Syndikal LogoTaschenkalender für das Ende der Lohnarbeit

Das Jahr

ist mehr als

249 Arbeitstage!*

In unserem Archiv findest du die Beiträge
aller bisherigen Jahrgänge
des Taschenkalenders »SyndiKal«

 
Der Kronstadter Matrosenaufstand von 1921

Alle Macht den Sowjets - keine Macht der Partei!

1 Kommentar

Im März 1921 fand in der russischen Garnisonsstadt Kronstadt, vor den Toren Petrograds, ein Matrosenaufstand statt, der sich gegen die Regierung der noch jungen Sowjetunion richtete. Die gut organisierte bolschewistische Partei hatte zuvor die anderen an der Oktober-Revolution beteiligten Gruppierungen ausgeschaltet und sich in den Alleinbesitz der politischen Macht gebracht. Der Aufstand der Matrosen war einer der letzten Versuche, die Gleichschaltung der Sowjets durch die Bolschewiki aufzuhalten und die ursprünglichen Ziele der Revolution wieder auf die Tagesordnung zu setzen. Doch es kam anders, der Aufstand wurde durch das gesamte Machtpotential, das die bolschewistische Parteiführung aufbringen konnte, niedergeschlagen.

Kronstadt liegt auf der Ostseeinsel Kotlin, dreißig Kilometer vor Petrograd im finnischen Meerbusen. Schon vor 1921 war die Festungsstadt wiederholt Schauplatz revolutionärer Aktionen gewesen, zuerst gegen den Zaren und später gegen die bürgerliche Regierung unter Kerenskij. Es waren die Matrosen des Kreuzers Aurora, die das Signal zum Auftakt der Oktoberrevolution gaben.

Anlass für den Aufstand von 1921 waren Streiks in Petrograd. Die Matrosen hatten ein traditionell enges Verhältnis zu den ArbeiterInnen der Metropole, unter denen viele Angehörige hatten und als deren Beschützer sie sich sahen. Am 22. Februar trat die Belegschaft der Tubetskoi-Werke in den Streik gegen die sich ständig verschlechternde Versorgungslage. Die Brotration war auf ein halbes Pfund herabgesetzt worden, Brennmaterial gab es in diesem äußerst kalten Winter überhaupt nicht. Einige Betriebe waren geschlossen und die ArbeiterInnen auf halbe Ration gesetzt worden. Obwohl die Forderungen der Streikenden bescheiden waren, lehnte die Parteiführung Verhandlungen kategorisch ab. Stattdessen schickte sie bewaffnete Kursanti (Kadetten der kommunistischen Militärakademie), um die ArbeiterInnen auseinander zu treiben.
Als sich die Streikbewegung ausdehnte, wurde der Ausnahmezustand verhängt. Der von den Bolschewiki kontrollierte Stadtsowjet beschloss die Aussperrung der Streikenden. Das kam einer Verurteilung zum Hungertod gleich, weil damit der sofortige Entzug der Lebensmittelrationen verbunden war.
 Nun bekamen die Streiks einen mehr und mehr politischen Charakter. Plakate tauchten auf, auf denen die Entlassung der linken politischen Gefangenen gefordert wurde. Rede-, Presse- und Versammlungsfreiheit wurden ebenso eingefordert wie frei gewählte Betriebsräte, Gewerkschaften und Sowjets.



Gleich zu Beginn der Streiks hatten die Matrosen eine Untersuchungskommission nach Petrograd entsandt. Aufgrund der Schilderung der verzweifelten Lage der ArbeiterInnen verfassten die Besatzungen der Panzerschiffe »Petropawlowsk« und »Sebastopol« eine Protestresolution, in der sie sich mit den Forderungen der Streikenden solidarisierten. Zusätzlich beriefen sie eine öffentliche Versammlung ein, um über den Bericht der Delegation zu beraten.
An dieser Versammlung nahmen über 16.000 Matrosen, Soldaten der roten Armee und ArbeiterInnen teil. Der eilends herbeigeeilte Präsident der Republik, Kalinin, konnte nicht verhindern, dass die Versammlung einstimmig eine Resolution annahm, in der nicht weniger gefordert wurde, als die Rückkehr zu den ursprünglichen Zielen der Revolution.

Die Petrograder Parteiführung reagierte sofort. Sie war keinen Augenblick bereit, über die Forderungen zu verhandeln. Stattdessen gab sie die Parole aus, in Kronstadt habe ein weißer General geputscht und die Garnison auf seine Seite gebracht. Die offizielle Lüge verfehlte zunächst nicht ihre Wirkung. Stück für Stück sickerte jedoch die Wahrheit durch. Eine Wahrheit, über die der mit den Bolschewiki sympathisierende ehemalige Anarchist Victor Serge später schrieb »Das schlimmste war, dass uns die offizielle Lüge lähmte. Dass uns die eigene Partei derart belog, das war noch nicht vorgekommen«.
 In diesem Zustand der Verunsicherung wurde die Rote Armee mobilisiert. Teile schlossen sich der Kronstädter Bewegung an, so z.B. Soldaten der Marinefliegerdivision. Sie wurden von Einheiten der berüchtigten bolschewistischen Geheimpolizei Tscheka verhaftet und 45 von ihnen am 3. März in einem Wald hinter Martyschkino erschossen. Während in Kronstadt selbst bis dato kein einziger Schuss gefallen war, zeigte die bolschewistische Regierung, wie sie vorhatte, das Problem zu lösen – nämlich mit militärischer Gewalt – durch die Geiselnahme von Familienangehörigen der aufständischen Matrosen und Terror. Die Garnison des zwischen Kronstadt und Petrograd gelegenen Forts Krasnaja Gorka wurde von Tscheka-Einheiten blutig niedergemacht.

