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Du wirst niemals allein sein!

Als in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts die Bundesregierung eine sog. »große Volkszählung« durchführen und dazu tausende von KlinkenputzerInnen quer durch die Republik mobilisieren wollte, die mit Fragebögen bewaffnet der Bevölkerung Informationen entlocken sollten, gab es einen Aufschrei quer durch das Land. Fast über Nacht entstand eine Boykott-Bewegung, die Auflagen einschlägiger Boykott-Ratgeber gingen in die Hunderttausende. Die Regierung musste das Projekt schließlich komplett abblasen.

1948 erschien George Orwells Roman »1984«, der vor dem Hinter­grund des spanischen Bürgerkrieges und des 2. Weltkrieges das Schre­ckens­szenario eines stalinistischen oder faschistischen Terrorregimes ausbreitete, das durch technische und soziale Kontrolle die Bevölke­rung manipuliert und gegen innere und äußere Feinde in Stellung bringt. Lange Jahre galt das Buch als Synonym des Verlustes jeder Form von Privatheit und Freiheit. Es reichte aus, den Begriff »1984« ins Spiel zu bringen, um bei den meisten Menschen Abscheu und Furcht vor dem Staat zu erzeugen.

Beides, die Bereitschaft die eigene »Privatsphäre« gegen staatliche Informationsgier zu verteidigen und die berechtigte Furcht davor, überwacht und kontrolliert zu werden, scheint heute auf dem Rückzug zu sein. In den letzten Jahren haben staatliche und halbstaatliche Institutionen im Verein mit der Wirtschaft damit begonnen, mit einem wahren Dauerfeuer alle Dämme sturmreif zu schießen, die faktisch oder ideologisch um die informationelle Selbstbestimmung der Bevölkerung errichtet wurden.

Der Angriff erfolgt dabei aus mehreren Richtungen gleichzeitig. Zum einen sind es die staatlichen Behörden, die im Kielwasser des 11.  September und im Angesicht eines immer krisenhafter und instabiler werdenden kapitalistischen Weltsystems, an mehreren Fronten aktiv sind. Angefangen bei der Vereinheitlichung der Erfassungsmechanismen durch zentrale Steuer- und Melderegister, über den Versuch, jedwede Datenkommunikation unter Kontrolle zu bringen und durch Manipulationen und Wohnungseinbrüche Zugriff auf Computer zu erlangen wird derzeit vieles ausprobiert und angedacht. Im Verein und im Austausch mit anderen Regierungen, besonders derjenigen der USA, werden die Bewegungen von Millionen von Reisenden protokolliert, Informationen über deren Religion oder Gewerkschaftszugehörigkeit automatisiert ausgetauscht. Erste Forderungen nach Zugriff auf die Bewegungsdaten aller AutobahnbenutzerInnen werden von Polizei-behörden erhoben. Videoüberwachung des öffentlichen und privaten Rau­mes greift um sich, in London bewegt sich kaum mehr jemand ohne sich täglich auf hunderten von Bändern wiederzufinden. Dort gibt es auch erste Kameratürme, die mit Lautsprechern ausgerüstet sind und »sozial abweichendes Verhalten« anprangern – 1984 ist in diesem Punkt Realität geworden.

Überwachung und Kontrolle machen in der öffentlichen Sphäre nicht halt. Auch in den Betrieben und Büros steigen mit den technischen Möglichkeiten die Versuche, zu kontrollieren – und im Bedarfsfall zu sanktionieren – wie die Beschäftigten kommunizieren und ob und wie sie ihre Arbeitsleistung erbringen. Die wenigen Fälle, die – wie im Fall von Lidl oder der Telekom – ans Licht der Öffentlichkeit gelangt sind, stellen lediglich die Spitze eines Eisberges dar.

Mindestens so groß ist die Gefahr, die der digitale Lebensstil hinterlässt. Seit Millionen die Vorzüge des Internet und der jederzeitigen Erreichbarkeit per Handy für sich entdeckt haben, ist das Bewusstsein dafür, dass man mittels Vorratsdatenspeicherung noch über Monate trans­parent bleibt und – wie im Falle des »Oldenburger Autobahn-Mörders« geschehen – jederzeit und unbemerkt zum Gegenstand von Handy-Ortungen und Rasterfahndungen werden kann, dramatisch gesunken.

Es mag ja sein, dass es das Problem jedeR Einzelnen ist, ob sie/er dank Payback mit Werbung zugemüllt, mit Telefon-Marketingkanonaden bombardiert, von Kreditranking-Agenturen herabgestuft und bei Bewerbungen übergangen wird, weil sie/er in irgendeiner Community zu viel und das Falsche über sich preisgegeben hat.

Je selbstverständlicher allerdings der private und staatliche Zugriff auf das Leben aller wird, je mehr das Wissen darüber verschwindet, dass es alles andere als cool ist, mit seinem eigenen Namen möglichst viele Treffer bei Google zu erzielen, desto schwieriger wird die Situation auch für diejenigen, die ein berechtigtes Interesse daran haben, dass man möglichst wenig oder vielleicht sogar das Falsche über sie weiß – also zum Beispiel die, die das System der globalen kapitalistischen Zerstörung so schnell als möglich loswerden wollen. Wir sollten deshalb jede gesellschaftliche und technische Möglichkeit nutzen oder unterstützen, die dazu geeignet ist der Sammel- und Auswertewut Knüppel zwischen die Beine zu werfen.


Kommentare

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Aus den Kommentaren...

Becki schrieb am 30.11.2014 zu
Stinkender Zankapfel Leiharbeit:

Wer einmal Zeitarbeit als Angestellter erlebt hat, braucht zu diesem Thema nix mehr zu sagen. Gruß aus dem Süden Deutschlands :-)