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Workers against Work – ArbeiterInnen gegen die Arbeit

In diesem Jahr ist es 75 Jahre her, dass in Spanien der faschistische Putsch zurückgeworfen und die soziale Revolution ausgerufen wurde. Die folgenden Kollektivierungen in Landwirtschaft und Industrie sind für die anarchistische Bewegung in Europa auch heute noch die wohl wichtigste historische Referenz dafür, dass »Anarchie machbar« ist. Doch die soziale Revolution in Spanien war nicht eitel Sonnenschein. Kritiker der revolutionären Bewegung gab es viele, nicht erst seit ihrer endgültigen Niederlage im Frühjahr 1939. Von anarchistischer Seite wird insbesondere ein politischer Faktor, die Regierungsbeteiligung von CNT-Vertretern, als kapitaler Fehler begriffen.

In seiner Studie »Workers against Work«, die 2011 in deutscher Übersetzung erscheinen wird, wandte sich Michael Seidman bereits Anfang der 1990er einer vielfach unterbeleuchten Form der Kritik zu: der praktischen. Im Zentrum der Untersuchung steht der Arbeiterwiderstand gegen das Lohnarbeitsverhältnis an sich, der sich auch gegen die »neuen Manager« aus den Gewerkschaften richtete. Der inzwischen als Professor lehrende Historiker vergleicht die Lage der ArbeiterInnen unter den Volksfrontregierungen in Spanien und Frankreich.

Als Vertreter der Sozialgeschichte bleibt er dabei immer nah am Alltag der »einfachen« ArbeiterInnen in Barcelona und Paris. Er kontrastiert, mit Bezug auf Spanien, auch Anspruch und Wirklichkeit des freiheitlich-gewerkschaftlichen Experiments. Der Arbeiterwiderstand, ob er sich nun in der Tat (z.B. Blaumachen) oder in Forderungen seitens der ArbeiterInnen ausdrückte, verschwand im Rahmen der proklamierten Selbstverwaltung nicht automatisch. Seidman belegt, dass die »von zahlreichen Augenzeugen beobachtete und überlieferte ›Arbeitsfreude‹« (Bernecker, 1978) nur ein Ausschnitt der Realität war. Den Arbeiterwiderstand versteht der Autor von »Workers against Work« als einen Ausdruck subversiven Individualismus’. Jener ergebe sich »aus dem Widerspruch zwischen Individuum und Gesellschaft und erinnert so an die vernachlässigte Tradition des stirnerianischen Anarchismus«, resümiert der Historiker in einem Artikel, der wesentlich auf der Forschungsarbeit des Buches aufbaut.

»Die Analyse des Widerstands«, so heißt es im Schlusswort, »trägt zum Verständnis einer Schlüsselfunktion des Staates in Industriegesellschaften bei. Es lässt sich schlussfolgern, dass es eine der zentralsten Aufgaben des Staates ist, die Arbeiter an die Arbeit zu zwingen.« Die CNT hat sich nicht nur am Staatsapparat beteiligt, sondern v.a. in den Betrieben auch auf repressive Maßnahmen zurückgegriffen. Dabei habe der Enthusiasmus und die Opferbereitschaft der ArbeiterInnen nicht erst infolge der Schwächung der CNT und des Wiedererstarkens des Staates abgenommen. Die Rückkehr der Repression und Zentralisierung sei vielmehr die Antwort auf den Widerstand gegen die Arbeit gewesen. Seidman verneint daher die Frage, ob allein schon ein anarchistisches Programm folgerichtig zum Absterben des Staates, bzw. zu dessen Zerschlagung führen müsse.

In »Workers against Work« geht es nicht um eine Verurteilung der Bewegung, sondern darum, »die Gründe für die Diskrepanz zwischen ArbeiterInnen und den Ideologien der Arbeiterklasse ebenso [zu] beleuchten wie den autoritären Charakter des Arbeitsplatzes und die repressive Rolle des Staates«. Seidman thematisiert (wohl erstmals), dass sowohl Marxisten als auch Anarchosyndikalisten einer abstrakten Vision gesellschaftlicher Entwicklung, einer »produktivistischen Utopie« anhingen. Er belegt etwa, dass beide Strömungen dem Taylorismus und Fordismus – dessen Stern damals aufstieg und der nach dem Zweiten Weltkrieg das Gesicht des Kapitalismus prägte, wie wir ihn heute kennen – nicht ausreichend kritisch gegenüberstanden.

