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Emanzipatorische Kritik an antimuslimischem Rassismus und Islamismus?

1 Kommentar

Kapitalistische Staaten benötigen Feindbilder, um politische Entscheidungen zu legitimieren, und Feindbilder bestimmen wiederum wesentlich über die staatliche Innen- und Außenpolitik. Bis zu ihrem Zusammenbruch Anfang der 1990er Jahre war die Sowjetunion der Hauptfeind für die westlichen Staaten. Durch ihren Zerfall begann eine kurze Phase, in der viele Feinde ausgemacht wurden, wie etwa Serbien. Aber »der« Hauptfeind war erst nach dem 11. September 2001 ausgemacht: Der Islam, bzw. die Muslime.

Aus einer klassenorientierten Perspektive ist dieses kulturalistische Paradigma sehr problematisch, weil dadurch soziale Konflikte durch kulturalistische, religiöse und ethnische Konflikte überlagert werden. So ist es nicht überraschend, dass innerhalb der radikalen Linken tiefer gehende Diskussionen um die Feindschaft gegenüber Muslimen keine bedeutende Rolle spielen. Allerdings ist diese Haltung aus einer emanzipatorischen Perspektive, die die Überwindung von Herrschaft und Ausbeutung einfordert, nicht haltbar. Es ist notwendig, die Kulturalisierung und Ethnisierung von sozialen Konflikten zu entschlüsseln und nach Interventionsmöglichkeiten zu suchen.

Eine solche Analyse und Kritik des antimuslimischen Rassismus wird weiter dadurch erschwert, dass sowohl auf der Seite der deutschen Mehrheitsgesellschaft als auch auf der Seite der Muslime Akteure zu finden sind, die keineswegs emanzipatorisch sind. So wird oft eine an sich sinnvolle Kritik an islamistischen Ideologien eingesetzt, um Muslime insgesamt zu beschuldigen und um den bundesdeutschen Rassismus als »Islamkritik« zu rechtfertigen. Auf der anderen Seite nutzen islamistische Organisationen Angriffe gegen Muslime dazu, um ihre Propaganda zu unterfüttern.

Wie kann eine emanzipatorische Kritik am Islamismus aussehen, die diese Schwierigkeiten nicht verdrängt? Denn die Erkenntnis, dass »Islamkritik« oft zur Legitimation von Rassismus eingesetzt wird, macht die Analyse und Kritik des Islamismus als reaktionärer politischer Bewegung nicht überflüssig. Auch ohne antimuslimische Ressentiments lässt sich die Existenz von islamistischen Bewegungen und Akteuren feststellen. Diese haben einige Gemeinsamkeiten, die es berechtigt erscheinen lässt, sie zusammengehörig zu kategorisieren.

Islamisten fordern, dass der Islam als umfassendes Regelwerk für alle Lebensbereiche, einschließlich der Politik und der Gesellschaft, gelten soll. Sie verstehen unter »Islam« weniger die politische und religiöse Wirklichkeit der Muslime, die sehr vielfältig ist, sondern vielmehr einen begrenzten Textkorpus, nämlich den Koran und die Hadithe (Prophetensprüche und Geschichten), und eine idealisierte Vorstellung der frühislamischen Phase. Die aus diesem Korpus abgeleiteten Rechtsvorschriften sollen alle Lebensbereiche regeln. Das islamistische Ideal ist eine organische Gesellschaft mit festen Rollen für die Geschlechter.

Hieraus erwachsen Probleme und Bedrohungen für zahlreiche Gruppen wie z.B. Atheisten, andere »Ungläubige« und Muslime mit abweichenden Vorstellungen – etwa wenn sie die Geltung des islamischen Rechts für alle Lebensbereiche nicht akzeptieren. Ebenso ist im islamistischen Weltbild kein Platz für Menschen, die ihre Sexualität außerhalb einer heterosexuellen Ehe ausleben wollen. Frauen hätten in einer solchen Gesellschaft noch weniger Rechte und sie wären weitgehend aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen. Es sollte betont werden, dass in einem islamistischen Staat jeglicher Protest gegen konkrete staatliche Politiken und Gesetze als Angriff gegen den Islam gelten würde, mit entsprechenden Folgen für politische und soziale Oppositionsbewegungen. Dies alles ist aus einer emanzipatorischen Perspektive nicht hinnehmbar.

Dieses mögliche Bedrohungsszenario muss jedoch insofern relativiert werden, da Islamisten in vielen Ländern politisch weitgehend gescheitert sind und es nur wenige Staaten (etwa den Sudan der 1980er Jahre) gab, in denen Islamisten die Politik bestimmt haben. Auch für Deutschland ist die Gefahr nicht die Einführung der Scharia, sondern vielmehr die Durchsetzung einer konservativen Islamvorstellung unter den in Deutschland lebenden Muslimen, womit der soziale Druck innerhalb einiger Migrantencommunities z.B. auf Atheisten, Frauen und Homosexuelle einhergeht. Des Weiteren werden soziale Konflikte kulturalistisch und ethnisch umgedeutet und so gemeinsame soziale Bewegungen durch kulturell und ethnisch gesetzte Grenzen erschwert. Dies führt zu einer Unterminierung emanzipatorischer Ansätze.

