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Zur Revolution in Ägypten

Interview mit Jano Charbel aus Cairo

? Wie würdest du die Klassenzusammensetzung des Aufstandes beschreiben? Und inwiefern war der Unmut über die ökonomische Situation eine Triebfeder, auch wenn politische und weniger ökonomische Forderungen im Mittelpunkt standen?

! Der Aufstand begann, wie weithin bekannt ist, am 25. Januar. Das ist Ägyptens Polizeitag. Natürlich gibt es in der Bevölkerung eine große Abneigung gegenüber den Polizeikräften. Am 25. war es in erster Linie die Jugend, die auf die Straße gegangen ist, obwohl auch ältere Leute dabei waren, aber die waren nicht in der Mehrheit. Die Proteste, zu denen auf Facebook aufgerufen worden war, fanden in Städten im ganzen Land statt. Ich war zu diesem Zeitpunkt in Alexandria und dort haben etwa 20.000 Menschen demonstriert, aber die Zahlen in Kairo waren viel höher.

? Es gab zu Beginn Proteste in Mahalla, das heißt Arbeiterproteste?

! Ich war während des 18-tägigen Aufstandes nicht in Mahalla, aber es stimmt, dass das eine Industriestadt ist; Berichten zufolge haben sich an den Protesten dort unter anderem Arbeiter, Studenten, Akademiker, Bauern und Arbeitslose beteiligt. Mahalla ist auch deswegen wichtig, weil es dort am 6. und 7. April 2008 einen historischen Aufstand gab, der in erster Linie von Leuten aus der Arbeiterklasse, arbeitslosen Jugendlichen, den städtischen Armen und anderen marginalisierten Teilen der Gesellschaft geführt wurde.

? Würdest du also sagen, dass die neue Streikbewegung ­entscheidend war für den späteren Sturz Mubaraks?

! Ohne die Streiks hätte Mubarak an der Macht bleiben können, nicht auf unbestimmte Zeit, aber mindestens sechs Monate lang – bis zum Ende seiner Amtszeit. Und er hätte seinen Sohn Gamal auf den Thron setzen, das Regime erhalten können. Dann hätte es zwar sehr lautstarke Proteste gegeben, aber ohne letztlich etwas zu erreichen. Ich glaube also, die Streiks waren Dreh-und Angelpunkt des Aufstands.

? Wie war die Revolution organisiert? Es heißt immer, dass Parteien und Gruppierungen keine Rolle gespielt haben, »die Leute« hätten das in die Hand genommen. Einige sprechen sogar von der »Kommune vom Tahrir-Platz«.

! Um diese Kommune zu verstehen, muss man zurückgehen und sich ansehen, wie die Arbeiter ihre Streiks organisieren, bei denen sie manchmal wochen- oder auch monatelang kein Einkommen haben. Wenn sie in den Streik treten, bringen sie ihre Familien mit, um die Fabriken zu besetzen. Die Familien bündeln dann ihre Ressourcen und sind so in der Lage, die Arbeiter ausreichend mit Nahrung zu versorgen. Das Gleiche ist auf dem Tahrir-Platz passiert. Alles war auf diese gemeinschaftliche Art organisiert.

? Wie sah die Rolle der Frauen in dem Aufstand aus und welche Auswirkung hat der Aufstand auf die Geschlechterbeziehungen?

! Ab dem 28. Januar wurde in Kairo der Tahrir-Platz besetzt und Zelte aufgebaut und da haben sich natürlich auch Frauen beteiligt. Das hat an sich schon die Grenzen in Frage gestellt, in die die Gesellschaft die Frauen einzwängt; man hat ihnen beigebracht, zu Hause zu bleiben – in der Küche oder im Schlafzimmer oder bei der Erziehung der Kinder. Diesen Grenzen haben sich Frauen widersetzt, sie haben sich in den vordersten Reihen den Protesten und den Straßenschlachten mit der Polizei angeschlossen. Manche haben sich sogar mit Steinen gegen die bewaffneten Schlägertypen gewehrt, und so was hat man auf den Straßen des vorrevolutionären Ägypten normalerweise nicht gesehen. Das war also für Frauen und Mädchen eine sehr radikalisierende und befreiende Erfahrung. Das gab es aber nicht nur auf dem Tahrir-Platz. Bei einer Reihe von Fabrikstreiks wurden die Proteste und Besetzungen sogar von Frauen angeführt.

? Rechnest du damit, dass die Streiks zunehmen, jetzt da das alte repressive Regime weg ist?

! Ich rechne mit einer Verbreiterung der Klassenkämpfe in der nahen und hoffentlich auch der ferneren Zukunft, aber gleichzeitig müssen wir auch den obersten Militärrat im Auge behalten, der die Konterrevolution schützt. Er hat kürzlich ein Dekret erlassen, das streikenden Arbeitern mit Haftstrafen und Geldstrafen bis zu einer halben Million Pfund (über 83.000 $) droht. Das Militär hat ein persönliches Interesse an der Erhaltung des alten Regimes.

