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Internationale Kampagne gegen Ausbeutung

OTTO Workforce

Die Kampagne begann, als zwei junge Leute aus Polen, die in den Niederlanden arbeiteten, beschlossen, aufzustehen und gegen eine Firma zu kämpfen, die sie und viele andere ArbeiterInnen ausgebeutet hatte. »OTTO Workforce« ist eine riesige Zeitarbeitsfirma, die sich darauf spezialisiert hat, ArbeiterInnen aus Polen, Tschechien und der Slowakei ins Ausland zu vermitteln. In den Niederlanden ist OTTO der größte Arbeitgeber in diesem Bereich, die Firma ist aber auch anderswo tätig, so z.B. in Deutschland, wo sie die Zeitarbeitsfirma »Olympia Personaldienstleistungen« aufgekauft hat. Viele von den Leuten, die zum Arbeiten ins Ausland gehen, kommen aus Gegenden mit hoher Arbeitslosigkeit oder suchen aus anderen Gründen verzweifelt nach einem Job.

Das Angebot, das man ihnen in Polen macht, hört sich gut an: Arbeit zu besseren Löhnen als in Polen, Unterbringung und Transport durch die Firma. Die Realität kann allerdings ganz anders aussehen: es kann sein, dass es nicht genug Arbeit gibt, oder auch gar keine, die Unterbringung ist manchmal unterdurchschnittlich schlecht und weit abgelegen, manchmal müssen die ArbeiterInnen sich mit doppelt so vielen Leuten die Unterkunft teilen, wie zugesagt. Es kann passieren, dass man für völlig andere Arbeiten eingeteilt wird, als erwartet. Und das Schlimmste von allem: OTTO hat einen Hang dazu, die ArbeiterInnen für alle möglichen Arten von Regelverletzungen zu bestrafen, die nichts mit der Arbeit zu tun haben. Dazu wird ein System Roter und Gelber Karten und Abzüge vom Lohn eingesetzt. Alle möglichen ArbeiterInnen hatten sich darüber beschwert und schließlich haben einige beschlossen, etwas dagegen zu tun.

Die zwei eingangs erwähnten Arbeiter hatten derart hohe Abzüge von ihrem Lohn, dass diese schließlich so hoch wie ein ganzer Monatslohn waren. Sie beschlossen, eine Kampagne ins Leben zu rufen, um andere ArbeiterInnen vor den Praktiken der Firma zu warnen und um Leute dazu zu ermutigen, sich zu organisieren und zurückzuschlagen. Sie kontaktierten den »Vrije Bond« in den Niederlanden und die polnische ZSP, die daraufhin damit begannen, ihre Geschichten öffentlich zu machen. Als ArbeiterInnen aus der Slowakei über ähnliche Vorkommnisse berichteten, wurde die »Priama Akcia« mit einbezogen.

In der Folgezeit kam es zu einer Reihe von Kundgebungen und Pickets, zunächst in Polen, der Slowakei und den Niederlanden. AktvistInnen besuchten die Räume, wo ArbeiterInnen untergebracht waren und versuchten, die Kontakte auszuweiten. Die beteiligten Organisationen forderten von OTTO, dass die Firma das bezahlen soll, was sie den ArbeiterInnen schuldet und dass sie eine Reihe ihrer Praktiken ändern solle. Schließlich wurde im März 2011 eine Protestversammlung vor dem Hauptsitz des Konzerns im niederländischen Venray organisiert, die jedoch von der Polizei angegriffen wurde. Trotz einer Reihe von Festnahmen gelang es rund 20 Leuten zum Firmensitz durchzukommen. Nachdem alle AktivistInnen sich wieder auf freiem Fuß befanden, zogen sie erneut zur Zentrale und verlangten ein Treffen mit dem Geschäftsführer der Firma. Das Ergebnis dieser entschlossenen Aktion war, dass die ausstehenden Löhne gezahlt wurden.