Die Schwierigkeit, eine emanzipatorische Kritik zu formulieren, ohne von hegemonialen Diskursen absorbiert zu werden, ist offensichtlich. Vielfach wird berechtigte Kritik an konkreten islamistischen Inhalten und Praxen verwendet, um Feindbilder zu konstruieren und den Rassismus in Deutschland zu legitimieren. So hält eine Mehrheit der deutschen Bevölkerung den Islam für eine intolerante Religion und wirft den Muslimen die Unterdrückung der Frauen vor. Gleichzeitig stimmen »dieselben Befragten – in ihrer großen Mehrheit einer der christlichen Konfessionen angehörig – […] jedoch selbst rassistischen, antisemitischen, sexistischen und homophoben Aussagen überzufällig häufig zu«, vertreten »die Ansicht, Frauen sollten ihre Rolle als Ehefrau und Mutter ernster nehmen« und halten Homosexualität für unmoralisch (Zick/Küpper 2009: 3). Hieraus wird deutlich, dass eine emanzipatorische Kritik am Islamismus zur Legitimierung von Rassismus instrumentalisiert werden kann.

Was tun?

Angesichts dessen, dass die Feindschaft gegenüber Muslimen eher zu- als abnehmen wird und dass sie als eine Ideologie zur Legitimation von Rassismus und sozialer Ausgrenzung zunehmend relevanter wird, ist die Entwicklung einer emanzipatorischen Perspektive so notwendig wie schwierig.

Dies wurde z.B. bei den Auseinandersetzungen um rechte Aufmärsche in Duisburg deutlich, wo Pro NRW und NPD Ende März 2010 gegen die »Islamisierung« aufmarschierten. So hat zwar das Bündnis linksradikaler und anarchistischer Gruppen »Rechtes Märchenland zerlegen« versucht, erste Ansätze einer emanzipatorischen Positionierung jenseits von antimuslimischem Rassismus und Islamismus zu etablieren. Allerdings wurden diese Ansätze von den linken und bürgerlichen Bündnissen gegen Pro NRW und NPD nicht beachtet und blieben innerhalb der Proteste marginalisiert. Am zentralen Tag der Proteste, dem 28. März, kam es dann am Rande der zentralen Kundgebung zu einem Aufmarsch türkischer Faschisten und Islamisten, die durch Fahnen, Symbolik und antisemitische Parolen (»Tod den Juden«, »Juden raus«) eindeutig erkennbar waren. Auf diesen Aufmarsch gab es weder vom linken noch vom bürgerlichen Bündnis eine angemessene Reaktion. So wird eine politisch sinnvolle Analyse und Kritik der Feindschaft gegen Muslime unterminiert und die Beschäftigung mit dem Islamismus als politische Bewegung und anderen reaktionären Bewegungen unter Nicht-Deutschen bleibt so aus. Insofern müssen linksradikale Akteure emanzipatorische Ansätze eigenständig weiterentwickeln, auch wenn sie vorerst marginalisiert bleiben und von der deutschen Mehrheitsgesellschaft, einschließlich der Mehrheit der Linken, unbeachtet bleiben. [ Ismail Küpeli ]

Zum Weiterlesen:

Iman Attia (Hg.): Orient- und IslamBilder – Interdisziplinäre Beiträge zu Orientalismus und antimuslimischem Rassismus. Münster: Unrast Verlag, 2007.

Wolfgang Benz (Hg.): Islamfeindschaft und ihr Kontext. Dokumentation der Konferenz »Feindbild Muslim – Feindbild Jude«. Berlin: Metropol Verlag, 2009.

Thorsten G. Schneiders (Hg.): Islamfeindlichkeit: Wenn die Grenzen der Kritik verschwimmen. Wiesbaden: VS Verlag, 2009.


Kommentare

Mops schrieb am 02.02.2015 um 13:25 Uhr

Vor vier Jahren geschrieben und aktueller denn je. Seit Niederlegung dieses Textes hat die islamistische wie auch die rassistische Welle Hochkonjunktur und eine emanzipatorische Kritik oder gar Praxis ist kaum wahrnehmbar. Mist.

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Aus den Kommentaren...

J. schrieb am 07.01.2014 zu
Arbeitskampf bei Krupp in Rheinhausen:

...jau, wegen privater Probleme ging er in die Betty-Ford-Klinik... ;-) Ich fand den Lapsus ja nun auch nicht soooo dramatisch. Ist mir auch schon ...