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Karton Deisswil - Der geplante Tod einer Fabrik

Jemand kauft eine Fabrik und verpflichtet sich, sie nicht zu betreiben. Eine funktionierende, rentable Kartonfabrik mit einer hoch motivierten Belegschaft, die keinen Karton mehr herstellen darf. Was wie eine erfundene Geschichte anmutet, hat sich im Frühling 2010 im bernischen Deisswil in der Schweiz genau so abgespielt.

Die Belegschaft der Kartonfabrik Deisswil war in den Betriebsurlaub geschickt worden. Einzig die Unterhaltsmechaniker waren mit der Wartung der Maschinen beschäftigt. Und alle waren sie ahnungslos, als am 8. April 2010 der Fabrikbesitzer die sofortige Schliessung des Betriebs ankündigte. Die Monteure mussten von einer Stunde auf die andere ihre Arbeiten beenden. Die Maschinen sollten nie mehr laufen. Und in Deisswil nie mehr Karton produziert werden. Nach über 130 Jahren erfolgreicher Produktion.

Nachdem die derart überrumpelte Belegschaft den ersten Schock verdaut hatte, begann sie für ihre Fabrik zu kämpfen. Ein Kampf auf Leben und Tod, wenn man darunter auch das wirtschaftliche Überleben verstehen will. Immerhin war ein Drittel der Belegschaft über 55 Jahre alt und ohne ernsthafte Aussicht auf eine andere Arbeitsstelle. Ein Kampf allerdings mit höchst ungleichen Spiessen. Wie ein Heer, das unbewaffnet in den Krieg zieht und obendrein von Leuten befehligt wird, die nur ein Ziel haben: möglichst schnell Frieden zu schliessen, notfalls bedingungslos, und wenn es geht, das Gesicht zu wahren und jede Niederlage als Sieg erscheinen zu lassen.

»Gegen das endgültige Aus der KARTON DEISSWIL« heisst eine Facebook-Gruppe, die – wenige Tage nach Bekanntgabe der Schliessung von jungen DeisswilerInnen gegründet – auf den Samstag, 17. April dazu aufrief, eine Menschenkette rund um die Fabrik zu bilden und so für die Weiterführung der Produktion zu demonstrieren. Gegen 500 Personen folgten dem Aufruf und setzten ein erstes Zeichen des Widerstands. Ein zweites, stärkeres Zeichen setzte die Belegschaft, als sie sich gegen Ende April mit mehreren Autobussen auf den Weg nach Wien machte, um dort vor der Aktionärsversammlung des Mayr-Melnhof Konzerns, dem Besitzer der Kartonfabrik, für ihre Sache zu demonstrieren.

Die DeisswilerInnen waren kurz vor Wien, als sie morgens um sechs die Nachricht erreichte, es würden etwa dreihundert Vermummte, mutmasslich Rechtsextreme, auf sie warten. Obwohl sich bald herausstellte, dass an dem Gerücht kein Wort wahr war, verzichteten sie auf die angekündigte Protestaktion. Zumal gleichzeitig die Konzernspitze versprach, die Belegschaft am Nachmittag zu einem Gespräch zu empfangen. Zwölf Stunden waren sie gefahren bis nach Wien und mit leeren Händen zurückgekehrt. Statt lautstark zu demonstrieren, hatten sie sich übertölpeln lassen und klein beigegeben. Und damit ein weiteres Zeichen gesetzt: Allzu leicht lassen sie sich ein X für ein U vormachen. Ein schlechtes Vorzeichen für die weitere Entwicklung des Kampfes um die Erhaltung ihrer Fabrik.

Am Mittwoch, 12. Mai gab der Direktor der Karton Deisswil die endgültige Schliessung bekannt und stellte Sozialplanverhandlungen in Aussicht. Zuerst sah es so aus, als würden diese auch in Deisswil nach dem üblichen Ritual ablaufen. Die überraschende Wende kam am Mittwoch, 26. Mai, als ein Geschäftsleitungsmitglied der Gewerkschaft Unia vor laufender Fernsehkamera die Belegschaft theatralisch dazu aufrief, sich den Betrieb gewissermassen »anzueignen«: »Ihr müsst euch organisieren, alles hier drinnen gehört ab jetzt uns!« Jener kämpferische Teil der Belegschaft, dem es bis anhin nicht gelungen war, sich Gehör zu verschaffen, liess sich das nicht zweimal sagen und besetzte sogleich die Werktore.