Am Abend des 4. März fand im Touris-Palast in Petrograd eine Sondersitzung des vollständig von den Bolschewisten beherrschten Petro-Sowjets statt. Zutritt gab es nur mit besonderer Einlasskarte, überall im Saal waren schwer bewaffnete Kursanti postiert. In einer tumultartigen Sitzung stimmte der Sowjet schließlich einer von den Bolschewiki vorbereiteten Resolution zu. In dieser wurde die sofortige und bedingungslose Übergabe von Kronstadt verlangt, widrigenfalls sei die gesamte Bevölkerung zu liquidieren. In der Erkenntnis, dass es sehr schwierig werden würde, gleichzeitig mit den Streikenden in Petrograd und den Kronstädter Matrosen fertig zu werden, ging die Petrograder Parteiführung am 5. März auf einige der Forderungen der Streikenden ein und konnte damit die Streiks zunächst beenden.

Mittlerweile war auch Trotzki, der Chef der Roten Armee, vor Ort. An die Matrosen gerichtet formulierte er eine berühmt gewordene Drohung: »Wie Rebhühner werden wir euch abknallen.«
Am Abend des 5. März gab es einen letzten Vermittlungsversuch durch eine Reihe von international bekannten AnarchistInnen. Diese forderten Sinowjew, den Vorsitzenden der Petrograder Parteiorganisation, auf, Blutvergießen und einen Bruderkrieg zu verhindern. Die Vermittlung scheiterte.

Am Morgen des 7. März eröffneten die kommunistischen Batterien das Feuer auf Kronstadt. Im Rücken der angreifenden Regierungstruppen standen Einheiten der Tscheka, bereit jeden zu erschießen, der sich dem Angriffsbefehl widersetzt. Am 8. März wurde das nördlich von Kronstadt gelegene Fort Nr.7 nach einem Sturm über den zugefrorenen finnischen Meerbusen unter schrecklichen Verlusten zunächst eingenommen und dann wieder verloren. Über eine Woche lang folgte Angriffswelle auf Angriffswelle, bis es am 16. März den bolschewistischen Angreifern gelang, in die Stadt einzudringen. Mehrere Tage lang leistete die Bevölkerung der Stadt noch erbitterten Widerstand, um die Flucht des Großteils der Aufständischen nach Finnland zu decken.



Am 18. März fand in den Straßen von Petrograd ein widerwärtiges Schauspiel statt. Die Henker der russischen Revolution, unter ihnen viele Delegierte eines internationalen Gewerkschaftskongresses, feierten den 50. Jahrestag der Pariser Kommune. Noch während sie ihre Krokodilstränen vergossen, fielen in Kronstadt die letzten Schüsse gegen die wahren Erben der Pariser KommunardInnen. Ähnlich wie in den Wochen des »weißen Terrors« von Paris fünfzig Jahre zuvor, wurden zeitgleich auch in Kronstadt hunderte von Gefangenen durch den »roten Terror« der Tscheka-Hinrichtungskommandos liquidiert.



Das Ende von Kronstadt symbolisiert auch das Ende der russischen Revolution. In ihrem Wahn, im Besitz der historischen Wahrheit zu sein, liquidierten die Bolschewiki zunächst jede linke Opposition, dann die gesellschaftliche Initiative und schließlich sich selbst. Millionen von Menschen wurden erschossen oder verhungerten für den Machtwahn einer Clique von linkssozialdemokratischen Jakobinern, denen der eigene Machterhalt alles und die Selbstorganisationskräfte der Gesellschaft nichts bedeuteten.


Kommentare

Kater Carlo schrieb am 07.01.2014 um 21:44 Uhr

Die Revolution der Bolschwewiki war schon gescheitert, bevor Sie begonnen hatte. Es gab in Russland kein nennenswert zahlreiches Industrieproletariat, das als Träger einer proletarischen Revolution die Bühne der Geschichte hätte stürmen können.

Wenn Marx Hegel vom Kopf auf die Füße gestellt hat, dann hat Lenin Marx anschließend durch den Fleischwolf gedreht und Stalin die Reste an die Hühner verfüttert! Die Oktoberrevolution war eine historische Katastrophe, Kronstadt und all der Rest bis hin zum Schrebergartenspießersozialismus a la DDR die logische Folge.

Wie sich "Marxisten" in diesem Land (und weltweit) dafür begeistern konnten, war mir als Marxist immer vollkommen schleierhaft. 

Kommentar schreiben

Aus den Kommentaren...

The Singer schrieb am 22.04.2014 zu
Die C3S als Alternative zur GEMA:

Die C3S ist über das Initiativenstadium mittlerweile hinaus. Für alle Interssierten hier ein Link: https://www.c3s.cc/