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Ein stalinistischer Putsch gegen die soziale Revolution

Die Maitage Barcelona 1937

Dritter Mai 1937 – 200 Guardias stürmen zur Siestazeit die »Telefonica«, Barcelona‘s Telefonzentrale, über die Auslandsgespräche und der Regierungstelefonverkehr von Valencia laufen. Der Stalinist Rodriguez Sala, Komissar für öffentliche Ordnung in Katalonien, handelt auf Befehl des – der Spanischen Kommunistischen Partei (PCE) streng ergebenen – regionalistischen Innenministers Artemio Ayugade. Als Begründung dient, dass Gespräche belauscht worden seien, sich TelefonistInnen kommentierend in Regierungsgespräche eingemischt hätten oder solche sogar abrupt unterbrochen hätten.

Aber die Polizeieinheiten beißen auf Granit – erbittert verteidigt sich die aus CNT- und UGT-Leuten bestehende Belegschaft der kollektivisierten Telefonica aus den oberen Stockwerken heraus. Zwei Tage wird dort gekämpft. Die von einem Betriebskomitee geleitete Telefonica ist ein Musterbeispiel für laut katalanischem Kollektivierungsdekret vom 24. Oktober 1936 kollektiv geführte Betriebe.

Blitzschnell spricht sich in der Stadt der Polizeiüberfall herum. Spontan werden im ganzen Stadtgebiet Barrikaden gebaut, um den konterrevolutionären Putsch abzuwehren. Die ArbeiterInnen treten in einen Generalstreik, von dem nur die kriegsnotwendige Industrie ausgenommen wird. Heftige Kämpfe brechen aus, die in drei Tagen an die fünfhundert Tote und eineinhalbtausend Verletzte kosten.

Barcelonas ArbeiterInnen waren 1936 zu 90 % in der CNT organisiert, die in Spanien zwei Millionen Mitglieder hatte. Die moskautreue PCE hatte nur rund 10.000. Nur durch die gegen spanisches Gold gelieferten Waffen und sog. Militärberater aus der Sowjetunion (SU) war der Einfluß der PCE überproportional gewachsen. Machiavellistisch missbrauchte sie ihren Einfluß zur Übernahme der Regierungs- und Staatsgewalt. Die Partei erstarkte auch, weil bürgerliche und konterrevolutionäre Elemente in ihr Schutz suchten. Auf Weisung der Zentrale in Moskau sollte die PCE eine echte Revolution um jeden Preis verhindern. Ziel war eine von der Entente anerkannte demokratische Regierung.

Tagelang tobt der Häuser- und Barrikadenkampf mit den AnarchistInnen, der libertären Jugend »Juventudes Libertarias« (JJ.LL.) und der linkskommunistischen POUM auf der einen Seite sowie den StalinistInnen der PSUC und PCE sowie katalanischen Regionalisten auf der anderen. Von der Zentralregierung aufgefordert, schaltet sich die CNT-Führungsspitze vermittelnd ein. Die libertäre Basis jedoch sieht sich klar im Abwehrkampf gegen die Konterrevolution und hat erkannt, dass es um die Errungenschaften der sozialen Revolution an sich geht.

Schon vor dem 1. Mai 1937 waren die Spannungen wegen verschiedener Provokationen so groß gewesen, dass die Erste-Mai-Feierlichkeiten ausfielen. Das Prinzip des zentral gelenkten Staates kollidierte mit aller Macht mit den nach dezentralen Prinzipien aufgebauten Selbstverwaltungsstrukturen der sozialen Revolution von unten.

So wurden z.B. die Milizen, die auf alle militärischen Autoritätsstrukturen wie Grußpflicht, Vorgesetzte und Privilegien verzichteten, in die formell neugebildete, von stalinistischen Kräften gesteuerte konventionelle Volksarmee zwangseingegliedert. Kasernenhofdrill, Kadavergehorsam, Offiziersdünkel und -privilegien sollten wieder das Credo sein. Die russische Zeitung »Prawda« hatte bereits am 17. Dezember 1936 verkündet: »Was Katalonien betrifft, so hat der Reinigungsprozess gegen Trotzkisten und Anarchosyndikalisten bereits begonnen; er wird mit der selben Energie durchgeführt werden wie in der Sowjetunion.«

Den libertären KämpferInnen geht die Galle über, als der ehemalige katalanische CNT-Wirtschaftsminister und Milizenorganisator Diego Abad de Santillan (Schwiegersohn Fritz Katers, FAUD) in verbalen Befriedungsversuchen die Opfer aller Seiten melodramatisch gar »küssen« will. Am 4. Mai ist die Hochburg der CNT in den Händen der anarchistischen Bewegung. Dennoch nimmt die CNT-Führung die Schwächung der eigenen Position in Kauf, um den Erhalt der antifaschistischen Volksfront zu sichern. Ein gravierender Fehler, wie auch Federica Montseny und Garcia Oliver, die beiden anderen intervenierenden CNT-Minister, ebenso wie Santillan, später einsehen. Eine Rolle spielt allerdings auch, dass sie sich der Gefahr bewusst sind, dass die britischen und französischen Blockade-Kriegsschiffe vor der Küste im Falle eines Sieges des libertären Kommunismus sofort militärisch intervenieren würden.