Dem gemässigten Teil der Belegschaft erging es nun genau gleich wie zuvor der kämpferischen Minderheit: Weder wurden sie um ihre Meinung gefragt, noch konnte an einer Betriebsversammlung über die unterschiedlichen Standpunkte diskutiert und anschliessend über ein gemeinsames Vorgehen beschlossen werden. Die offene Spaltung der Belegschaft in eine vorsichtige und zurückhaltende Mehrheit und eine entschlossene Minderheit von überwiegend migrantischen Arbeitern schien unmittelbar bevorzustehen. An einer inoffiziellen »Betriebsversammlung« am darauffolgenden Samstagvormittag verkündete dann der Unia Spitzenfunktionär den wenigen anwesenden Arbeiterinnen und Arbeitern die wiedergefundene, wenigstens formelle Einheit: ein von Betriebskommission und Unia gemeinsam unterzeichnetes Schreiben, worin festgehalten wurde, die Betriebsversammlung habe den Entscheid zur Blockade »einstimmig gefällt«…

»Karton Deisswil AG an Schweizer Investorengruppe verkauft«, titelte am Montag, 31. Mai überraschend eine Presseerklärung von Mayr-Melnhof. Mit diesem Schachzug liess der MM Konzern die für Dienstag vereinbarten Sozialplanverhandlungen platzen. Weitere Angaben zur unerwarteten Übernahme – insbesondere die Namen der geheimnisvollen Investoren – würden erst in einigen Tagen gemacht. Immerhin liess die Unia, die sich nicht scheute mit den anonymen Investoren Geheimverhandlungen aufzunehmen, tagsdarauf durchblicken, es handle sich um topseriöse Berner, die man kenne und denen man vertraue. Eine Einzelheit des Verkaufs allerdings war derart wichtig, dass sie sogleich bekannt gegeben wurde: Die Käufer hatten sich vertraglich verpflichtet, in Deisswil keinen Karton mehr zu produzieren.

Nachher ging alles sehr schnell: Wenige Tage später löste die Unia die Blockade auf. Die Vereinbarung mit den neuen Besitzern war bereits unterschrieben, als am Freitag, 4. Juni die Gewerkschaftsführung zusammen mit dem neuen Mehrheitsaktionär in Deisswil eintraf, um der Belegschaft die – wie hätte es nachher in der Medienmitteilung anders heissen können! – »in schwierigen und harten Verhandlungen« erreichten »Garantien« zu verkünden. Was genau in der Vereinbarung steht, ob es überhaupt eine schriftliche Vereinbarung gibt oder ob – wie bei einem richtigen Kuhhandel – das Schicksal der Belegschaft mit Handschlag besiegelt wurde, ist ebenso unklar wie der vereinbarte Inhalt. Nach dem überraschenden Verkauf der Karton Deisswil durch Mayr-Melnhof waren zweifellos die Karten neu gemischt worden. Die Belegschaft hatte nicht zum Vornherein schlechte Karten. Sie hatte vor allem gar keine Karten mehr, nachdem sie diese vertrauensvoll in die Hände der Unia gelegt hatte, die sie wiederum dann sogleich verspielte.

Das Beispiel Deisswil zeigt mit aller Deutlichkeit, dass nicht die Kampfformen über Sieg oder Niederlage entscheiden, sondern wer die Führung des Kampfes hat. Eine Blockade, ein Streik, selbst eine Betriebsbesetzung verpuffen wirkungslos, wenn sie von einem Gewerkschaftsapparat angeordnet werden, der sie jederzeit wieder abbrechen kann. Erst wenn es einer Belegschaft gelingt, auf dem mühevollen Wege von enttäuschten Hoffnungen, von Vertrauens- und Bewusstseinsbildung, von einzelnen Erfolgserlebnissen und wiederholten Rückschlägen zusammengeschweisst die Kraft zu finden, selbstermächtigt zu handeln, erst dann schafft sie die Voraussetzungen, um auch einen scheinbar übermächtigen Gegner besiegen zu können.

Zu den neuen Investoren in Deisswil gehören auch zwei der drei Familien, die den Betrieb 1990 nach Österreich verkauft hatten. Unter diesen Umständen sieht es ganz danach aus, als wäre die Ära Mayr-Melnhof in der über 130-jährigen Geschichte der Kartonfabrik nur ein Zwischenspiel gewesen. 20 Jahre, in denen bekanntlich keinerlei Investitionen getätigt wurden. Eine Tatsache, die den Schluss nahelegt, dass bereits zu jenem Zeitpunkt klar war, dass die Fabrik irgendwann geschlossen würde. Möglicherweise hatten bereits damals Leute darüber nachgedacht, dass der Boden, auf dem die Fabrik steht, eigentlich viel zu wertvoll ist, als dass darauf Karton produziert werden kann… Es liegt darum auf der Hand, dass auch der nun angekündigte »Industrie- und Gewerbepark« nur ein Zwischenspiel ist beim geplanten Tod der Kartonfabrik.

Mangelnde Kampferfahrung und vor allem eine schier unendliche Gutgläubigkeit und Vertrauensseligkeit sind den DeisswilerInnen zum Verhängnis geworden. Dennoch ist es ihr Verdienst, dass sie sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten während acht Wochen mit einer für schweizerische Verhältnisse erstaunlichen Hartnäckigkeit zur Wehr gesetzt haben.


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Aus den Kommentaren...

Sir Rebel schrieb am 14.01.2014 zu
Leiharbeit abschaffen!:

@Verbrecher: Im Land der institutionalisierten Verschleierung des unauflösbaren Widerspruchs zwischen Kapital und Arbeit ist es dringend geboten ...