Weitere ArbeiterInnen schlossen sich an. Zwei hatten Lohnabzüge und einer, der einen Arbeitsunfall erlitten hatte, musste feststellen, dass OTTO ihn als »nicht mehr länger angestellt« betrachtete und er weder Krankengeld bekam, noch die medizinischen Versorgungskosten bezahlt wurden. Daraufhin wurden weitere Proteste, E-Mail-Kampagnen und andere Formen von Druck organisiert. Die Situation bei OTTO begann sich in den Niederlanden breit herumzusprechen. Nach einem Picket auf einem Campingplatz, wo OTTO 500 ArbeiterInnen untergebracht hatte, sahen sich die Behörden gezwungen, diesen zu schließen und die Unterbringungsbedingungen dort als illegal einzustufen. OTTO hatte jetzt ein ernsthaftes Problem in seiner Außendarstellung und musste sogar eine Reihe von Maßnahmen ergreifen, um einige Veränderungen durchzuführen.

Die Situation in den Niederlanden wurde ziemlich ernst, als einige Nichtregierungsorganisationen und eine Reihe von PolitikerInnen eine Überprüfung von OTTO forderten. Die Mainstream-Medien begannen damit, zunehmend mehr Berichte zu veröffentlichen, die sich mit den Problemen der ArbeiterInnen auseinandersetzen.

Zu Beginn des Sommers 2011 gab es schließlich auch noch eine Kampagne für Leute, die in Polen selbst arbeiten (OTTO rekrutiert auch ZeitarbeiterInnen für den lokalen Markt). So entstand u.a. der Kontakt  zu einer Gruppe von Arbeiterinnen, die im Auftrag von OTTO in einer Fabrik arbeiteten und dabei feststellten, dass man ihnen weniger zahlte als vereinbart. Die Firma versuchte sich damit herauszureden, dass man davon ausgegangen sei, dass die Arbeiterinnen Stücklohn statt eines Stundenlohns erhielten. Die ZSP führte eine Reihe von Protesten durch und setzte sich mit den ArbeiterInnen in der Fabrik in Verbindung. Als ein Ergebnis erhielten alle LeiharbeiterInnen von OTTO im Werk den vereinbarten Lohn.

Es fällt uns schwer, den Erfolg der Kampagne exakt in Zahlen zu fassen, da wir bislang die Gesamtsumme der Zahlungen an die FabrikarbeiterInnen noch nicht kennen und auch noch nicht wissen, was der verletzte Kollege letztlich alles von der Firma erhalten wird. Aber es geht um mehrere tausend Euro. Das zeigt, dass wir uns alle dadurch wehren können, dass wir nicht aufgeben und zurückschlagen.

Leider gibt es aber immer noch eine Menge betrogene ArbeiterInnen, die nicht zurückschlagen und Firmen wie OTTO machen gute Profite mit ihnen. Wir hoffen, dass die Erfahrungen der ArbeiterInnen, die etwas gegen ihre Situation unternommen und gewonnen haben, andere ermutigen wird, es ihnen gleichzutun. Wir rufen alle ArbeiterInnen dazu auf, eine wesentliche Sache zu tun: Organisiert euch bevor ihr beschissen werdet und nicht nur um das zu erhalten, was euch zusteht, sondern um eure Situation grundsätzlich zu verbessern. [ Zwiazek Syndykalistów Polski (ZSP) Warszawa ]

Einige Links zu Beiträgen über die OTTO-Kampagne:

Mehrsprachige Kampagnen-Website der ZSP

Aktionen in den Niederlanden, Polen und der Slowakei gegen die
OTTO Zeitarbeitsagentur auf der Website der FAU

Niederländische Berichte auf der Website des »Vrije Bond«
über die Aktionen gegen OTTO


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Agrarökonomin schrieb am 24.01.2014 zu
Detroit: Von der Motown zum Urban Farming:

Richtig, die kleinen Gärten in den von Krupp und Co. geschaffenen Arbeitersiedlungen, hatten nichts mit Romantik zu tun. Mit dem Land, dass man ...