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Anarchistische Mucke aus Italien

Les Anarchistes: Etwas für die Ohren aus Carrara

Les Anarchistes ist der Titel eines berühmten Liedes des libertären französischen Liedermachers Léo Ferré. Es ist zugleich aber auch der Name einer Band aus der italienischen Stadt Carrara, deren Musik zum Interessantesten gehört, was es in der anarchistischen Musikszene der letzten Jahre zu hören gegeben hat.

»Les Anarchistes« wurde 2001 gegründet und verschwand als erstes in einem Aufnahmestudio. Dort entstand die CD Figli di origine oscura (Kinder ungeklärter Herkunft), mit der die Gruppe im Jahr 2002 auf Anhieb den Premio Ciampi für die beste Aufnahme des Jahres gewann. Drei Jahre später erschien dann die CD La musica nelle strada! (Auf die Straße mit der Musik!), in der sich Nicola Toscano und Max Guerrero (Les Anarchistes) mit der Compagnia dela Fortezza (Festungs-Ensemble) aus dem Knast von Volterra zusammentaten. Im Jahr 2008 folgte die CD Pietro Gori, benannt nach dem 1911 verstorbenen anarchistischen Dichter, aus dessen Feder viele traditionelle italienische libertäre Lieder stammen.

Wer sich wahlweise für gut abgehangenen Anarcho-Schweinepogo oder Anarcho-Weisen zur Klampfe interessiert, ist bei »Les Anarchistes« vermutlich schlecht aufgehoben. Musikalisch ist die Combo kaum einzuordnen. Sie selbst schreiben von sich, sie machten »Electro nu-folk« oder »Electro combat-folk«. Aber auch das ist nur ein Teil der Wahrheit. Eine spanische Zeitung hat ihren Stil vor einiger Zeit als »Retro-emo-core-Volksmusik« bezeichnet. Dabei gehen aber mindestens die Free Jazz und Hip-Hop-Elemente unter, die sich in vielen Arrangements wiederfinden. Vielleicht sollte man es auch einfach bleiben lassen, die Gruppe stilistisch einzusortieren. Eines ist jedenfalls sicher, es gibt kaum zwei Stücke, die sich allzusehr ähneln – Langeweile kommt beim Hören nie auf.

Ähnlich breit wie das musikalische Spektrum ist auch die Textgrundlage. »Les Anarchistes« kommt, wie eingangs erwähnt, aus Carrara. Die Stadt der Schufterei in den Marmor-Steinbrüchen hat ihre ganz besondere Geschichte mit dem Anarchismus, denn sie war schon immer eine libertäre Hochburg und im 2. Weltkrieg waren es anarchistische Partisanen, die Schluß mit den deutschen Besatzern und den Massakern der Waffen-SS machten. Kein Wunder also, dass im Herbst 1968 der erste internationale anarchistische Kongress nach Jahrzehnten ausgerechnet in Carrara stattfand. Kein Wunder auch, dass sich unter den Arrangements von »Les Anarchistes« viele spannende Neubearbeitungen anarchistischer »Klassiker« befinden. So z. B. von Sante Caserio oder Dai monti di Carrara. Eine andere Quelle stammt aus der Feder des eingangs erwähnten Léo Ferré. So findet sich auf den CDs Les Anarchistes und – unbedingt hörenswert – Muss es sein? Es muss sein!, Ferrés Auseinandersetzung mit Beethoven. Unter den Stücken finden sich auch die unausweichlichen Interpretationen von A las barricadas und Bella Ciao sowie ein Arrangement zu Percy Bysshe Shelleys Gedicht The Masque of Anarchy aus dem Jahre 1819. Eine musikalisch wie poetisch wilde Mischung also, von der jemand vor einiger Zeit geschrieben hat »Sante Caserio oder ihre Fassung von ›Les Anarchistes‹ von Léo Ferré, provozieren geradezu, dass man Lust bekommt, für irgendetwas auf die Straße zu gehen oder sogar Marx zu lesen…«

Eigentlich schade und völlig unverdient, dass es »Les Anarchistes« selten über die Alpen geschafft hat. Die Konzertschnipsel, die sich auf der Website der Gruppe finden, geben einen Eindruck davon, dass  Alessandro Danelli, Nicola Toscano, Max Guerrero, Edoardo Marraffa, Lauro Rossi, Pietro Bertilorenzi und Mirko Sabatini nicht nur eine hervorragende Studio-Band abgeben, sondern auch live ziemlich spektakulär sind. Zumindest in der BRD ist es nicht ganz einfach an die CDs zu kommen. Zwei davon kann man als Tracks bei unterschiedlichen Online-Musikdiensten kaufen. Die neueste Scheibe muss man sich aus Italien mitbringen oder schicken lassen, solange es keinen Vertrieb gibt, der die CDs ins Programm nimmt.


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Aus den Kommentaren...

J. schrieb am 18.01.2014 zu
Detroit: Von der Motown zum Urban Farming:

Hmmmm...zurück zur Subsistenzwirtschaft in den post-industriellen Trümmern der kapitalistischen Moderne? Ob Urban Farming eine Alternative ...