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Gerd Arntz: Ich habe mir manche Illusionen erst gar nicht gemacht

Gerd Arntz war nie ein berühmter Künstler, der auf dem Kunstmarkt hoch gehandelt wurde oder große Ausstellungen in den üblichen Museen vorweisen konnte. Seine Holz- und Linolschnitte bezogen Stellung, waren parteiisch und sollten was bewirken: »Unsere Bilder waren ja eigentlich alles nur Studien für Wandbilder, die wir uns in Gewerkschaftshäusern dachten oder in Volkshäusern, und unsere Schnitte wurden in Zeitschriften gebracht oder sollten auf der Straße angeklebt werden. So wurden in den dreißiger Jahren in Amsterdam Schnitte von mir vervielfältigt und auf Bauzäune und Mauern geklebt, so z.B. Arbeiten über Arbeitslosigkeit und über den Spanienkrieg. Das entsprach sehr meinen Vorstellungen.«

In der Weimarer Republik gehörte er zu der losen Künstlergruppe »Die Progressiven«, der auch Leute wie Seiwert und Hoerle angehörten. Politisch eher dem rätekommunistischen Marxismus zuzuordnen, wurde er auch durch anarchistische Schriften u.a. von Kropotkin beeinflusst. »Ich habe dann die klassischen Schriften des Marxismus gelesen. Später habe ich Mühsam kennen gelernt, aber zu der Zeit hatte ich bereits sehr stark meine eigenen Vorstellungen.«

Arntz wurde 1900 als Sohn einer angesehenen Remscheider Fabrikantenfamilie geboren, er bekam schon früh mit, dass »nicht alle so lebten wie wir. Erinnerungen an Streiks in den Fabriken der Umgebung blieben haften in mir, mit allem, was dazugehört.« Dies konnte ihn aber nicht vor der nationalen Infizierung »bewahren«, »obwohl ich bei Besuchen in Arbeiterwohnungen – oft zusammen mit meiner Mutter, die Sozialarbeit leistete – viel Elend sah; meist die Folge des Krieges.« So wurde er noch mit 17 Jahren im letzten Kriegsjahr des 1. Weltkrieges Soldat. Nach Kriegsende arbeitete er in der Fabrik seiner Eltern, begann dann aber nach einem Arbeitsunfall eine Ausbildung zum Zeichenlehrer und kam durch die damalige Kunstszene rasch mit Düsseldorfer »revolutionären Kreisen« in Kontakt, die die Losung: »so links wie möglich ›Rätetebewegung‹« ausgaben. In diesen drei Jahren hatte Arntz eine rasante politische Entwicklung vollzogen, die gut die revolutionäre Atmosphäre dieser Zeit widerspiegelt.

Von der November-Revolution 1918, dem Kapp-Putsch 1920 und den zahlreichen Streiks und Betriebsbesetzungen durch die arbeitende Klasse inspiriert, begann Arntz mit seinen Holzschnitten. Mit der Aussicht auf eine Revolution in Deutschland war es aber spätestens 1923 vorbei. Es begann eine Phase wirtschaftlicher Erholung und einer leichten Stabilisierung der Weimarer Republik, organisatorisch hatte er sich der AAUE (Allgemeinen Arbeiter Union Einheitsorganisation) angeschlossen und produzierte u.a. für deren Zeitung einige Holzschnitte. Da Arntz durch seine Arbeiten schon früh zu einer vereinfachten Form der Darstellung von Menschen und Dingen gekommen war, zog er die Aufmerksamkeit des Leiters des »Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseums« in Wien, Dr. Neurath auf sich. Folge war 1929 der Umzug nach Wien, um dort die Symbole einer neuen Bildstatistik mit zu entwickeln, die weit über Österreich Verbreitung finden sollte. Dieser Broterwerb bzw. die weitgehende Unabhängigkeit vom Kunstgeschäft trugen in seinen politisch motivierten Linolschnitten zu einer klaren radikalen Position bei. Durchaus ein Luxus in der damaligen instabilen wirtschaftlichen Zeit »aber ich habe Zeit meines Lebens meinen Unterhalt durch praktische Arbeit wie Bildstatistik und Typographie erhalten, war also nie gezwungen, mich zu verkaufen.Meine Künstlerfreunde in Köln waren wohl gezwungen, zu verkaufen. Wir hatten alle dieselben Kunden und es gab es oft Streit.«

Da das Wiener Institut auch in Moskau eine Niederlassung gründen sollte, war Arntz oft in der Sowjetunion und konnte die Entwicklung zum Terror Stalins aus nächster Nähe betrachten. Inzwischen hatten die Nazis Deutschland im Griff, auch Wien wurde ab 1934 ungemütlich, als der austrofaschistische Kanzler Schuschnigg nach dem bürgerkriegsähnlichen Februaraufstand die sozialdemokratische Partei Österreichs verbot.

