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Kurt Gustav Wilckens: »El vindicator«

[ Zum gleichen Thema haben wir auch den Beitrag Der Aufstand von Patagonien (1921-1922) veröffentlicht ]

Am 27. Januar 1923 schleuderte Kurt Wilckens in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires eine Bombe auf einen Oberst namens Varela. Als der verletzte Militär versuchte Wilckens anzugreifen, erschoss dieser ihn mit einem Revolver. Wachmänner überwältigten den Angreifer, der immer wieder rief: »Ich habe meine Brüder gerächt!«

Was war der Hintergrund dieses zielstrebigen Attentats und wer waren Opfer und Täter? Varela kannte jeder argentinische Arbeiter und jede Arbeiterin als »Schlächter von Patagonien«. Unter seinem persönlichen Kommando waren 1921/22 mehr als 1.500 streikende Landarbeiter im patagonischen Süden des Landes gefoltert, ermordet und in Massengräbern verscharrt worden. Für diese blutige Schlächterei war er vom ersten demokratisch gewählten argentinischen Staatsoberhaupt, Irigoyen, vom Oberstleutnant zum Oberst befördert worden. Die Auftraggeber des Massakers, die vornehmlich britischen Großgrundbesitzer Patagoniens, dankten es dem Schlächter mit einer Tafel auf dessen Grab: »Die Briten von Patagonien, Oberstleutnant Varela zu ewigem Dank verpflichtet«.
Wer aber war der Mann, der unter den ArbeiterInnen Argentiniens seither als »el vindicator – der Rächer« berühmt ist und der von den wandernden Liedermachern und Geschichtenerzählern, den Payadores, heimlich als Held besungen wurde?

Kurt Gustav Wilckens wurde 1886 in Bramstedt im Kreis Segeberg geboren. Schon früh begann er in den Bergwerken Schlesiens zu arbeiten und emigrierte im Alter von 24 Jahren in die USA, wo er Arbeit in den Minen Arizonas fand. Er trat den »Industrial Workers of the World« (IWW) bei, einer revolutionär-syndikalistischen Gewerkschaft. Mehrmals wurde er als Gewerkschafts-Organizer verhaftet und mehrfach gelang ihm die Flucht, bis er schließlich als »gefährlicher Ausländer« und »Anarchist« nach Deutschland deportiert wurde. In Hamburg arbeitete er eine Zeitlang bei Carl Langers anarchistischer Zeitung »Alarm« mit. Doch es hielt Wilckens nicht lange in Deutschland, wo kaum eine Arbeit zu finden war, am allerwenigsten für einen Gewerkschafter und Anarchisten. Wie viele andere in diesen Jahren auch, verließ er das Land Richtung Argentinien, dessen boomende Wirtschaft Aussicht auf ein Einkommen bot. Im September 1920 traf Wilckens in Buenos Aires ein. Er arbeitete zunächst als Schauermann im Hafen der argentinischen Hauptstadt und knüpfte Kontakte zur damals riesigen anarcho-syndikalistischen Bewegung der Stadt. Im Mai 1921 war er als Agitator vier Monate lang inhaftiert, konnte einer erneuten Abschiebung allerdings entgehen. Die Nachrichten über die Massaker an den streikenden Arbeitern Patagoniens erreichten die Bewegung in Buenos Aires mit Verzögerung. Es waren geflüchtete Überlebende, die die schrecklichen Nachrichten überbrachten. Sie erschütterten den am gewaltlosen Anarchismus Leo Tolstois orientierten Wilckens zutiefst.

Für das Attentat wurde Kurt Wilckens zu 17 Jahren Gefängnis verurteilt. Die argentinische Rechte und das Militär schäumten angesichts des in ihren Augen lächerlich geringen Urteils. Und sie handelten. In der Nacht zum 15. Juni 1923 schleusten Gefängniswärter Ernesto Perez Millan in die Haftanstalt. Dieser war ein Mitglied einer faschistoiden antisemitischen Organisation, die von Kirche, Unternehmern und Militärs unterstützt wurde. Millan tötete den in seiner Zelle schlafenden Wilckens durch Schüsse in die Brust.

Als Reaktion auf die Ermordung Kurt Wilckens rief die anarcho-syndikalistische FORA einen Generalstreik aus – am 9. Juli organisierte die FAUD eine Kundgebung in Berlin. Über all die Jahrzehnte, die seither vergangen sind, wurde Kurt Gustav Wilckens von den ArbeiterInnen Argentiniens nie vergessen. Eine ganze Anzahl Gedichte und Lieder wie »el heroe« erinnern an ihn. Aber vielleicht würde es ihm gar nicht recht sein, als »Held« verehrt zu werden. Schließlich war es nur eines, was für ihn zählte: »Ich habe meine Brüder gerächt!«


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Aus den Kommentaren...

Streikbrecherbrecher schrieb am 13.01.2014 zu
Das Ende der Tarifeinheit - Ein Stützpfeiler weniger:

Haben sich die DGB-Gewerkschaften sich nicht diesbezüglich was in den Koalitionsvertrag schreiben lassen? Eben um sicherzustellen, dass ihr ...