtige Arbeit. Grundsätzlich sind aber reproduktive Arbeiten für die Wiederherstellung der Arbeitskraft und für die spezifische Ausbildung zukünftiger Arbeitskräfte als Voraussetzung für den Kapitalismus unabdingbar. Das kapitalistische Vergesellschaftungsverhältnis wäre ohne Reproduktionsarbeiten überhaupt nicht möglich. Dennoch wird Hausarbeit nicht entlohnt. Frauen werden schlechter bezahlt, werden von der Lohnarbeit ausgeschlossen, weil sie sich ja um die Kinder und den Abwasch kümmern sollen und weil es sowieso ihre Bestimmung ist... In der Tat leisten Frauen, laut der UNO, weltweit zwei Drittel der wertschöpfenden Arbeit, erhalten dafür aber nur 10% der Weltlohnsumme und besitzen 1% der produktiven Ressourcen. Warum? Wie kommt es zu einem solchen Verhältnis?

Die Idee männlicher und weiblicher Geschlechtscharaktere ist Teil einer bürgerlichen Ideologie, nach der Männern und Frauen bestimmte komplementäre Charaktereigenschaften zugeschrieben werden. Diese Idee entsteht im 18.Jahrhundert durch biologistische und naturalistische Diskurse. Hierbei werden Mann und Frau als Ergänzung angelegt, um zusammen die vollendete Menschlichkeit darzustellen. Wesentlich in dieser Idee ist die Unterscheidung: Mann = öffentliche Sphäre, gesellschaftliche Produktion, aktiv, rational, Kulturwesen... Frau = häuslicher Bereich, private Reproduktion, passiv, emotional, Wesen für Fortpflanzung bestimmt. Die vergeschlechtlichten Zuordnungen und Charakterbestimmungen von Männern und Frauen nehmen quasi berufliche Züge an: die Frau sei für personenbezogene Tätigkeiten geeignet und der Mann für produktive Tätigkeiten in Industrie, Wissenschaft, Technik und Kultur. Die Entscheidung, wer in der Produktions- und Reproduktionssphäre tätig ist, ist so durch das biologische Geschlecht festgelegt. Ziel dieser Ideologie ist die Verfestigung von Heteronormativität, eine Vorstellung nach der nur zwei Geschlechter und Heterosexualität natürlich sind und alles was davon abweicht als abnorm gilt. Außerdem liefert diese Ideologie eine »natürliche« Rechtfertigung für soziale Ungleichheitsverhältnisse und für die Etablierung einer Familienform in der der Mann als Oberhaupt gilt.

