Syndikal LogoTaschenkalender für das Ende der Lohnarbeit

Das Jahr

ist mehr als

249 Arbeitstage!*

In unserem Archiv findest du die Beiträge
aller bisherigen Jahrgänge
des Taschenkalenders »SyndiKal«

 
Die unglaubliche Geschichte des Lucio Urtubia, Maurer aus Navarra

Fälscher für die internationale Revolte

Er war aktiv im militanten Widerstand gegen die Franco-Diktatur und hat Banken überfallen. Er hat Che Guevara getroffen und den Mai 1968 in Paris erlebt. Die revolutionären Bewegungen der 70er Jahre in Europa und die Amerikas konnten auf ihn zählen: Travellerschecks und Ausweispapiere aus Lucios Fälscherwerkstätten gingen um die Welt. Ungewollt sponsorte die Citibank den Widerstand mit Millionen.

2008 fährt Lucio zum ersten Mal nach Lateinamerika, um den Dokumentarfilm über sein Leben vorzustellen. Bei der Veranstaltung in einer anarchistischen Druckerei in La Teja, einem Arbeiterstadtteil von Montevideo, meldet sich ein älterer Mann zu Wort: »Lucio, du kennst mich nicht, aber ich möchte mich bei dir bedanken für alles, was ihr für uns getan habt – für die Tupamaros, für uns Anarchisten, für alle.« Sein Sohn ist ebenfalls zur Veranstaltung gekommen. Als Kind hatte er eines Tages seinen Teddybär aufgeschnitten und darin eine große Menge Dollars gefunden. Das gab Ärger mit seinem Vater, der dort das Geld, das er mit gefälschten Citibank-Schecks abgehoben hatte, für die Bewegung bunkerte. »Ich erinnere mich noch gut an diese Geschichte. All die Jahre habe ich davon geträumt, dich kennenzulernen.«

Solche Erlebnisse hat Lucio immer wieder, seit er öffentlich über seine Abenteuer spricht. Unzählige Menschen griffen damals auf das Geld und die falschen Papiere aus Paris zurück, aber nur wenige kannten den unauffälligen Anarchisten, der im Zentrum dieser Infrastruktur stand. Sein größter Coup ging zu Lasten der Citibank, einer der weltweit größten Banken.

Lucio und seine Freunde druckten Ende der 70er Jahre zentnerweise deren Travellerschecks nach. Die Fälschungen waren so gut gemacht, dass sie in den Filialen nicht erkannt werden konnten. Überall auf der Welt lösten GenossInnen die Schecks ein. Die Citibank spricht von einem Betrug in Höhe von mehr als 15 Millionen US-Dollar.

Dieses Geld war nur »für die Sache« bestimmt. Seinen Lebensunterhalt als Arbeiter zu verdienen, war Lucio immer wichtig. Bis zu seinem 72. Lebensjahr arbeitete er als Maurer und Fliesenleger auf dem Bau. Währenddessen genoss er es, mit vollen Händen geben zu können und den Bewegungen stapelweise gefälschte Papiere und Geld zukommen zu lassen. Tupamaros und Anarchisten aus Uruguay, Montoneros aus Argentinien, Gewerkschafter aus Bolivien, Befreiungskämpfer aus Mittelamerika, Deserteure des Vietnam-Krieges, Black Panther, Militante aus bewaffneten Gruppen in Europa … im Pariser Exil trafen sich Revolutionäre aus aller Welt.

Lucio ist selbst Migrant. Er stammt aus einem kleinen Dorf in Navarra, im spanischen Baskenland, wo er als Kind extreme Armut und den Terror der Franquisten kennenlernte. Schon früh musste er arbeiten, und er trug mit Schmuggelgeschäften zum Unterhalt der Familie bei. Beim Militärdienst ermöglichte ihm ein Posten im Lager, tonnenweise Material aus der Kaserne zu schaffen. Als das aufflog, desertierte er 1954 nach Frankreich. In Paris fand er Arbeit auf dem Bau, wo er andere Flüchtlinge aus Spanien kennenlernte. Er freundete sich mit anarchistischen Kollegen aus Katalonien an, die ihm libertäre Ideen näherbrachten. Sie führten ihn ins Zentrum der CNT ein, wo sich Arbeiter und Intellektuelle zu Vorträgen und Diskussionen trafen. Für Lucio erschloss sich eine neue Welt.

1957 lernte er Francisco »Quico« Sabaté kennen, der damals einer der in Spanien meistgesuchten Anarchisten war. Er hatte im Bürgerkrieg gekämpft und war 1939 nach Frankreich geflohen, aber er ging immer wieder über die Grenze, um sich am bewaffneten Widerstand gegen Franco zu beteiligen. Als er einen Unterschlupf in Paris brauchte, brachten ihn Compañeros zu Lucio. Zwischen den beiden entwickelte sich eine enge Freundschaft. Um einer drohenden Auslieferung nach Spanien zu entgehen, beschloss Quico, sich den französischen Behörden zu stellen und eine Haftstrafe in Frankreich abzusitzen. Vorher übergab er Lucio sein Waffenarsenal.

Damit begann Lucios Geschichte als Enteigner der Banken. Mit Quicos Maschinenpistole und einem Kumpel, der genauso wenig Erfahrung in diesem Metier hatte, überfiel er Sparkassen in Paris. Planlos und unmaskiert, doch sie hatten Glück und wurden nicht geschnappt. Das Geld kam den Gefangenen des Franco-Regimes in Spanien zugute. Aber die Methode gefiel Lucio nicht. Schließlich könnten eine Bankangestellte oder er selbst bei einer solchen Enteignung mit Waffengewalt sterben – und das nur wegen Geld. So entwickelte er mit befreundeten anarchistischen Druckern bessere Ideen. Sie nutzten bestehende Druckereien, um dort in klandestinen Nachtschichten besondere Produkte herzustellen: Ausweise verschiedener Länder für die vielen Flüchtlinge, Lohnschecks spanischer Banken und schließlich die Travellerschecks der Citibank.

1980 wurde Lucio in einem Pariser Café mit einem Koffer voll falscher Schecks festgenommen. Er kam in U-Haft – aber draußen gingen die Geschäfte mit den falschen Schecks weiter. Für die Citibank wurde das zu einem ernsthaften Problem. Viele Filialen nahmen die Travellerschecks nicht mehr an, die Touristen waren empört und der Ruf der Bank ruiniert. So ließ sie sich notgedrungen auf den Deal ein, auf die Strafverfolgung zu verzichten, wenn keine weiteren Citibank-Schecks mehr gedruckt würden.

Trotz seiner beeindruckenden Serie von Gesetzesbrüchen ist es Lucio gelungen, nur relativ wenig Zeit in Knästen zu verbringen. Die Polizei traute dem einfachen Arbeiter und Migranten derart ausgefuchste Aktionen lange Zeit nicht zu, und Lucio selbst war sehr verschwiegen. Zum Glück hat er sich im Ruhestandsalter doch noch entschlossen, seine Abenteuer öffentlich zu machen.

Buchtipp:

Lucio Urtubia
Baustelle Revolution
Assoziation A
€ 19,80


Kommentare

Zu diesem Beitrag hat noch niemand einen Kommentar verfasst...

Kommentar schreiben

Aus den Kommentaren...

Teodor Webin schrieb am 15.01.2014 zu
Das Ende der Tarifeinheit - Ein Stützpfeiler weniger:

Ja, haben sie. Siehe hier: https://www.blaetter.de/archiv/jahrgaenge/2014/januar/schwarz-rotes-streikverbot Am übernächsten Wochenende ...