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Hausarbeit ist Arbeit

2 Kommentare

Unsere Gesellschaft verändert sich stark. Während die klassische »Familie« immer noch unter besonderem Schutz des Staates steht, und vor allem die Parteien mit dem C im Namen das Postulat der bürgerlichen Kleinfamilie, mit dem Mann als alleinigem Verdiener, hochhalten, sieht die Realität für viele Menschen heute anders aus. Alleinerziehende, die um über die Runden zu kommen, entweder mehrere Jobs machen müssen oder gezwungen sind mit Schwarzarbeit Harz IV aufzustocken.

Frauen die dem Glücksversprechen von der Vereinbarkeit von Kindern, Küche und Karriere hinterher hetzen. (Laut einer Studie der OECD von 2011 leisten Frauen immer noch 100 min pro Tag mehr Hausarbeit als Männer). Alleinstehende Männer, die keine Lust haben, nach Feierabend das Bügeleisen oder den Putzlappen zu schwingen. Menschen die nicht mehr bereit sind, ihre Angehörigen bis zur eigenen Selbstaufgabe zu Hause zu pflegen.

Die Folge ist, dass immer mehr sogenannte Reproduktionsarbeit aus dem Haushalt in den Dienstleistungssektor verlagert wird. War es Mitte der 1980er Jahre der Verdienst der Frauenbewegung, die Reproduktionsarbeit aus ihrer Unsichtbarkeit im privaten Haushalt herauszuholen und als Teil der arbeitenden Klasse zu benennen, so sind es heute wieder Frauen, die sich in den schlecht bezahlten Berufen der Pflege, den Kantinen oder der Kinderbetreuung wieder finden. Während die Zahl der arbeitenden Frauen kontinuierlich auf einen Anteil von 45,8% 2009 angestiegen ist, so liegt der Anteil von Frauen in den klassisch weiblich konnotierten Berufen bei 86,8% in der Pflege und 94,9% in hauswirtschaftlichen Berufen. Frauen generieren allerdings immer noch durchschnittlich 17,5% weniger Gehalt als Männer aus ihren regulären Jobs. In manchen Jobs ist die Bezahlung so mies, dass z.B. eine allein erziehende Kindergartenleiterin in München nicht von ihrem Gehalt leben kann und nebenher noch Putzen gehen muss.

Ununtersucht und wieder im Unsichtbaren bleibt dabei jedoch der Bereich, der uns in diesem Artikel interessiert. Frauenarbeit im so genannten informellen Sektor, dem Sektor der Arbeit, der keiner staatlichen Kontrolle unterliegt und in Deutschland gerne als Schattenwirtschaft oder Schwarzarbeit bezeichnet wird.

Dachten wir bisher immer, das Dienstmädchen, die Putzfrau oder die Haushälterin gäbe es nur in Mittelschichts-Haushalten in Asien oder Lateinamerika oder in sehr reichen Haushalten in Deutschland, so scheinen diese Dienstleistungen immer mehr auch in normal verdienenden Haushalten Europas nachgefragt zu werden.

So stellen die Herausgeberinnen von »Doing the Dirty Work« Doris Schierbaum und Monika Becker, in ihrem Vorwort mit Erstaunen fest, dass es gerade ihre feministischen Freundinnen sind, die sich – müde der Auseinandersetzung mit WG oder Partner um gleichberechtigte Teilung der Hausarbeit – eine Putzfrau leisten. Im Zeitalter von Zeitmanagement und »Quality Time« sind es vor allem Akademikerinnen und andere vergleichsweise gut verdienenden Frauen, die sich so ihre Erholungs- und Freizeit erkaufen. Sie kritisieren dies scharf als Zementierung der kapitalistischen Herrschaftsstrukturen und Festschreibung sexistischer und rassistischer Ausbeutungsverhältnisse, denn natürlich sind viele der Schattenarbeiterinnen Migrantinnen, manchmal ohne Papiere, jedoch meist mit miserablen Zugangsvoraussetzungen zum ersten Arbeitsmarkt. In der Professionalisierung und Legalisierung dieser Arbeitsverhältnisse sehen sie keine Perspektive.

Dies ist jedoch der Weg und das Ziel vieler Gewerkschaftsaktivistinnen weltweit, die Hausarbeiterinnen organisieren.

Doch wenden wir uns zuerst der Situation in Deutschland zu. Prinzipiell sind zwei Bereiche zu unterscheiden, »Live-in«, bei dem die Hausarbeiterin im Haushalt der ArbeitgeberIn lebt und »live-out« bei dem die Hausarbeiterin nur stundenweise in den Haushalt kommt, jedoch eine eigene Wohnung hat.

