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Eine rebellische Belegschaft wird abgewickelt

Das »Strike-Bike« aus Nordhausen

Am 7. November 2005 verkaufte die Biria AG ihre zwei Fahrradwerke in Neukirch und in Nordhausen mit über 400 Arbeiter/innen für 11,5 Mio. Euro an den amerikanischen Finanzinvestor Lone Star. Um ihre Position als Marktführer zu sichern, übernahmen die Mitteldeutsche Fahrradwerke AG – MIFA die Sachwerte des einstigen Konkurrenten rückwirkend zum 1. Januar 2007 von den texanischen »Plünderern«. Deren Spezialiät besteht darin, »notleidende Kredite« von Banken aufzukaufen und die verschuldeten Firmen dann zu »filetieren, abzuspalten, auszupressen und weiterzuverkaufen«, wie der Spiegel es ausdrückte.

Umstrukturierung des europäischen Fahrradmarktes

Noch Anfang Dezember 2006 erläuterte der Vize-Präsident der Lone Star Germany GmbH wie der Wert von Biria wieder gesteigert werden sollte: »Durch die Lösung der akuten finanziellen Probleme werden das Vertrauen der Kunden und Lieferanten sowie die Motivation der Mitarbeiter wieder gestärkt. Dies bringt das Unternehmen in eine hervorragende Ausgangsposition, um im zweiten Schritt die notwendigen Veränderungen des deutschen und europäischen Fahrradmarktes aktiv zu gestalten.«                          

Diese Veränderungen begannen bereits am 5.12.06 mit dem Abschluß eines Lohnfertigungsvertrages: die Nordhäuser mußten bis zu 30.000 Fahrräder monatlich für die MIFA zu einem festgelegten Dumping-Preis produzieren (u.a. für Aldi, Metro, Penny). Nach einem halbjährigen Ausbluten verkündeten sie lauthals, der Betrieb arbeite nicht mehr profitabel. Konsequent hatte Lone Star am 6.12.06 die Biria-Vermögenswerte an die MIFA verkauft, wofür sie als Gegenleistung ein 2 Millionen-Aktienpaket (25%) übernehmen.

Die längste Betriebsbesetzung – Betriebsversammlung Deutschlands

Am 20.6.2007 wurde der Belegschaft in Nordhausen, die bis zum letzten Tag noch im Schichtbetrieb mit 135 Festangestellten und 160 Zeitarbeiter/innen für die MIFA gearbeitet hatte, die Betriebsschließung zum 30. Juni bekanntgegeben. Die Verhandlungen um einen Sozialplan machten sofort deutlich, daß Lone Star/MIFA die Stillegung so billig wie möglich abwickeln wollte. Den Arbeiter/innen wurde auf der Betriebsversammlung am 10.7. mitgeteilt, daß es keinerlei finanzielle Reserven mehr gäbe, man bot lediglich 828.000 Euro für Abfindungen an. Die Kolleg/innen beendeten daraufhin die Betriebsversammlung nicht, der Betrieb wurde praktisch besetzt. Es entstand aus Paletten und Planen ein Streiklokal. Sie wollten sich nicht kampflos abspeisen lassen. Ihre Parole lautete: »Wer nicht kämpft, der hat schon verloren!«

»Strike-Bike« – Synonym für Widerstand

Die ersten Meldungen über die Besetzung in Nordhausen kamen am 11.7., ein Artikel der Thüringer Allgemeinen wurde über das Netzwerk der GewerkschaftsLinken – labournet.de –  verbreitet. Im Laufe der Zeit besuchten viele solidarische Kolleg/innen das besetzte Fahrradwerk, unter ihnen zwei FAUistas des Café Libertad Kollektivs. Bei einem zweiten Besuch wurde über die Idee einer möglichen Fahrrad-Produktion, eines »Strike-Bike« gesprochen. Erst nach einem Gespräch Anfang September begann die Unterstützungs-Kampagne der FAU. Dazu mußten in Nordhausen weitere rechtliche Dinge geklärt und die Zustimmung der Belegschaft abgewartet werden. Die Berliner Radspannerei Kreuzberg wurde gewonnen, um mit den Nordhäusern das Soli-Rad zu entwerfen.

Am 19. September konnte die Kampagne abends gestartet werden. Die Idee der selbstverwalteten Produktion und die mutige Verweigerung einer sang- und klanglosen Abwicklung wurde vielerorts sofort verstanden. Zuerst griff die lokale Zeitung – die Neue Nordhäuser Zeitung, das Thema auf: »Es könnte losgehen ...«. Einen Tag später titelte das Neue Deutschland: »Aufmüpfiges Kollektiv sucht Kunden«.

In ihrer Pressemitteilung vom 21.9. erklären die »WeiterbauerInnen« noch einmal ihr Anliegen: »Mit dieser Aktion wollen die Mitarbeiter der Bike Systems GmbH weiterhin auf Ihre Situation aufmerksam machen und gleichzeitig ein Zeichen setzen, daß man auch weiterhin nicht bereit ist, ihre Abschiebung in die Arbeitslosigkeit und dem damit verbundenen sozialen Abstieg hinzunehmen.«

Den endgültigen »Durchbruch« brachte dann der 28. September – die ARD-tagesthemen berichteten. Ab jetzt ist Nordhausen bundesweit und international ein Thema, das »Strike-Bike« wird zum Synonym für Widerstand und Selbstbehauptung.

