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Vom betrieblichen Aufbruch der »Wende«

Unter dem Pflaster

Bis heute prägen die Bilder von den Montagsdemonstrationen, der Mauerfall und die »Runden Tische« das Bild der »Wende«. Dass es auch einen betrieblichen Aufbruch in der »Wendezeit« gab, ist dagegen in Vergessenheit geraten oder wird
gänzlich unter den Teppich gekehrt. Zu Unrecht!

Feuersteine

Denn es gab in den Belegschaften vieler Betriebe Mutige, die die Initialzündung des gesellschaftlichen Wandels aufgriffen und in die Produktion trugen. Kleine Gruppen von KollegInnen gewannen mit für heutige Verhältnisse radikalen bzw. als »utopisch« verbrämten Forderungen und Zielen, die sich an den Bedürfnissen und Notwendigkeiten der Zeit, an der konkreten Situation in den einzelnen Betrieben orientierten, großes Gehör und Einfluss auf die Initiative der ArbeiterInnen während der »Wendezeit«. Diese Dynamik währte allerdings nur kurze Zeit, ungefähr vier bis fünf Monate. Im Frühjahr 1990 war der Traum, der Realität zu werden begann, im Wesentlichen ausgeträumt.

Das Risiko, das die KollegInnen dabei anfangs eingingen, war nicht kalkulierbar. Sicher war es ungleich höher als in der halbwegs anonymen Masse der Straßendemonstrationen unterzutauchen. Im Betrieb standen die KollegInnen mit Namen, Gesicht und Adresse ein. Nachweislich hat die Stasi bis Februar 1990 in den Betrieben »gearbeitet«, wurden Stimmungsberichte von ihr gesammelt. Auch wenn das heute niemand mehr wahrhaben will: Immerhin bestand die Möglichkeit eines neuen Juni 1953. In den ersten Monaten war überhaupt nicht einzuschätzen, wie sich beispielsweise die Streitkräfte der Sowjetunion zu den Entwicklungen in der DDR verhalten würden. Überall im Land waren starke Truppenverbände stationiert.

Zielgerade

All die Initiativen haben – oft ohne Wissen voneinander – in den ersten Wochen zumindest auf ein Ziel hingewirkt: Die Partei und ihre Massenorganisationen wie FDJ, DSF, Kampfgruppen, zum Teil aber auch den FDGB, aus dem Betrieb zu verbannen sowie die Kontrolle über die Betriebsleitung zu gewinnen. Die Wege waren dabei sehr unterschiedlich: Die einen setzten auf die grundlegende Reformierung der zentralen Einheitsgewerkschaft FDGB hin zu einer tatsächlichen Interessens- und Kampforganisation abhängiger Beschäftigter, teilweise unter Ausnutzung einer erneuerten Struktur der Betriebsgewerkschaftsleitung (BGL). Andere sahen eher in Belegschaftsräten bzw. Betriebsräten nach dem Vorbild der Novemberrevolution von 1918 das geeignetste Mittel. Allen war zudem die Skepsis, das Misstrauen oder gar die offene Ablehnung in Bezug auf das Gewerkschaftsmodell á la DGB und das Betriebsverfassungsgesetz der BRD gemein. Denn diese waren weder direktdemokratisch im Sinne der Aufbruchsstimmung der Wende noch hatten sie in den Betrieben tatsächlich etwas zu melden.

Setzten einige auf die Formierung einer basisdemokratischen Alternative zum verkrusteten FDGB wie die Initiative für Unabhängige Gewerkschaften (IUG), gingen andere noch weiter und setzten die Arbeiterkontrolle bzw. Arbeiterselbstverwaltung der Betriebe auf die Tagesordnung. Dies waren vor allem die (Initiative) Vereinigte Linke (VL) und die Freie Arbeiterunion (F.A.U.)-Ost.

Die DGB-Gewerkschaften & Co. knüpften ähnlich den Alt-Parteien früh Kontakte zu ihren Pendants in der DDR. Und wie diese meinten sie, die Lösungen zusammen mit bunten Aufklebern und ausrangierter Technik, die eigentlich für den Müll bestimmt war, gleich mit exportieren zu müssen. An einigen unabhängigen Initiativen zeigten die zentralistischen Gewerkschaften anfangs allenfalls punktuelles Interesse. Eigentlich bereiteten sie zielgerichtet die Annexion der FDGB-Mitglieder vor, um sich ebenfalls ihr Sahnestück im sogenannten »Einigungsprozess« zu sichern.

