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Dagongmei: Chinas rebellische Arbeiterinnen

»Auf der Unteren Mittelschule lasen wir einiges über marxistische Theorie. Als die Lehrer uns den Widerspruch zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen in der kapitalistischen Gesellschaft erläuterten, gingen sie auch auf die unmenschliche Ausbeutung der Arbeiter ein. Damals begriffen wir das nicht. Dann kam ich nach Shenzhen, um hier zu arbeiten. Da kapierte ich allmählich, wie die Kapitalisten die Arbeiterinnen unterdrücken und ausbeuten.«*

So beschreibt eine junge Arbeiterin ihre Erfahrungen in chinesischen Weltmarktfabriken. Mit Chinas rasanter Entwicklung vom maoistischen Armenhaus zum »Fließband der Welt« entstanden neue ArbeiterInnensubjekte, darunter die dagongmei, wörtlich: arbeitende Schwestern. Geschätzte 100 Millionen junge Frauen migrieren vom Land in die Städte, viele davon um in Fabriken zu arbeiten. In den industriellen Zentren an der Ostküste produzieren sie Textilien, Schuhe, Spielzeug und elektronische Geräte für die ganze Welt. Als Teenager kommen sie und sind mit 25 von der Arbeit ausgelaugt. Viele kehren dann auf’s Land zurück, nur um nach kurzer Zeit erneut in die Stadt zu ziehen und wieder einen Job zu suchen.

Die LandbewohnerInnen Chinas dürfen bis heute nicht dauerhaft in die Städte ziehen, eine Apartheid-Politik, die in den fünfziger Jahren eingeführt wurde, um die Landflucht einzuschränken. Seitdem hatte ein Großteil der StadtbewohnerInnen garantierte Arbeitsplätze und Sozialleistungen, die sogenannte Eiserne Reisschüssel. Die wurde mittlerweile im Zuge der Reformen und der Einführung einer »sozialistischen Marktwirtschaft« zerschlagen, was Ende der neunziger Jahre eine Welle von Kämpfen der städtischen ArbeiterInnen auslöste. Gleichzeitig wurde den LandbewohnerInnen ermöglicht, ihre Dörfer zu verlassen und sich vorübergehend in der Stadt, in der sie einen Job haben, aufzuhalten. Damit sollte der Hunger der staatlichen und privaten Unternehmer in den neuen Sonderwirtschaftszonen an der Ostküste nach billiger Arbeitskraft gestillt werden. Die soziale Spaltung zwischen Stadt und Land blieb bestehen.

In den Fabriken, die sowohl von ausländischen Konzernen als auch chinesischem Kapital betrieben werden, schuften die dagongmei heute täglich 10 bis 12 Stunden an Fließbändern und Maschinen, oft ohne freie Tage. Aufgrund der Antreiberei und fehlender Sicherheitsvorrichtungen gibt es viele Arbeitsunfälle, die giftige Arbeitsumgebung führt zu Berufskrankheiten. Sie wohnen in beengten Wohnheimen, oft direkt auf dem Betriebsgelände, wo sie ständig kontrolliert werden. Die Arbeiterinnen leiden unter den ständigen Bestrafungen und den Beschimpfungen durch die Vorgesetzten und verdienen gerade mal umgerechnet 50 bis 150 Euro monatlich.

»In dieser Fabrik lernte ich den bitteren Geschmack der Arbeit kennen. Die Erschöpfung war unerträglich. Wir produzierten leichte, tragbare Telefone. Die Platine war sehr klein und wir mussten in einem irren Tempo sechs oder sieben Bauteile aufstecken. Es war extrem schwierig, die richtige Position für die Bauteile zu finden. Ich war sehr angespannt und wagte nicht, mich während der Arbeiten zu unterhalten. Das Fließband lief furchtbar schnell. Ab und zu fiel eine Maschine aus. Beschimpfungen waren fester Bestandteil der täglichen Arbeit. Wenn ich nicht schnell genug arbeitete und die Platine vorbeizog, konnte es zu einem Produktionsfehler kommen. Dieses Hinterherhetzen machte mich fertig!«

Warum nehmen sie das alles auf sich? Weil sie auf dem Land kaum eine Chance auf ein besseres Leben haben. Als Mädchen und Frauen werden sie benachteiligt und unterdrückt, sie dürfen oft keine (höhere) Schule besuchen und leiden unter der Langeweile des Landlebens. Die Stadt verspricht Aufregung und Zerstreuung, Zusammensein mit Gleichaltrigen aus vielen Provinzen Chinas. Die Stadt, das ist die Aussicht, am modernen Leben teilzunehmen.

