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Individuelle Sabotage des impliziten und expliziten Arbeitsvertrages

Guerillakrieg statt Klassenkampf

Momentan erlebte Ohnmacht und Erpressbarkeit am Arbeitsplatz erzeugen Wut, diese wird aber v.a. individualisiert erlebt und ausagiert. Denn während die Gewerkschaftsbewegung – endlich! – nach neuen Arbeitskampf- und Aktionsformen sucht, wie z.B. »schlauen« Streik, der nicht nur aus Streikenden und Streikposten besteht und die Rolle der Öffentlichkeitsarbeit entdeckt, haben die arbeitenden Menschen – ob organisiert oder nicht – längst vielfältige Formen der Gegenwehr und Rache für die alltäglichen Zumutungen gefunden:

Das Wort Sabotage entstand wahrscheinlich durch die Tatsache, dass französische Arbeiter während der industriellen Revolution ihre Holzschuhe (frz. »sabot«) in die Mäh- und Dreschmaschinen warfen, um gegen die fortschreitende Mechanisierung der Arbeit zu kämpfen, oder um sich eine Auszeit zu nehmen, bis die Maschinen repariert waren, wenn dieses überhaupt noch möglich war. Aus diesem Grund wurde der Sabot als ein Symbol der anarchistischen Arbeiter benutzt. Laut einer anderen Theorie bezieht sich hingegen der Begriff Sabotage auf damals neue Kampfformen in England – »Für schlechten Lohn schlechte Arbeit«, abgeleitet aus dem »Ca`Canny« oder »Go Canny«, und bezogen auf die Glasgower Dockerarbeiter nach 1889.

Also fängt die Sabotage schon im Kleinen an, durch Verlangsamung der Produktion, Verzögerung der Antragsabgabe, Dienst nach Vorschrift, Arbeit ohne Lust und Initiative, Krankfeiern und sick out, die Bummelei, schlechte Arbeit, Pfusch, Zuspätkommen, Zeitdiebstahl etc. Kurzum alle Formen der Rache am Arbeitsplatz vom passiven Widerstand über Gerüchte und Enthüllungen (Whistleblowing) bis hin zum aktiven Guerillakrieg durch Kunden-, Produkt- und Computersabotage, um »sich des Unternehmens zu bedienen, in dem Sie beschäftigt sind, während bisher lediglich Sie dem Unternehmen dienten«.

Sabotage beginnt also keinesfalls revolutionär, sondern durchaus passiv als Individuelle Sabotage des impliziten und expliziten Arbeitsvertrages aus Enttäuschung und Frust heraus und durchaus gerade als Folge von massiven Entlassungen im Unternehmen, auch wenn das Management glaubt, die verbleibenden »Beschäftigten« damit einschüchtern zu können. Nachlassende Identifikation mit dem Job, nicht zuletzt durch all die Entlassungswellen und ständige Bedrohung des eigenen Arbeitsplatzes, führt demnach zur inneren Kündigung. Der Chef bekommt nur noch exakt das, was er verdient, durch alle möglichen Formen der verlangsamten Arbeit, des Streichens von Eigeninitiative, von Ideen oder von leidenschaftlichem Einsatz, durch Unterlassen, stehen lassen, liegen lassen, Arbeit vortäuschen und Pseudoarbeiten, Leistung dimmen oder Krankfeiern. Zur Perfektion betrieben hat es »Das Dilbert-Prinzip« von Scott Adams mit seinen Gesetzen des Gehaltsgleichgewicht und des Gesamtarbeitsaufkommens: wirkliche Arbeit + Pseudoarbeit = Gesamtarbeitsaufkommen – bei möglicher Reduktion der wirklichen Arbeit…

Ob mensch es nun »Besser leben durch Bürodiebstähle« oder »Autonome Lohnerhöhung« nennt – auch diese aktive Herstellung der Gerechtigkeit bleibt zunächst ein individueller, passiver Akt. Zu eher aktiven Formen der Rache am Arbeitsplatz gehören Badbossing bzw. Staffing als Mobbing von unten und bezeichnen in diesem Zusammenhang »unfaire« Attacken gegen einzelne Führungskräfte oder gegen die Führungsebene von Seiten der »Beschäftigten«. Absicht kann der Ruin einzelner Vorgesetzter, des gesamten Stabes oder der gesamten Personal- und Unternehmenspolitik sein.

Es gilt, die durch äußere und innere Prekarisierung induzierten Zwänge zur Selbstunterwerfung, Wissenshergabe, Selbstouting, Selbstüberanwortung und Selbstaktivierung zu blockieren und ins Leere laufen zu lassen. Ob dieser Widerstand der persönlichen Gesundheit gilt und/oder sich an der Grenze zur strategisch-politischen Sabotage bewegt, hängt von vielen Faktoren ab: Politisches Bewusstsein, Grad der Individualisierung bzw. Kollektivierung, strategische Zielsetzung. Es gibt verschwimmende Grenzen zwischen individueller Rache und kollek-tivem Arbeitskampf – auf das Strategische kommt es an!