Die Vorgehensweisen gegen die unproduktiven Teile im Betrieb, also die Parteistrukturen und Vorfeldorganisationen, die bis dahin auf den Gehaltslisten standen, variierten nicht minder: Einige verabschiedeten sich quasi über Nacht und verschwanden von selbst, andere mussten erst dazu aufgefordert werden. Beispielsweise im Hennigsdorfer Stahlwerk, wo die Parteileitung »gestürmt« wurde. Die Erfahrungen mit den Betriebsleitungen waren ebenso facettenreich: Wurden die einen gezwungen, der Belegschaft unter der Fragestellung, ob ihnen das Vertrauen ausgesprochen werden kann, Rechenschaft abzulegen, drehten sich andere um 180 Grad, um in Westmanager-Allür mit dem »neuen Wind« zu drohen, der jetzt Einzug halten solle. Die alten Herren blieben so oft die neuen, auch wenn das Parteibuch nicht mehr so fest im Jackett saß.

Ohne Massenbasis

Gründe dafür, dass die betriebliche Bewegung von unten in den Kinderschuhen stecken blieb, gab es sicher viele. Am stärksten dürften jedoch zwei Faktoren eine Rolle gespielt haben: Zum ersten bestand in der DDR keine durchgängige Traditionslinie gewerkschaftlicher bzw. betrieblicher Opposition. Diese war mehrfach zerschnitten und zerschlagen worden, so dass Erfahrungen  generationsübergreifend keine Kontinuität entfalten konnten. Der Nationalsozialismus ist dabei an erster Stelle zu nennen, als zweites die Zerschlagung des Arbeiteraufstandes in der DDR vom 17. Juni 1953. Eine Bewegung von unten wie die Solidarno´s´c in Polen, die aus den Betrieben kam und im Kampf gestählt wurde, gab es nicht. Die Initiativen entstanden in den Wirren der Wendezeit, spontan und ohne Massenbasis. Ihnen war nicht die Zeit vergönnt, mehr zu werden als »nur« Initiative. Zum zweiten fehlte die Bereitschaft der Masse, sich im Betrieb für eine Alternative zu engagieren. Doch darauf basierten gerade diese Ansätze: Sie wollten die Selbstorganisierung von unten anstoßen, weder neue Avantgarde sein noch Stellvertreterpolitik betreiben. Sie beschränkten sich auf die Rolle des Initialzünders für derartige Prozesse. Doch die Masse der ArbeiterInnen klammerte sich an die Heilsversprechen der Politik, die ihnen »blühende Landschaften« verhieß. Sie setzten auf Anschluss und schnelle Angleichung an die Verhältnisse der Alt-BRD. Für Experimente war unter diesen Vorzeichen kein Platz mehr. Die basisdemokratischen Initiativen sollten nicht mal mehr die Zeit haben, sich über erste Ansätze hinaus richtig zu entfalten. Und bald standen schon existenzielle Nöte auf der Tagesordnung.

Fazit

»20 Jahre Wende« – eine wahre Flut von offiziellen Feierlichkeiten, Empfängen, Talkrunden und Zeitzeugenbefragungen ist da über uns hereingebrochen. Die meisten wiederholten die Halbwahrheiten und Unwahrheiten, die uns seit jenen denkwürdigen Wochen und Monaten in den Ohren gellen. Dies darf nicht unwidersprochen stehen gelassen werden. In der Wendezeit ist etwas aufgebrochen, was relativ schnell wieder versiegte. Dieses gilt es heute aufzugreifen, im Osten genauso wie im Westen. Die offen gebliebenen Fragen nach Freiheit, nach Basisdemokratie, der Kontrolle und Verwaltung der Betriebe haben keine befriedigende Antwort erfahren. Der in der Nachwendezeit gern bedienten Floskel, »40 Jahre wurden wir beschissen«, kann nun hinzugefügt werden: »Die letzten zwanzig auch.« Es gibt noch lange keinen Grund zu feiern. Und schon gar keinen, die Hände in den Schoß zu legen. Der Kapitalismus ist übrig geblieben. Getreu der Devise »Es gibt nichts Richtiges im Falschen« bleibt das Fazit nach zwanzig Jahren »Wende«: Es gibt da noch ’was anderes. Bedauerlicherweise ist es nur dem Vergessen anheim gefallen. [ Heiko G.-M. ]


Kommentare

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Aus den Kommentaren...

Verbrecher schrieb am 15.01.2014 zu
Leiharbeit abschaffen!:

@Sir Rebel Sicher Sir Rebel muss es immer auch heißen "Kampf der Lohnarbeit", der Klassengesellschaft etc. Da bestehe ich ebenso drauf, ...