1934 emigrierte das Ehepaar Arntz nach Den Haag. Gerd Arntz konnte neben seiner Arbeit als Bildstatistiker mit den holländischen Rätekommunisten um Hermann Gorter politisch weiter arbeiten. In Moskau war Arntz’ Kunstrichtung als »dekadente« Formgebung nun auch nicht mehr auf Linie der Partei. Nach der Besetzung der Niederlande durch die Nazis konnte er mit Hilfe von Freunden in einem Regierungsbüro des »Centraal Bureau voor de Statistiek« arbeiten und vollzog so was wie eine innere Emigration. »Hier gab es soviel zu tun für mich, dass ich in den nächsten Jahren nicht mehr zur freien künstlerischen Arbeit kam. Der Sinn stand mir auch nicht danach, ich verkroch mich sozusagen, meine Welt war eingestürzt, wie sollte ich jemals wieder neu beginnen können?«

1943 wurde Arntz zwangsweise einberufen und musste 1944 an die französische Front, wo er sich vorzeitig der französischen Widerstandsbewegung Résistance ergab. Nach zwei Jahren amerikanischer Gefangenschaft ging er nach Den Haag zurück und nahm dort seine Arbeit an einer Bildstatistik wieder auf. Er schuf zunächst keine neuen politischen Werke. Der Nationalsozialismus war für Arntz – wie für viele seiner radikal-sozialistischen ZeitgenossInnen – ein schwerer Einschnitt. In jungen Jahren noch die Möglichkeit einer Revolution in Deutschland vor Augen, musste Arntz im Laufe der Zeit mehr oder weniger ohnmächtig die Entwicklung hin zur größten Barbarei der Menschengeschichte mit ansehen. Dies kann nicht spurlos an einem Menschen vorbeigehen und zwingt regelrecht zur Überprüfung der eigenen politischen Überzeugung.

»Manchmal habe ich noch versucht die Brüchigkeit dieser Gesellschaft darzustellen. Im Gegensatz zu diesen Arbeiten gab es in den Arbeiten von damals ein Ziel, eine Richtung. Damals war in der Tat noch Hoffnung, dass man die Oberklasse wegfegen würde, und diese Hoffnung lag auf den Arbeitern. Ich habe mit meinen damaligen Arbeiten ›Lehrbilder‹ machen wollen, Lehrbilder über die nächsten Aufgaben wie Kasernenbesetzung, Fabrikbesetzung und solche Dinge. Aber dieselben Lehrbilder konnte ich nach dem Krieg nicht mehr machen. Ich war eigentlich gescheitert, denn nach diesem Krieg konnte man nicht mehr sagen du sollst dies oder das tun.«

Nach ein paar Jahren der Stille kehrte Arntz zur »Gesellschaftskritik« zurück. Themen waren nun die Warnung vor der »Atombombe« (der Kriegsgefahr), die sogenannte Korea-Krise und Stalins Arbeitslager (Kolyma). Im Zuge der 68er Bewegung wurden auch Gerd Arntz Arbeiten – nicht nur – in Form von Ausstellungen wieder verstärkt zur Kenntnis genommen.

»Nun waren meine Arbeiten nicht nur politisch, eher gesellschaftskritisch. Tagespolitik habe ich meist vermieden, wohl aber Gegensätze aufgezeigt. Probleme der Zeit, wie Arbeitslosigkeit, Streiks behandelt. Vieles gilt natürlich auch heute noch. Junge Leute gebrauchen oft für ihre Zeitschriften meine alten Schnitte, und im Theater ist ein Schnitt von mir als Hintergrund verwendet worden. Also die Dinge ziehen irgendwie noch. Für mich sehr erfreulich.«
Sich selbst treu geblieben, verstarb Gerd Arntz nach einem bewegten Leben im Alter von 88 Jahren in Den Haag.

»Aber durch diese ganzen
Entwicklungen bin ich nicht von
meinen Idealen abgewichen.«


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Aus den Kommentaren...

Antifußballer schrieb am 03.05.2014 zu
Die sozialen Werte des Fußballsports:

Man könnte mit den intellektuellen Verrenkungen, die "Linke" immer meinen unternehmen zu müssen, um ihre vollkommen profane und irrelevante ...