Es herrscht erstaunliche Ruhe an der Arbeitskampf-Front, auch wenn die großen DGB-Gewerkschaften momentan kämpferischer tun als in den letzten Jahren des lautlosen, ohnmächtigen Verzichts. Streiks finden nur noch statt, um die Mitgliedschaft symbolisch zu befriedigen, um das Elend gerechter zu verteilen oder um Sozialpläne zu »erkämpfen«. Und selbst diese Streiks greifen immer weniger – wie entzieht man Arbeitskraft, die das Kapital nicht mehr braucht? Die Antwort könnte lauten: Durch strategische Sabotage!

Wird Sabotage aktiv und auch bewusst als Arbeitskampfmaßnahme verstanden, meint sie die strategische Vereitelung eines Ziels durch gewollte geheime Gegenwirkung, z. B. absichtliches Langsamarbeiten oder Verursachen von Fehlern, ferner die vorsätzliche Beschädigung, Zerstörung oder Unbrauchbarmachung z. B. von Arbeitsmitteln und Waren, der Entzug von Energie. Damit soll planmäßig die Effektivität einer Person oder einer Organisation lahm gelegt werden. So verstandene Sabotage kann sich entweder auf die Quantität oder die Qualität der Produktion/Dienstleistung richten. Für solche kollektiven, strategischen Arbeitskampfmaßnahmen der Sabotage gibt es durchaus viele geschichtliche Beispiele, hieraus nur einige aus Frankreich:

  1. Im November 2001 hatte die Belegschaft von Moulinex zur Vermeidung von Entlassungen gedroht, die Fabrik in Cormelles-le-Royal in die Luft zu sprengen, Arbeiter mit Petroleum- und Benzinkanistern bezogen auf Dächern Position. Zwei Gerichtsvertreter und ein Personalchef der Firma werden in der Moulinex-Zentrale in La Defense bei Paris zudem von der Belegschaft festgehalten bis eine befriedigende Antwort vorlag. Die Drohung hat gewirkt.

  2.  Kampf gegen Privatisierung der Energieversorgungsbetriebe im Juni 2004 in Frankreich dadurch, dass der Strom tagsüber zum billigeren Nachttarif eingespeist oder für sozial bedürftige Familien, denen er abgestellt worden war, wieder angeschaltet wurde.

  3.  Arbeitsagentur-Beschäftigte in Frankreich streiken 2007 gegen Verpflichtung zur Schnüffeltätigkeit.


Im deutschsprachigen Umfeld gibt es dazu bislang nur Aufrufe, wie z.B. »An alle ARGE-KollegInnen: Aktion »Gesucht wird die deutsche Fabienne«. Sabotage als strategisches, kollektives Arbeitskampfmittel beruht allerdings auf anspruchsvolleren Voraussetzungen, als es individuelle
Rache am Arbeitsplatz oder traditionelle Arbeitskampfformen tun:

  • Anspruchsniveau und Mut
  • Selbstermächtigung und Abkehr vom Standortdenken und Sozialpartnerschaft.

Selbst für traditionelle, herkömmliche Arbeitskämpfe muß angesichts der heutigen Machtverhältnisse nämlich gelten: Streiken, aber richtig. Die Gewerkschaften müssen ihre Kämpfe zu gesellschaftlichen machen, nicht um den Arbeitsplatz, sondern für soziale Rechte und echte öffentliche Dienste. Als Teil des Problems ist es nicht möglich.

Angesichts dieser Bremswirkung des Wettbewerbskorporatismus der deutschen Gewerkschaftsbürokratie erscheinen die aktuellen Probleme des tradierten Tarifkampfes als vernachlässigbar. Denn wenn kollektive (Warn)Streiks ins Leere greifen, muß es nicht unbedingt vom Nachteil sein – Raus und wieder Rein, nach Kommando mit der Trillerpfeife im Maul, hat selten Spaß gemacht. Individualisierung muß also nicht schlecht sein, wenn sie sich gegen eine undemokratische Kollektivierung richtet! Und um die Telefonverbindung während des G8-Gipfels 2007 zu kappen, hätte es nur eines kämpferischen Kollegen bedurft…

Kein Missverständnis, nix gegen kollektiven Spaß! Für einen erfolgreichen Arbeitskampf bedarf es aber weder des Endes der Friedenspflicht noch einer Verhandlungskommission, sondern einer strategischen Rekrutierung kompetenten Personals und der solidarischen Unterstützung wie Abstimmung der Aktionen. Nichts Neues, wie früher beim Krankfeiern… Dann können auch kleine, kollektive wie individuelle Rache-Akte zu kollektiven und wirksamen Kampfmitteln werden! Und es macht Spaß… [ Mag Wombel ]


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Aus den Kommentaren...

Jupp schrieb am 08.03.2014 zu
Arbeiterselbstverwaltung in Krisenzeiten:

Die ganze so genannten "68-Revolte" war nichts weiter als ein "von oben" inszenierter kapitalistischer Modernisierungsschub getragen und ...