Viele Libertäre sind empört und zerreissen ihre Mitgliedsausweise. Aufrufe der »Amigos de Durruti«, einer oppositionellen Gruppe innerhalb von CNT und FAI, treffen eher ihre Empfindungen. Die Gruppe fordert am 5. Mai in Flugblättern die Fortführung der Kämpfe, die Verteidigung der Errungenschaften der sozialen Revolution, sowie die Bildung einer revolutionären Junta, bestehend aus CNT, FAI und POUM. Die Mitgliederzahl der in den JL einflussreichen Amigos wird zu Beginn der Ereignisse auf 4-5.000 Menschen geschätzt. Nun werden die Amigos, deren Haltung innerhalb der CNT und FAI noch zu Beginn des Bürgerkrieges überwog, selber bald als »Agents Provocateurs« bezeichnet und wenig später aus der CNT ausgeschlossen.

Am 5. Mai kommt es zu einem Waffenstillstand in Barcelona, was die Stalinisten dennoch nicht daran hindert, den international bekannten Anarchisten Prof. Camillo Berneri und weitere italienische Genossen zu kidnappen und kurzerhand umzulegen. Auch auf das Auto von Frederica Montseny wird geschossen – nur ist nicht klar von wem…

Entgegen Absprachen laufen am 5. Mai republikanische Kriegsschiffe in Barcelonas Hafen ein und bedrohen mit ihren Kanonen die Stadt. Anarchistische Milizen, die ihren GenossInnen in Barcelona von der Front zu Hilfe eilen wollen, werden hingegen von der CNT-Führung gestoppt. In Katalonien wird eine neue, provisorische Regierung konstituiert. Die ebenfalls neukonstituierte spanische Zentral-Regierung bekämpft ab jetzt noch stärker als ihre Vorgängerin die Kollektivierungen. Neuer Ministerpräsident dieser Regierung ist Largo Cabarello, der den vielsagenden Beinamen »spanischer Lenin« trägt.

Als am 7. Mai schließlich republikanische Einheiten in Barcelona einmarschieren, ist alles gelaufen. In Folge der Maiereignisse verstärkt die PCE ihren Vernichtungsfeldzug gegen die oppositionelle POUM, die sie zusammen mit sog. unkontrollierbaren Elementen des Anarchismus (Incontrolados) für die Ereignisse offiziell verantwortlich macht. Einer der Köpfe der POUM, Andrés Nin, ehemals ein Sekretär Trotzkis, wird heimlich hingerichtet.

Der revolutionäre Elan der Basis ist tödlich getroffen. Der Abwehrkampf gegen die Invasion spanischer, deutscher und italienischer Faschisten wandelt sich in einen hoffnungslosen Zweifrontenkrieg, nun auch gegen die stalinistische Infiltration und Usurpation im Inneren. Ein dreckiger Krieg beginnt, der den kollektiven Widerstandsgeist aushöhlt und paralysiert. Zunehmend werden nun auch AnarchistInnen Opfer der Verfolgungen, verschwinden und landen wie Mitglieder der Gruppe DAS (Deutsche Anarchosyndikalisten) in stalinistischen Geheimgefängnissen. Der Stellungskrieg wird zur ungewinnbaren Materialschlacht, während hinter den Linien die Errungenschaften der ersten Revolutionsmonate zerschlagen werden. Welcher Sinn soll noch im täglichen Sterben liegen? Nur die Flagge auf der Galeere scheint noch getauscht zu werden.

Von den »Demokratien« Europas und Amerikas (außer Mexiko) im Stich gelassen, verblutete die Spanische Republik im Feuer »revolutionär« neuer Kriegswaffen. Spanien war das Testschlachtfeld für den großen Krieg, der kommen würde – wie die DAS es in ihrem »SCHWARZROTBUCH – Dokumente über den Hitlerimperialismus« 1937 vorausgesagt hatte. Kaum war Spaniens Volkskrieg liquidiert, reichten sich die vorher angeblichen Todfeinde 1939 die blutigen Klauen zum Hitler-Stalin-Pakt und fielen gemeinsam über Polen her. Der Zweite Weltkrieg begann in Spanien 1936 / 37. Mit dem Verlust der Spanischen Revolution wurde der Weltfrieden verloren.

Postscriptum:

Als Ende August 1944 Paris befreit wurde, war der erste Panzer mit CNT-Kämpfern besetzt. Seit 1939 waren in KZs tausende republikanischer Kämpfer umgekommen. Ihre KameradInnen in den alliierten Armeen und der Résistance machten diese Scharte nun wett. Doch Franco war nicht wie erhofft das nächste Ziel – bis zu dessen Tod 1975 konnte sein Mörderregime (400.000 seit 1939 massakrierte RepublikanerInnen), vom demokratischen Westen gestützt, durchregieren. Erst heute wird den Opfern langsam Gerechtigkeit zuteil. [ R@lf G. Landmesser ]


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Crisp schrieb am 12.01.2014 zu
Hausarbeit ist Arbeit:

"So stellen die Herausgeberinnen von »Doing the Dirty Work« Doris Schierbaum und Monika Becker, in ihrem Vorwort mit Erstaunen fest, dass ...