Engagierte Gewerkschafter fanden sich somit in der Rolle von »neuen Managern« wieder, deren »Dynamik in scharfem Kontrast zur Haltung der meisten ihrer Kollegen« stand. Seidman rührt hier an den wunden Punkt des Anarchosyndikalismus. Nämlich dass die Produktionsmittel nach der Revolution immer noch dieselben sind und denselben stumpfen Zwang ausüben. Dass also die Revolution die Erwartungen, die sie schürt, nicht (sofort) erfüllen kann. Der Historiker zeigt zudem, etwa mit Verweis auf Städtebau- und Mobilitätskonzepte der CNT, wie sehr auch viele der anarchistischen RevolutionärInnen Kinder ihrer Zeit waren. Dabei ist es zu verschmerzen, dass nicht immer die selbstkritische Einsicht des Historikers deutlich zum Ausdruck kommt, dass historisches Verstehen »immer zugleich auch urteilende Reflexion von einem geschichtlich späteren Standort aus ist« (Bernecker). Zumal sich Seidman keineswegs der orthodox-marxistischen Melodie hingibt, wonach der spanische Anarchosyndikalismus allein an der Inkonsistenz seiner eigenen Theorie gescheitert sei. Er erinnert jedoch daran, dass der Anspruch einer allumfassenden Interessenidentität der Arbeiterklasse nur eine Abstraktion, eine Denkfigur ist.

Seidman selbst scheint der Tradition der Situationisten nahezustehen, die 1968 mit dem Slogan Ne travaillez jamais! (Arbeitet niemals!) die praktische Kritik der Lohnarbeit zum Motto erhoben. Gleichzeitig vermutet der Forscher, dass die Infragestellung des Produktivismus mit der Entwicklung zur Konsumgesellschaft ursächlich zusammenhänge.

Wenn revolutionäre Bewegungen immer eng verwoben waren mit einer »produktivistischen Utopie«, so wirft der gesellschaftliche Verfall dieses Modells auch die Frage nach der Zukunft der sozialen Revolution auf. Sicherlich lässt sich darüber streiten, ob die praktische Arbeitskritik diese Leerstelle füllen kann. Zweifel sind angebracht, ist doch diese populäre Kritik nicht nur logisch problematisch, sondern rührt in der konkreten Situation auch ans schiere Überleben. Kurz: Allein dem Widerstand das Wort zu reden, ist auch keine Lösung. Eben das muss sich eine sozialrevolutionäre Bewegung klar machen: An dem Punkt, wo die Utopie realisiert werden soll, führt die anarchistische Freude, Nein zu sagen, nicht weiter. Es ist wichtig, in Schriften das Prinzipielle herauszustellen. Darüber dürfen wir jedoch nicht vergessen, dass es reale, materielle Beschränkungen gibt, denen man sich unterwerfen oder die man aktiv aufbrechen muss. Wer die Unterwerfung ablehnt, wird kaum umhin kommen, den »Produktivismus« in gewisser Weise zu verteidigen. Nicht in dem Sinne der Höher-Schneller-Weiter-Ideologie, aber in dem Sinne, dass die notwendigen und die schönen Güter (dazu zählen auch neue Konzepte) doch hergestellt werden müssen. Als wesentlichen Beitrag zu einer pragmatischen Lösung des Problems scheinen nur »Zugeständnisse« des Individuums an die Gesellschaft realistisch.

Seidmans Ambition jedoch ist beschreibender Natur. Er versucht nicht, »Perspektiven für eine umfassende gesellschaftliche Neuordnung zu konstruieren,« die sich etwa Marcel van der Linden und Karl-Heinz Roth als Ergebnis einer kritischen Theorie erhoffen. Gewiss aber hat er mit seiner Studie zur Erneuerung der Geschichte der Arbeiterbewegung beigetragen: Historische Feldforschung in einer Global Labour History, die u.a. den methodischen Nationalismus der Forschung zu überwinden trachtet.

Dieses Unterfangen gelingt durch den Vergleich mit den Entwicklungen im Nachbarland Frankreich. Denn während in Barcelona Schützengräben ausgehoben wurden, »verließen die Arbeiter Paris scharenweise, um ihren ersten bezahlten Urlaub an der überfüllten Küste zu verbringen.« Seidman argumentiert, dass in einem Land wie Frankreich – dem Deutschland weit näher steht als Spanien – revolutionäre Bestrebungen weniger einflussreich waren, weil sich die Bourgeoisie bereits der Entwicklung der Produktivkräfte verschrieben hatte. Was nach Resignation riecht, birgt zugleich das Potenzial des Subversiven. »Je nach Situation«, so konnte Seidman nachweisen, »versuchten die Gewerkschaften, die ArbeiterInnen zum Arbeiten zu kriegen, oder unterstützten deren Kampf gegen die Zwänge des Arbeitsplatzes und der Arbeitszeit.« Wie es sich für einen Wissenschaftler gehört, stellen uns seine Antworten vor neue Fragen. Das ist es wohl, was man mit Blick auf gesellschaftliche Reflexion nur als eines bezeichnen kann, als Fortschritt.

Die deutsche Ausgabe von Michael Seidmans »Workers against Work. Labor in Paris and Barcelona during the Popular Fronts« erscheint 2011 im Verlag Graswurzelrevolution.


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Jedermann sein eigener Fußball schrieb am 14.10.2014 zu
Die sozialen Werte des Fußballsports:

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