»Seit ich klein war, hatte ich noch nie das Dorf verlassen. Ich stellte mir vor, wie aufregend die Welt da draußen ist. Ich wollte raus und neue Sachen erleben, wollte schauen, ob es dort eine Platz für mich gibt.«

In der Stadt können die jungen Frauen auch ein Stück weit die Kontrolle durch ihre Familien abschütteln. Sie entziehen sich den arrangierten Ehen auf dem Dorf, gehen aus, machen sexuelle Erfahrungen. Sie erkämpfen sich etwas mehr Kontrolle über ihr eigenes Leben und einen besseren Stand in ihren Familien. Der Lohn in der Stadt ist immerhin so hoch, dass die jungen Arbeiterinnen ihre Familien unterstützen können, beim Hausbau, bei den Kosten für medizinische Behandlungen, bei den Schulgebühren für den Bruder.

»Ich schulde meiner Familie so viel. Mutter und Vater haben kein hohes Einkommen. Sie mussten für mich und meinen Bruder die Schule bezahlen, sie mussten das Haus bauen. Die Familie machte Schulden, die nach meinem Mittelschulabschluss noch weiter wuchsen. Deshalb schicke ich Geld zurück, jetzt da ich welches habe.« Die Frauen nutzen das Geld aber auch für sich, sparen für eine spätere Heirat, für den Traum von einem eigenen Laden.

Die dagongmei sind nicht die unterwürfigen Arbeiterinnen mit den flinken Fingern, die sich die Kapitalisten erhofften. Gegen den Ausbeutungstakt, das miese Essen, die niedrigen Löhne und despotische Vorgesetzte finden sie Wege des Widerstands. Sie erkämpfen sich ein neues Selbstbewusstsein, organisieren Petitionen, Demonstrationen und Streiks.

»Unsere Linie machte den ersten Produktionsschritt, genauer gesagt die Bestückung. An der zweiten Linie wurde gelötet, an der dritten montiert. Wenn wir einen halben oder ganzen Tag nicht zur Arbeit kamen, konnte die Fabrik nichts mehr produzieren. Deswegen schenkte die Geschäftsleitung der Bestückungslinie auch besondere Beachtung. An unserer Linie arbeiteten ein paar Leute, die sich ziemlich einig waren. Ich saß an der ersten Station der Linie. Der Vorschlag ging dann am Band entlang von einer zur anderen. Nach dem Abendessen besprachen wir die Sache. Wenn wir keine Überstunden leisten, dann alle zusammen. Wir streikten abends, tagsüber ging es nicht.«

In den Kämpfen müssen sie sich gegen die Komplizenschaft von Fabrikbossen und lokalen Behörden behaupten, gegen die Repression durch Polizei und angeheuerte Schläger zur Wehr setzen und auch die Konflikte in ihren eigenen Reihen, ihre Spaltung in Herkunfts- und Sprachgruppen und die Fabrikhierarchie überwinden.

Ab 2003, etwa zehn Jahre nach Beginn der großen Wanderung, nahmen die Kämpfe der dagongmei – und der WanderarbeiterInnen insgesamt – erheblich zu. Die Position der »zweiten Generation« der dagongmei hatte sich verändert. Sie sind nicht mehr die unerfahrenen Bäuerinnen, sondern haben früh gelernt, sich in der Stadt zurechtzufinden. Sie haben Mobiltelefone, gehen ins Internetcafé, suchen sich in der Stadt Freundinnen und Partner. Der familiäre Druck hat sich gelockert, den dagongmei bleibt heute mehr Geld, über das sie selbst verfügen können. In den Kämpfen bilden sich Aktivistinnen heraus, die die Erfahrungen weiterreichen, sich eine neue Taktik überlegen. Die Arbeiterinnen lernen, keine VertreterInnen mehr zu bestimmen, da diese oft bestraft werden, sie sabotieren während des Streiks die Maschinen, damit nicht weiterproduziert werden kann, sie blockieren Straßen, um mehr Öffentlichkeit und Druck zu erzeugen. Ihre Aktionen koordinieren sie in den Fabrikhallen und Wohnheimen. Sie sind lauter, fordernder und militanter als die Generation davor und profitieren vom bisher anhaltenden Boom, der in den Industriezentren zu einer Arbeitskräfteknappheit geführt hat. Ihre Löhne sind kontinuierlich gestiegen, in der letzten Zeit mit einen Zuwachs von etwa zwanzig Prozent pro Jahr. Ihre Bedingungen haben sich dadurch verbessert... aber sie erwarten weitere Fortschritte.

Zum Weiterlesen

www.gongchao.org

www.wildcat-www.de/dossiers/china

www.labournet.de/category/internationales/china/


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Aus den Kommentaren...

Verbrecher schrieb am 15.01.2014 zu
Leiharbeit abschaffen!:

@Sir Rebel Sicher Sir Rebel muss es immer auch heißen "Kampf der Lohnarbeit", der Klassengesellschaft etc. Da bestehe ich ebenso drauf, ...