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Anmerkungen zum 75. Jahrestag der Ermordung Erich Mühsams

Alles was die Nazis hassten

1 Kommentar

Erich Mühsam, geboren am 6. April 1878 in Berlin, war sekularisierter Jude, Anarchist, Boheme, Intellektueller und, als beteiligter an der Münchner Räterepublik vom November 1918, ein sogenannter »Novemberverbrecher«. Damit vereinigte er gleich fünf Feindbilder der Nazis auf sich. In der Nacht vom 9. zum 10. Juli 1934 wurde er von der SS im KZ Oranienburg bei Berlin ermordet.

Meine erste Begegnung mit Erich Mühsam fand in den 1990’er Jahren statt. Ich bin auf ein kleines schwarzes Buch, »Erich Mühsam – Sammlung« im Verlag Klaus Guhl gestossen. Inspiriert von den jährlichen Gedenkveranstaltungen anlässlich seiner Ermordung durch die Nazis in Berlin, lud ich 1999 FreundInnen ein in der Nacht zum 10. Juli mit mir eine kleine Gedenkfeier in Düsseldorf zu gestalten. Im darauffolgenden Jahr brachten Life P. und ich zusammen mit einem dutzend FreundInnen ein Theaterstück, »111 und 11 Mühsame Jahre«, auf die kleine Bühne im Kino Metropol. Die beiden Aufführungen waren ausverkauft, auch wenn wir einmal nur vor halbem Publikum spielten. Wir hatten ganz im Geiste Mühsams die Hälfte der Eintrittskarten für die zweite Aufführung an Treber und Arbeitslose verteilt.

Wer war Erich Mühsam?

1896 wird Erich Mühsam wegen »sozialistischer Umtriebe« der Schule verwiesen. Auslöser war eine Glosse im sozialdemokratischen »Lübecker Volksboten« über den Schuldirektor. Im mecklenburgischen Parchim macht er sein Abitur. Nach einer Apothekerlehre läßt er sich dann endlich 1901, seinen wahren Ambitionen nachgebend, in Berlin als freier Schriftsteller nieder. Hier arbeitet er unter anderem als Redakteur der anarchistischen Zeitschrift »Der arme Teufel«. 1903 veröffentlicht er »Die Homosexualität. Ein Beitrag zur Sittengeschichte unserer Zeit« mit der er sich gegen die vorherrschende Homophobie wendet. Bevor er ab 1909 im Münchner Schwabing lebte, unternahm er zusammen mit Johannes Nohl ausgedehnte Reisen, unter anderem nach Paris, Zürich, Wien und zur Künstlerkolonie Monte Veritá, Ascona. Ab 1911 gab er bis Kriegsbeginn 1914 seine erste eigene Zeitschrift, »Kain – Zeitschrift für Menschlichkeit«, heraus.

Im September 1915 heiratet er Kreszentia Elfinger, die Frau die ihn sein lebenlang begleiten sollte. Gegen den Rat von Rudolf Rocker und anderen floh sie 1934 über Prag nach Moskau. Dort wurde sie ein Opfer des Stalinismus. Nachdem sie den gesamten literarischen Nachlass an das Maxim-Gorki-Institut übergeben hatte, wurde sie 1936 das erstemal verhaftet. Nach Jahren im Gulag durfte sie ihren Lebensabend in der DDR verbringen, wo sie im März 1962 in Berlin starb. Im November 1918 beteiligt sich Erich Mühsam am Revolutionären Arbeiterrat und 1919 an der 1. Münchner Räterepublik. Am 13. April 1919 wird er verhaftet und zu 15 Jahren Festungshaft verurteilt. Eine bittere Ironie der Geschichte ist, dass er im Dezember 1924 aufgrund einer Amnestie, die Adolf Hitler aus der Festungshaft befreite, ebenfalls wieder auf freien Fuß gesetzt wurde. Als ehemaliger Häftling ist es ihm eine Selbstverständlichkeit, in der KP-nahen Roten Hilfe mitzuarbeiten und die politischen Gefangenen zu unterstützen. Jedoch tritt er 1929 wegen unüberbrückbarer Differenzen wieder aus. Seit 1926 warnte er in seiner Zeitschrift »Fanal« vor dem Faschismus. Als Sondernummer des Fanal erscheint 1932 seine letzte und vielleicht wichtigste programmatische Veröffentlichung: »Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat«. Seine letzte organisatorische Heimat fand Mühsam in der FAUD, der er zu Beginn des Jahres 1933 beitrat. Dieser Beitritt ist das Ergebnis eines langen Prozesses, an dessen Anfang die Freundschaft (spätestens seit 1927) zu Rudolf Rocker steht.

Martyrium

»Ich denke nicht daran , mich wieder einsperren zu lassen und dadurch zur Passivität in einem Moment verurteilt zu sein, wo die deutsche Arbeiterschaft kampflos vor dem Faschismus zurückweicht. Ich gehe ins Ausland; von dort werde ich zur internationalen Solidarität aufrütteln. Ich will aktiv bleiben.«

Dieses Vorhaben konnte Erich Mühsam nicht wahr machen. Die finanzielle Lage der Mühsams war so schlecht, dass sie nur das Geld für eine Zugfahrkarte nach Prag auftreiben konnten. Am 27. Februar kaufte er sich die Fahrkarte. Am darauffolgenden Tag wollte er in aller Frühe seinen Weg ins Exil antreten. Aber es kam anders. Am Abend des 27. Februar brannte der Deutsche Reichstag und um fünf Uhr morgens wurde er zwecks seiner Verhaftung aus dem Schlaf gerissen.