Die Familienform wurde in vorindustriellen Zeiten bis ins 19. Jahrhundert als eine Wirtschaftseinheit namens »Ganzes Haus« bezeichnet. Diese bestand zumeist aus Hausvater und -mutter als gemeinschaftlich Verwaltende, Kindern, Gesinde, Handwerkern, Lehrlingen, Verwandte etc. Ob verwandt oder nicht, die Menschen wohnten unter einem Dach, aßen miteinander und arbeiteten gemeinsam. Das »Ganze Haus« reproduzierte sich durch Subsistenzproduktion. Produktions- und Reproduktionsarbeiten orientierten sich mehr am Gebrauchswert, weniger am Tauschwert. Im 19. Jahrhundert löste sich die Vergesellschaftungsform des »Ganzen Hauses« durch den Übergang von der Agrargesellschaft zur Industriegesellschaft, durch Proletarisierung und Verstädterung allmählich auf. Produktionsprozesse wurden mechanisiert und infolge dessen ausgelagert, lohnförmige Arbeiten außer Haus entstanden und dadurch wurden Wohn- und Arbeitsbereiche getrennt. Das heißt, mit der Durchkapitalisierung der Landwirtschaft, die Abschaffung der Leibeigenschaft und der Entstehung von Industrie beginnt für die Landbevölkerung der Zwang zur Lohnarbeit. Dabei ist ein Teil der bäuerlichen Bevölkerung gezwungen, die Landwirtschaft zu verlassen und ohne festen Wohnsitz nach Lohnarbeit zu suchen. Das gilt anfangs hauptsächlich für Männer. Für die Entstehung der privaten und der öffentlichen Sphäre ist somit der industriellen Revolution eine maßgebliche Bedeutung zuzuschreiben. Für die Geschlechterstrukturen bedeutet dies, dass das »Ganze Haus« als Subsistenzsystem, das die Reproduktion sichert, zerfällt und in ein ausdifferenziertes geschlechtsspezifisches System übergeht: Männer sind als direkt Lohnabhängige in der Produktionssphäre und Frauen als nichtentlohnte Arbeitskräfte in der Reproduktionssphäre tätig. Natürlich gibt es in der bürgerlichen Gesellschaft auch Frauenlohnarbeit – besonders in der Textilindustrie waren viele Arbeiterinnen anzutreffen – jedoch wurde diese durch Gesetze und Maßnahmen massiv eingeschränkt, um möglichst viele Frauen in die Reproduktionssphäre abzudrängen. Produktions- und Reproduktionssphäre treten in dieser Phase der Durchkapitalisierung der Gesellschaft immer mehr auseinander und die Daseinsbestimmung als Arbeiter oder als Mutter und Hausfrau geraten stärker in den Vordergrund.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts scheint sich das Geschlechterverhältnis noch einmal grundsätzlich zu wandeln. Die starke Ausdehnung weiblicher Erwerbstätigkeit nach dem Zweiten Weltkrieg, die Möglichkeiten von Empfängnisverhütung, die Bildungsexpansion, Emanzipationsbewegungen, die Forderungen nach Chancengleichheit auf dem Arbeitsmarkt und nach Gleichstellungspolitiken und -gesetzen sind Anzeichen hierfür. So ist z.B. die Frauenerwerbsquote seit 1968 von 50% auf 66,8% bis zum Jahre 2005 angestiegen. Auch der Übergang zu einer transnationalen Produktionsweise seit den 1970er Jahren hat auch Auswirkungen auf die gesellschaftlichen Arbeits- und Geschlechterverhältnisse. Dadurch, dass der ökonomische Erfolg von Unternehmen scheinbar stärker auf die Innovationsfähigkeit und Flexibilität der Arbeitenden angewiesen ist, sind die Lohnabhängigen mit einem komplexeren und aufwändiger zu organisierenden Alltag konfrontiert: Einerseits gefährdet in der Logik der Unternehmen, das Festhalten an traditionellen Geschlechterverhältnissen den ökonomischen Erfolg, weil undynamisch und unflexibel gestaltete Arbeitsverhältnisse zur Bremse von wirtschaftlichem Wachstum werden. Andererseits erhöhen mobile und flexible Arbeitsverhältnisse den Druck auf soziale Beziehungen und Familienleben, wirken sich negativ auf die Geburtenraten und den demographischen Wandel aus. Diese Neustrukturierungen konfrontieren die traditionelle Rolle der Frau mit der ihr zugewiesenen Zuständigkeit für Kinder und Haushalt. Damit entstehen neue Widersprüche: Je mehr Frauen sich durch die gesellschaftliche Entwicklung von ihrer Rolle distanzieren, desto prekärer wird die Trennung in Privat und Öffentlich, in Hausfrau und Arbeiter. Die Begegnung von Männern und Frauen auf dem Arbeitsmarkt lässt bestimmte Formen der Regulation seitens des kapitalistischen Staates zur Aufrechterhaltung der gesamtgesellschaftlichen Reproduktion notwendig werden. Eine politische Strategie der Regulierung moderner Geschlechterverhältnisse ist die Polarisierung bzw. Segregation in geschlechtsspezifische Berufsstrukturen. Es gibt klare geschlechtsspezifische Arbeitsstrukturen; Teilzeit- und Vollzeitbeschäftigungen. Nach dem Genderdatenreport der Bundesregierung sind abhängig beschäftigte Frauen 2004 mit 43% in Arbeitsverhältnissen unter 31 Stunden die Woche anzutreffen, bei Männern sind es nur 7%. In diesem Zusammenhang stehen auch der so genannte zweite Arbeitsmarkt, Mini-Jobs, geringfügige Beschäftigungen, befristete Arbeitsverhältnisse in Bereichen der haushaltsnahen Tätigkeiten (Erziehung, Pflege, Putzen) in denen über-wiegend Frauen anzutreffen sind. Dieses Verhältnis führt wiederum zu einer Verfestigung traditioneller geschlechtsspezifischer Arbeitsteilungen und zu Einkommensungleichheiten zwischen Männern und Frauen, was wiederum geschlechtshierarchische Abhängigkeitsstrukturen schafft.

Wenn »wir« von Klassen reden, sollte dieses Verhältnis bedacht werden. Eine syndikalistische Perspektive ist durch diese Fakten klar umrissen: Freiheit und Gleichheit kann nur erkämpft werden, wenn eine syndikalistische Perspektive auch eine geschlechtsspezifische ist. [ Stefan P. ]


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Aus den Kommentaren...

J. schrieb am 15.12.2013 zu
Arbeitskampf bei Krupp in Rheinhausen:

Auch wenn man von Bruckchen aus guten Gründen wenig hält, sowas hier ist denunziatorisch: "Betriebsratschef Bruckschen ging für die SPD in den ...