»Live-out« kommt sicher am häufigsten als stundenweise Putzkraft vor. Während hier Frauen mit einem deutschen Pass z.T. recht gute Stundenlöhne von 10-20 EUR aushandeln können – wer will sich schon nachsagen lassen, dass er seine Putzfrau schlecht bezahlt –, sind Frauen ohne gesicherten Aufenthaltsstatus oft der Willkür ihrer ArbeitgeberInnen ungeschützt ausgeliefert. Das stundenweise Arbeiten bietet den Frauen einerseits eine flexible Einteilung ihrer Arbeit und eignet sich so gut als Nebenverdienst, wenn sie anders sozial abgesichert, z.B. über den Mann krankenversichert sind. Frauen, die jedoch von dieser Arbeit leben müssen, sind nicht sozial abgesichert, müssen oft viele unbezahlte Wegezeit in Kauf nehmen. Der Staat unterstützt die Legalisierung dieser Arbeit nicht wirklich. Die Arbeiterin müsste sich selbständig machen, sich privat sozialversichern. Die Putzstunde würde so leicht mit 45 EUR zu Buche schlagen. Das möchte sich dann auch der gut verdienende Manager nicht mehr leisten. Der Staat hat zwar die Legalisierung einer Haushaltshilfe in den letzten Jahren erleichtert. Privaten Haushalten ist es inzwischen möglich, die Haushaltshilfe anzumelden, sie muss unfallversichert werden, es müssen pauschalierte Steuern und Sozialversicherungsbeiträge geleistet werden, die Arbeiterin kann jedoch aus diesen Beiträgen keine Ansprüche an die Rente oder Krankenkasse generieren. D.h. dem Staat geht es nur um Abzocke und Kontrolle.

»Live-in« scheint Pressemeldungen zufolge immer mehr zuzunehmen. Ein Variante dieses Bereiches sind Au-Pair Mädchen. Während ursprünglich der kulturelle Austausch und das Erlernen der Sprache im Vordergrund standen so sind es heute vor allem junge Frauen und Mädchen aus Ost-Europa, die hier in Deutschland gerne als billige Putzhilfen und Kindermädchen missbraucht werden. Schätzungsweise 100.000 polnische – meist weibliche – Pflegekräfte, davon ca. 70-80% illegal, arbeiten inzwischen in bundesdeutschen Haushalten und pflegen hilfsbedürftige SeniorInnen oder Behinderte. Gefördert wird diese Entwicklung durch ein Gesundheits- und Pflegesystem, das uns immer mehr kostet, jedoch immer mehr Grauzonen der Unterversorgung entstehen lässt. Ein Platz im Pflegeheim ist für viele inzwischen unbezahlbar, gleichzeitig immer unwürdiger, weil vom Kostendruck zermürbte unterbezahlte Pflegekräfte kaum noch Zeit für eine menschliche Betreuung haben. Die Pflegearbeiterinnen bleiben meist für ein paar Wochen in den deutschen Haushalten und betreuen oft rund um die Uhr. Oft teilen sich zwei bis drei Frauen die Stelle und wechseln sich wochen- bzw. monatsweise ab.

Strategien Am 16. Juni 2011 verabschiedete die ILO die Arbeitsnorm »menschenwürdige Arbeit für Hausangestellte«. Sicher ein Verdienst der vielen Gewerkschaften weltweit, die Hausangestellte organisieren, wie z.B. der »Sindoméstica« aus Brasilien oder der  »National Union of Domestic Emloyees« (NUDE) aus Trinidad und Tobago.

Praktisch arbeiten alle diese Gewerkschaften auf verschiedenen Ebenen. Über Lobby-Arbeit versuchen sie die Situation der Hausarbeiterinnen sichtbar zu machen und gesetzlich Verbesserungen zu erreichen. Da vor allem die »Live-in«-Arbeiterinnen sehr isoliert und von ihren ArbeitgeberInnen abhängig sind, unterhalten sie Beratungsbüros, die als Anlaufstelle und Treffpunkte dienen. Sie bieten meistens neben Rechtshilfe auch Lebensberatung an. Da in allen Ländern der Anteil an Migrantinnen bei den Hausarbeiterinnen sehr hoch ist, versuchen alle Organisationen die Frauen bei der  Selbstorganisation zu unterstützen und zu fördern. Hier scheint es wieder eine scheinbar weibliche Fähigkeit zu sein, Netzwerke zu bilden, die ein Anknüpfungspunkt für die Selbstorganisation sind. Wir können viel aus den vielfältigen Erfahrungen der Gewerkschafterinnen aus Brasilien, Süd-Afrika und Lateinamerika lernen.


Kommentare

J. schrieb am 03.01.2014 um 12:28 Uhr

Wohl wahr...and I hate it!!!

Crisp schrieb am 12.01.2014 um 13:29 Uhr

"So stellen die Herausgeberinnen von »Doing the Dirty Work« Doris Schierbaum und Monika Becker, in ihrem Vorwort mit Erstaunen fest, dass es gerade ihre feministischen Freundinnen sind, die sich – müde der Auseinandersetzung mit WG oder Partner um gleichberechtigte Teilung der Hausarbeit – eine Putzfrau leisten."

Mit der Putzfrau im Haushalt ist der bürgerliche Feminismus da angekommen, wo er herkommt: in Salons begüterter, (gut)-bürgerlicher "Damen". Nur dass es heute nicht mehr Salon heißt, sondern Wohnbereich und dieser sich dann in einem Niedrigenergiehaus mit Sonnenkollektoren auf dem Dach befindet , die über die EEG von der prekär bei einem der großen Lebensmittel-Discounter beschäftigten Verkäuferin zumindest mitfinanziert werden. Aber Hauptsache der Lebensabschnittspartner pisst nicht im Stehen...

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Aus den Kommentaren...

Mann der Praxis schrieb am 11.01.2014 zu
Leiharbeit abschaffen!:

Man kann "Verbrecher" nur zustimmen. Sicherlich ist es wichtig eine Perspektive zu entwickeln, die Ausbeutung überwindet, aber dies hilft den ...