Sein Leidensweg begann im Gefängnis an der Lehrterstrasse. Dort herrschten noch »Weimarer Verhältnisse«, d.h. die Gefangenen wurden vorerst noch nicht geschlagen oder anderweitig gefoltert. Am 6. April wurde er in das Konzentrationslager Sonnenburg verlegt. Berichten zufolge wurden die Gefangenen schon auf dem Transport mehrfach hart geschlagen und mit Gummiknüppeln verprügelt. Es folgten im KZ Einzelhaft, Prügelorgien, Scheinerschießungen und »Arbeitsdienste«. Immer wieder wurde versucht, ihn und andere Gefangene dazu zu zwingen das Horst-Wessel-Lied zu singen, was jedesmal mit dem Intonieren der Internationale beantwortet wurde. Im Juni wurde er dann nach Plötzensee verlegt. Hier erlebte er, zwar in Einzelhaft, eine ruhige Zeit. Es war ihm sogar gestattet ein Tagebuch zu führen und an seinem Roman »Ein Mann des Volkes« weiter zu arbeiten. Diese relative und Hoffnung bereitende Ruhe währte jedoch nur kurz. Im August des Jahres erließ Göring eine neue Verordnung, welche eine Reihe von Verschlechterungen für die politischen Gefangenen bedeutete. Am 8. September wird er ins KZ Brandenburg überstellt. Hier sind Schläge und andere Folter wieder an der Tagesordnung. Für die Nazis ein Jude, brachte ihm das extra Prügel ein. Außerdem beflügelte die Tatsache, den Juden in ihm foltern zu können, ganz offensichtlich die Fantasie seiner Folterer. Bei einer Gelegenheit quälten die SA-Schergen einen Orang Utan, um ihn so zur Wut zu reizen und hetzten dann das geschundene Tier auf Mühsam. Das Tier verhielt sich jedoch ganz anders als von der SA geplant – es suchte in seinen Armen Schutz und klammerte sich in seiner Todesangst an ihn.

Die letzte Station sollte das KZ Oranienburg werden. Dorthin kam er am 2. Februar 1934 und wurde dem sogenannten »Judenzug« zugeteilt. Neben der Folter waren nun auch wieder »Arbeitsdienste« fester Bestandteil zur Demütigung der Gefangenen, insbesondere der als Juden deklarierten. Ein Hakenkreuz wurde ihm in den Bart gebrannt, der Kopf geschoren und mit den anderen Juden musste er den Abort putzen. Am 9. Juli übernahm die SS das Lager von der SA. Einem Bericht zu folge wurde Erich Mühsam zum SS-Sturmführer Ehrath gerufen. Dieser fragte ihn: »Mühsam, wie lange denken Sie noch in der Welt herumzulaufen? Wenn Sie sich nicht selbst erhängen, dann werden wir nachhelfen.« Er dachte jedoch nicht daran ihnen diesen Gefallen zu tun und sich selbst zu richten. Noch in der Nacht zum 10. Juli wurde Erich Mühsam von der SS im KZ Oranienburg erschlagen. Als Finale Demütigung hängten sie ihn im Abort auf, wo ihn die Mitgefangenen nach dem Morgenappell fanden.

Der Gefangene

Ich hab’s mein Lebtag nicht gelernt,
mich fremdem Zwang zu fügen.
Jetzt haben sie mich einkasernt,
von Heim und Weib und Werk entfernt.
Doch ob sie mich erschlügen:
Sich fügen heißt lügen!

Ich soll? Ich muß? Doch will ich nicht
nach jener Herrn Vergnügen.
Ich tu nicht, was ein Fronvogt spricht.
Rebellen kennen beßre Pflicht,
als sich ins Joch zu fügen.
Sich fügen heißt lügen!

Der Staat, der mir die Freiheit nahm,
der folgt, mich zu betrügen,
mir in den Kerker ohne Scham.
Ich soll dem Paragraphenkram
mich noch in Fesseln fügen.
Sich fügen heißt lügen!

Stellt doch den Frevler an die Wand!
So kann‘s euch wohl genügen.
Denn eher dorre meine Hand,
eh ich in Sklavenunverstand
der Geißel mich sollt fügen.
Sich fügen heißt lügen!

Doch bricht die Kette einst entzwei,
darf ich in vollen Zügen
die Sonne atmen Tyrannei!
Dann ruf ich’s in das Volk: Sei frei!
Verlern es, dich zu fügen!
Sich fügen heißt lügen! 

 


Kommentare

J. schrieb am 13.12.2013 um 10:40 Uhr

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Aus den Kommentaren...

Verbrecher schrieb am 06.02.2014 zu
Leiharbeit abschaffen!:

@Yomin Sicher würde jede Kapitalistin gern die Lohnarbeitenden und damit die Löhne als "Kostenfaktor" loswerden. Aber leider liegt es in ...