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Wie die Sabotage unter die ArbeiterInnen kam

Vor einhundert Jahren, am 30. Juli 1908, griff die französische Armee in Draveil streikende Arbeiter an. Sie erschoß vier Streikende und verletzte mehr als 200. Am 3. August schnitten Beschäftigte der Pariser Elektrizitätsgesellschaft als Reaktion darauf die Stadt von der Energie­zufuhr ab. Die entsetzte bürgerliche Presse verlieh Emile Pataud, einem anarchistischen Arbeiteraktivisten und treibende Kraft in der Elektrikergewerkschaft, am nächsten Tag den Titel »roi de l'ombre« – König der Nacht – und sprach von »Sabotage«.

Spätestens damit war ein Begriff in aller Munde, an dessen Verbreitung Pataud sicherlich nicht ganz unschuldig war, immerhin war er der Herausgeber eines vielbeachteten Sabotagebreviers mit dem ironischen Titel »Handbuch des perfekten Elektikers«. Er gehörte zu jener Generation von Aktivisten des revolutionären Syndikalismus, denen wir zu es verdanken haben, dass die Sabotage ihren Namen gefunden  und in das Arsenal des Klassenkampfes Einzug gehalten hat. Im Grunde genommen hatte die ganze Sache rund zehn Jahre früher so richtig Fahrt bekommen.

Am 19. September 1897 hatte Emile Pouget, der Herausgeber der po­pu­lären Zeit­schrift »Père Peinard« mit dem Leitartikel »Le Sabottage« aufgemacht. Es war sicherlich kein Zufall, dass am nächsten Tag der

3. Kongress der zwei Jahre zuvor gegründeten CGT stattfand, die die weltweit erste revolutionär-syndikalistische Gewerkschaft wer­den sollte. Viele Delegierte hatten den Artikel gelesen und manche mögen sich über das seltsame neue Wort »Sabottage« gewundert haben. Pouget, selbst Kongressdelegierter, verdeutlichte auch gleich, was er meinte. Einer Gewerkschaft war vom Präfekten die Teilnahme verboten worden. Als Reaktion forderte Pouget den Kongress auf, nicht wie üblich eine folgenlose Protestnote zu verfassen sondern stattdessen einem Antrag zuzustimmen, der die städtischen Arbeiter aufforderte, »in den städtischen Diensten von Paris Schäden im Betrag von 100.000 Franken zu verursachen, als Dank für das Verbot.« Zwar wurde der Antrag nicht weiter behandelt, aber der Kongress beschloss die Einrichtung einer Kommission zu neuen Aktionsformen, dessen Ergebnistext einstimmig und mit Begeisterung angenommen wurde. Bereits wenige Wochen später kursiert er als Broschüre in einer Auflage von mehr als 100.000 Exemplaren – die Sabotage beginnt die Runde zu machen.

Rund 15 Jahre später – die Sabotage ist mittlerweile verbreitetes Mittel im Klassenkampf – erscheint ein ausführlicher Text aus der Feder von Pouget unter dem Titel »Le Sabotage«, in dem er die Aktionsform in einen strategischen Zusammenhang stellt. Der Text ist bis heute ein Klassiker revolutionärer Literatur und speziell die amerikanische Übersetzung von 1913 hatte eine enorme Wirkung, die Louis Adamic so beschreibt: »Das Buch verkörperte für die Wobblies eine Art Evangelium«. Seit dem letzten Jahr liegt endlich auch eine deutsche Übersetzung vor, die bei Syndikat-A erschienen ist.

»Le Sabotage« räumt mit einigen Fehldeutungen auf. Zum einen damit, dass der Begriff etwas mit Holzschuhen zu tun habe, die in Maschinen geworfen wurden, um diese unbrauchbar zu machen. »Sabot«, ein Slang­ausdruck, steht hingegen für Verlangsamung der Pro­duk­tion, »Bummelei« oder Pfusch. Der Begriff hatte zunächst auch gar nichts mit gewaltsamer Zerstörung von Fabriken oder mit »Maschinenstürmerei« zu tun, dazu hat ihn erst die bürgerliche Presse in den USA gemacht, die die Wobblies diskreditieren wollte, sowie die US-Armee im Ersten Weltkrieg. Für Pouget und die CGT war die Sabotage vielmehr ein Mittel der direkten Aktion in einem Kampf, der seit Anfang des 20. Jahrhunderts in den Fabriken tobte und den Pouget wie folgt beschreibt: »Im ganzen Land tobte in den Werkstätten und Fabriken ein erbitterter Kampf um die Kontrolle über den Produk­tionsprozess. Überall versuchten die Unternehmer, sich die Kontrolle über die Betriebe anzueignen und das Wissen über den Herstellungsprozess in ihre Hände zu bekommen; überall boten die gelernten Arbeiter diesen Versuchen die Stirn«. Für diesen untergründigen Kampf am Arbeitsplatz, der zu einem regelrechten »Industriekrieg« eskalierte, war (und ist) die Sabotage das angemessene Mittel in einem ganzen Arsenal von Kampfformen der direkten Aktion.


Kommentare

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Aus den Kommentaren...

Verbrecher schrieb am 03.01.2014 zu
Arbeitskampf bei Krupp in Rheinhausen:

Ja, diese Kritik ist richtig. Da hätte besser aufgrund "privater" Probleme stehen sollen. Obwohl...Alkoholsucht ist ja nicht nur ein privates ...