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Benjamin Péret: Mit dieser Welt gibt es keine Verständigung

»Gebt alles auf. Gebt Dada auf. Gebt eure Frauen und eure Geliebten auf. Gebt eure Hoffnungen und Ängste auf. Setzt eure Kinder im Wald aus. Lasst die Beute um ihres Schattens willens fahren. Gebt notfalls ein sorgenfreies Leben auf, was immer man euch an Zukunftsperspektiven bietet.
Macht euch auf den Weg«.

Mit diesem leidenschaftlichen Appell zieht André Breton 1922 einen persönlichen Schlussstrich unter die Pariser Dada-Bewegung, zu deren Begründern er 1919 gehört hatte. Der Dada-Geist hat sich erschöpft, die Revolte ist zum konsumierbaren Spektakel geworden. Aber einen Rückfall hinter das Erreichte darf es nicht geben, im Gegenteil: Der Bruch mit der bürgerlichen Gesellschaft muss radikalisiert werden, muss in einen dauerhaften Gegenentwurf münden.

»Ich nehme die Dadabrille ab und, zum Aufbruch bereit, schaue ich, woher der Wind weht, ohne mich zu kümmern, was geschehen und wohin er mich führen wird«. Mit diesen Worten signalisiert Benjamin Péret seine Bereitschaft, Breton auf seinem Weg ins Unbekannte zu folgen. Péret (1899-1959) gehört zu jenen, die zutiefst geprägt sind von den Schrecken des Ersten Weltkriegs, die er als jugendlicher Frontsoldat am eigenen Leib erlebt hat. Eine Erfahrung, die, wie er später schreiben sollte, »alles erleichterte«. Vor allem den Entschluss, eine Welt hinter sich zu lassen, die derartige Gräuel ermöglichte. Deshalb war er 1920 nach Paris gekommen, um sich dem Kreis der Dadaisten anzuschließen. Doch in ihrer Mitte bleibt er der Außenseiter, der schüchterne, etwas linkische Provinzler.

Erst in der neuen Gruppe, die sich nach dem Bruch mit Dada um André Breton herauszubilden beginnt, und aus der zwei Jahre später die surrealistische Gruppe hervorgehen wird, fühlt er sich heimisch. In seinem berühmten Bild »Rendezvous der Freunde« hat Max Ernst dieses Kollektiv im Moment seiner Entstehung festgehalten. Im Vordergrund Benjamin Péret im blauen Anzug, breitbeinig, in Sitzhaltung, aber ohne Stuhl – buchstäblich in der Luft schwebend!

Diese »Losgelöstheit« prädestiniert ihn gleichsam zu dem, was im Mittelpunkt der »surrealistischen Revolution« steht, die Erforschung des Unbewussten, die Hinwendung zum Traum, das Experimentieren mit Trancezuständen, die Praxis des automatischen Schreibens. Wohlgemerkt, hier wird keinem Kult des Irrationalen das Wort geredet, vielmehr geht es gerade um die Überwindung der Trennung und Aufspaltung der Wirklichkeit in einander hierarchisch entgegengesetzte Sphären, die der westlichen Weltkonstruktion zugrunde liegen: Bewusstsein vs. Unbewusstes, Verstand vs. Gefühl usw.

Nichts geringeres als ein Zivilisationsmodell stellt also zur Disposition, eine Welt, die auf allen Ebenen von Hierarchien durchzogen ist, Klassengegensätzen, rassistischen und sexistischen Diskriminierungen usw.: Das Leben zu verändern, heißt, die Welt zu verändern und umgekehrt.

Wie kein anderer verkörperte Péret in seiner Lebenspraxis die Untrennbarkeit der verschiedenen Dimensionen des surrealistischen Revolutionsentwurfs, durch sein politisches Engagement als Aktivist, Organisator, Publizist für eine libertäre und egalitäre Gesellschaft, sein poetisches Engagement zur Überwindung geistiger Barrieren und Dualismen als Verfasser »automatischer« Texte und sein sozusagen ethno-poetisches Engagement als Sammler, Herausgeber, Übersetzer und Kommentator der Mythen, Märchen und Legenden Amerikas, um im magischen Weltverständnis präkolumbischer Kulturen ein Korrektiv zum westlichen Rationalismus zu finden.  
Als Péret 199 in einem langen, sprach- und bildmächtigen Widmungsgedicht für André Breton eine vorläufige Bilanz ihres gemeinsamen Abenteuers zieht, kommt er nicht zufällig auf diesen Ursprungsimpuls zurück, alle Brücken zur bestehenden Welt hinter sich abzubrechen:

»Gebt alles auf sagtest du um ohne Kompass oder Stern durch
die Stürme zu segeln / (…) / Gebt alles auf Jetzt die beglückende Beute und später ihren Schatten / (…) / Gebt alles auf Der Staub des bereits gestrigen Tages darf die Sonne von morgen nicht verdunkeln / Gebt alles auf / nach Gendarm stinkende Vater-länder / mit Elend verkrustetes Geld / mit der Krimmedaille geehrte Ideen / Wirklich groß sind allein jene Männer die nur geboren werden um vatermörderische Söhne zu zeugen.«


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Aus den Kommentaren...

Antifußballer schrieb am 03.05.2014 zu
Die sozialen Werte des Fußballsports:

Man könnte mit den intellektuellen Verrenkungen, die "Linke" immer meinen unternehmen zu müssen, um ihre vollkommen profane und irrelevante ...