? Wie sehen die Hauptforderungen der Arbeiterproteste und -streiks im Moment aus?

! Die Hauptforderungen sind Vollzeitverträge, ein Mindestlohn von 1.200 Pfund, das Recht, unabhängige Gewerkschaften zu gründen. Es gibt jetzt über 22 unabhängige Gewerkschaften, von denen sich vier bereits zur Ägyptischen Föderation unabhängiger Gewerkschaften zusammengeschlossen haben, die den gelben Gewerkschaften entgegentritt.  Wichtig ist auch, dass der neue unabhängige Gewerkschaftsverband ganz explizit nicht zwischen Arbeitern und Angestellten unterscheidet; ein Arbeiter ist jemand, der keine Produktionsmittel besitzt und seine Arbeitskraft für einen Lohn verkaufen muss. Es gibt also eine neue Ära für Arbeiter in Ägypten. Sie mobilisiert sowohl Arbeiter-als auch Angestelltengewerkschaften – im öffentlichen, privaten und informellen Sektor der Ökonomie. Und wenn diese unabhängigen Gewerkschaften sich als genau so korrupt wie die alten herausstellen, haben die Arbeiter jetzt genug Erfahrung, um zu wissen, dass sie demokratischere, transparentere und radikalere Gewerkschaften bilden oder wählen können. Sie spüren ihre Macht, sie haben das Gefühl, dass die Zukunft ihnen gehört. Sie können sich von Lohnsklaven in Produzenten verwandeln, die ihr Schicksal in die eigenen Hände nehmen.

? Dann würden sie aber doch keine Gewerkschaften mehr brauchen, oder? Die Vorstellung einer freien Gesellschaft, die von Gewerkschaften verwaltet wird, scheint mir unlogisch, da in einer freien Gesellschaft das Lohnsystem abgeschafft wäre, also gäbe es gar keinen Platz für Gewerkschaften.

! Das sehe ich anders, denn in der Revolution und im Bürgerkrieg in Spanien haben die Gewerkschaften, insbesondere die CNT-FAI, eine immens wichtige Rolle gespielt. Das war keine rein wirtschaftliche Gewerkschaft mehr, es ging um die Rückeroberung der Fabriken, nicht als Lohnsklaven, sondern als Produzenten, die die Produktion selbst bestimmen können.

? In Ländern wie Deutschland gibt es »unabhängige« Gewerkschaften, die aber trotzdem ein wesentlicher Bestandteil des Systems sind. Aber zur Revolution – zur Selbstabschaffung des Proletariats, was auch einen Bruch mit der herrschenden Arbeitsteilung bedeutet –, haben Gewerkschaften nichts beizutragen, sie sind eine legale Instanz zur Regulierung der Klassenbeziehungen und somit an das Lohnsystem und das Recht gebunden.

! Ich verstehe deinen Einwand mit der Arbeitsteilung, aber aus der Sicht der Arbeiter ist man kein Lohnsklave mehr; man ist ein Miteigentümer, an Verteilung und Entscheidungen beteiligt, wenn man kollektiv die Fabrik selbst verwaltet. Es geht aber nicht nur um die Selbstverwaltung der Fabrik, sondern um die kollektive Selbstverwaltung der Gesellschaft insgesamt. Ich glaube, mit dieser unabhängigen Gewerkschaftsbewegung werden auch radikalere Gewerkschaften entstehen, die damit anfangen, die Hierarchien in der Fabrik und die ganze Struktur der Gesellschaft zu hinterfragen. Ich denke – ich hoffe –, dass das zu sozialem Aufruhr führen wird, der wiederum zur sozialen Revolution führt – letztlich zur Übernahme der Produktionsmittel. Das würde natürlich auch die Abschaffung gewisser Industrien, etwa der Rüstungsindustrie, bedeuten. Eine vollständige Neugestaltung der Produktion entlang der tatsächlichen Bedürfnisse und Sehnsüchte einer freien, klassenlosen, staatenlosen und egalitären Gesellschaft.

Jano Charbel, der sich selbst als Anarcho-Syndikalist bezeichnet, berichtet als Journalist in Cairo über die Kämpfe von ArbeiterInnen. Dieser Text ist ein kleiner Auszug eines Interviews, das im Frühjahr 2011 von zwei Freunden der klassenlosen Gesellschaft in Kairo geführt wurde. Das vollständige Interview findet sich hier.


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Aus den Kommentaren...

Verbrecher schrieb am 15.01.2014 zu
Leiharbeit abschaffen!:

@Sir Rebel Sicher Sir Rebel muss es immer auch heißen "Kampf der Lohnarbeit", der Klassengesellschaft etc. Da bestehe ich ebenso drauf, ...