Die internationale Solidarität kommt von Fahrrad-Kollektiven und anarcho-syndikalistischen Gewerkschaftsgruppen wie der CNT-AIT Spaniens, dem Allgemeinen Syndikat aus Wien, der sibirischen SKT, der Betriebsgruppe der CGT bei Airbus in Madrid, FAU-Ortsgruppen, Metaller-Kolleginnen und Kollegen, anderen linken Gewerkschafter/innen; Post kommt aus Kairo, Tel Aviv, Johannesburg, aus Australien, Kanada, Polen, Slowenien, Ungarn, Sibirien, Brasilien, Bolivien, von der Starbucks-Gewerkschaft der USA. Eine globale Arbeiter/innen-Bewegung von unten zeigt ihr Gesicht!          

Morgens um 7 Uhr des 23. Oktober begann die Produktion von 1.837 »Strike-Bikes« mit der fauchenden Katze auf dem Lenkkopf – dem Symbol des wilden Streiks. Es wird erneut weltweit darüber berichtet und viele Unterstützer/innen sind dabei – sie erleben die Stimmung der Kolleginnen und Kollegen, den Presserummel hautnah. Vier Tage später, am Freitag um 11:50 Uhr verläßt das letzte Rad das Produktionsband.

Die Strike Bike GmbH – wie »Phönix aus der Asche«?

Ohne neuen Investor übernahm am 1. November der Insolvenzverwalter die riesige Fabrikanlage endgültig. Er ließ alle Maschinen, Werkzeuge und Material verstauen und verkaufte die gesamte Produktionsanlage an einen Maschinenhändler in Ungarn. Die arbeitslosen Kolleg/innen steckten schon in der Auffanggesellschaft und wurden »qualifiziert«… Am 23.11. ist der Betrieb leer, zurück blieben ein Haufen Müll und Dreck.

Mitte März informierten aktive StrikeBiker über die Gründung ihrer Strike-Bike GmbH, die sie zusammen mit ihrem Bikes-in-Nordhausen-Verein gegründet hatten.
Der symbolische Produktionsstart erfolgte am »Tag der Arbeit«. Insgesamt standen 21 Arbeiter/innen wieder an einem manuellen Montageband und bemühten sich um die Vermarktung ihrer Fahrräder. Aber die Gründung einer eigenen Firma ist schwerer zu »verkaufen« als eine dramatische Betriebsbesetzung… Erst spät in der Nacht am 1. Mai sendete das RTL-Nachtjournal einen Fernsehbericht. Der hämische Bericht gipfelte in dem Satz: »Mit Enthusiasmus gegen den Turbokapitalismus – Vom Streikführer zum Geschäftsführer«.

Die Nordhäuser wollten so viele entlassene Ex-Kolleg/innen wie möglich wieder in Arbeit bringen, um eine Alternative aufzubauen. Denn angeboten wurden ihnen nur Zeitarbeitsjobs mit Stundenlöhnen unter 6 Euro. Dieser »Arbeits-Perspektive« sollte mit der selbstverwalteten Strike Bike GmbH und einem einheitlichen Monatslohn entgegen getreten werden.

Ausnahmezustand für immer?

Es blieb nichts von den großspurigen Ankündigungen, weder der Verbund Selbstverwalteter Fahrradbetriebe noch der Verband des Deutschen Zweiradhandels haben geholfen: nur Versprechungen, keine Zusagen oder gar Verträge. Deshalb versuchten die Nordhäuser mit ihrem »Aufruf der 21 Strike-Bike-Kolleg/innen« noch einmal auf sich aufmerksam zu machen. Die Enttäuschung über die geringen Verkaufszahlen wurde deutlich: »Unser Strike-Bike verkaufte sich voriges Jahr binnen drei Tagen 2000 mal – aber da hatten die Leute ein Feindbild. Nun, da wir versuchen, als normale Firma aufzutreten, ist es deutlich schwerer. Die Gefahr ist natürlich, daß diejenigen, die uns damals unterstützt haben, uns nun als ganz normale GmbH sehen und unsere Mails als ganz normale Werbung.«
Die eingehenden Bestellungen für die »Schwarzen (Räder) mit der roten Seele« reichten nicht aus, die Strike Bike GmbH konnte so nicht weitermachen. Das vorläufige »Ende« der selbstverwalteten Firma wurde Anfang Juli 2008 bekannt.

Back in Black! – »wir geben nicht auf!«

Was vorerst bleibt, ist die Erinnerung an einen langen Abwehrkampf und die Durchsetzung einer selbstverwalteten, eigenverantwortlich organisierten »Strike-Bike«-Produktion. Auch wenn dies nicht als »Eine Woche der Anarchie in Nordhausen« (mdr-Radio) bezeichnet werden kann, bleibt dies vorerst einmalig im Nachkriegsdeutschland. Ab August wollen sechs Kolleg/innen über Förderprogramme der Arbeitsagentur mit befristeten Arbeitsverträgen die nächste Runde im Kampf um die Strike Bike GmbH einläuten.

Wir wünschen ihnen weiterhin viel Kraft!


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Aus den Kommentaren...

Sir Rebel schrieb am 14.01.2014 zu
Leiharbeit abschaffen!:

@Verbrecher: Im Land der institutionalisierten Verschleierung des unauflösbaren Widerspruchs zwischen Kapital und Arbeit ist es dringend geboten ...