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Paul Matticks »Business as usual«

Von der »gemischten Wirtschaft« in die Krise

Es muss doch eigentlich verwundern, dass die zahlreichen Wirtschaftstheoretiker die aktuelle Krise nicht haben kommen sehen.

Paul Mattick jr., Sohn des gleichnamigen Rätekommunisten, hat nun die Theorien seines Vaters auf die aktuelle Krise bezogen. In »Business as usual« macht er uns darauf aufmerksam, dass die vermeintliche Unvorhersehbarkeit der aktuellen Krise an vollkommen falschen Grundannahmen der Ökonomen liegt: Sie rechnen in Kategorien des »Volkseinkommens« (z.B. Bruttoinlandsprodukt), in der Unternehmensgewinne keine Sonderrolle spielen, sondern nur einer von vielen Faktoren sind. Das blendet aber aus, dass es sich beim Kapitalismus nun mal um ein System handelt, in dem die sogenannte »Profitgier« keine Ausnahme, sondern die gewünschte Regel ist und die Unternehmensgewinne damit zentral sind. Damit muss »der Gesamtwert der produzierten Güter größer sein […] als die Summe aller Löhne, um Profit zu ermöglichen« (S.39). Krisen sind folglich nichts weiter als eine – notwendige und dem System immanente – »Unterbrechung dieser Geldflüsse« (S.43). Neu ist an der momentanen Krise lediglich ihr erstmalig globaler Charakter, da sich die »Tendenz zum Weltmarkt« (Marx) durchgesetzt hat. Dazu gehört auch die Durchsetzung eines globalen Arbeitsmarkts, d.h. die Proletarisierung der breiten Massen. Wir kennen diese Proletarisierung als »Zerstörung der Mittelschichten« (Sergio Bologna), die sich darin ausdrückt, dass Selbstständigkeit heute kein erfolgreiches Unternehmertum, sondern prekäre Honorarabhängigkeit bedeutet, oder durch die Privatisierung und Kommerzialisierung der Bildung. Die andere Seite der Medaille sind Praktiken wie das »Land Grabbing«, also die Enteignung oftmals noch gemeinschaftlichen Besitzes, das noch die letzten Bauern und Bäuerinnen in den entlegenen Weltgegenden ebenso auf denselben freien Arbeitsmarkt wirft, sie also ebenfalls proletarisiert. Marx nannte diesen sich beständig wiederholenden Vorgang »ursprüngliche Akkumulation«: Während sich die normale kapitalistische Akkumulation (die Anhäufung von Kapital) einen Mantel aus Recht und Gesetz geschaffen hat, zeigt die ursprüngliche Variante sich ganz offen als Raub, Diebstahl und Plünderung im großen Maßstab.

Die »Freundinnen und Freunde der klassenlosen Gesellschaft« haben ein Interview mit Paul Mattick jr. online gestellt, in dem er die Fakten und Fiktionen der aktuellen Wirtschaftskrise Revue passieren lässt. Mattick macht hier noch einmal deutlich, dass es sich bei der aktuellen Krise lediglich um die Fortsetzung der Krise der 1970er Jahre handelt, die durch verschiedene spekulative Blasen bis heute unterdrückt werden konnte, bis auch die größte dieser Blasen – die US-amerikanische Immobilienblase – geplatzt ist.

Wenn heute die Krise in den Medien des Mainstreams erklärt wird, dominieren drei Erklärungsmodelle: Erstens nach wie vor die neoklassische Theorie, verbunden mit neoliberaler Ideologie: Der Staat mische sich immer noch zu viel ein. Zweitens die genauso neoklassische Variante, dass der Staat zu wenig reguliert habe. Und drittens die keynesianische Variante, die den Weg der letzten knapp 40 Jahre als »Neoliberalismus« deklariert, sich auf die Finanzsphäre konzentriert und hier die Ursache der aktuellen Krise sieht.

Eine Erklärung für die Krise fehlt fast grundsätzlich: Dass es schlicht normal ist, dass der Kapitalismus in Wellen funktioniert (bzw. nicht besonders gut funktioniert) und es zyklisch zu Krisen kommen muss. In einem solchen Zyklus stieß der Keynesianismus in den 1970er Jahren an das Ende seiner Belastbarkeit. Die Krisenproteste der späten 1960er und frühen 1970er Jahre und der sogenannte »Ölschock« – den wir nun ähnlich wieder erleben – waren Folgen dieser Grenze des »gemischten Wirtschaftssystems«, wie Paul Mattick sr. es in seinem Klassiker »Marx und Keynes. Die Grenzen des gemischten Wirtschaftssystems« nannte.

Paul Mattick, Aktivist in der deutschen Räterevolution 1919, danach Mitglied der Kommunistischen Arbeiterpartei (KAPD) und der Allgemeinen Arbeiter-Union (AAU), emigrierte 1926 in die USA, belebte dort 1931 die anarchistische Chicagoer Arbeiterzeitung neu und wurde Mitglied der Industrial Workers of the World (IWW). Mattick war immer gleichzeitig Aktivist und Theoretiker, als Fabrikarbeiter der Prototyp des Arbeiterintellektuellen. Mit der Kommunistenhatz der McCarthy-Ära beendete er sein politisches Engagement notgedrungen, blieb aber als Autor aktiv.

Mit »Marx und Keynes« wies Mattick 1969 bereits vor der berühmten »Stagflation«, der gleichzeitigen wirtschaftlichen Stagnation und Inflation der frühen 1970er Jahre, darauf hin, dass der Keynesianismus nicht funktionieren könne. Matticks Hauptargument dabei ist, dass die angeblichen Wirtschaftsanreize, die der Staat durch eine antizyklische Geldpolitik, durch staatliche Subventionen u.ä. setzt, nicht funktionieren und nie funktioniert haben: Tatsächlich hätten diese Anreize nie dazu geführt, dass die ›freie‹ Wirtschaft mehr investiert habe. Paul Matticks Sohn nimmt in »Business as usual« diese These wieder auf: John Maynard Keynes, so macht Mattick jr. deutlich, ging genau wie die neoklassischen Wirtschaftstheoretiker davon aus, dass ökonomische Krisen durch äußere Faktoren ausgelöst werden. Auch seine Lösungen waren letztlich ›äußere‹: Keynes kann nicht erklären, woher das Geld kommen soll, dass die Regierungen antizyklisch in die Wirtschaft pumpen. In der Theorie sollte das kein Problem sein, denn es handelt sich ja lediglich um einen kurzfristigen Investitionsschub, der dann – z.B. durch Steuern – zurück an den Staat ginge.

Der US-amerikanische »New Deal«, der uns normalerweise als der prototypische Keynesianismus verkauft wird, sich aber ökonomisch nicht vom Keynesianismus Hitlers oder Stalins unterscheidet, wirkte nur äußerst kurzfristig, überwunden wurde die Depression erst durch den Kriegseintritt und die Rüstungsindustrie. Dies ignorierend, verfolgten die US-amerikanischen Regierungen offiziell auch danach noch eine keynesianische Politik, die stets mit einer Förderung der Rüstungsindustrie verbunden war. Mattick jr. führt an, dass die konservative Regierung Eisenhower mit entgegengesetzten, quasi proto-neoliberalen Konzepten schnell scheiterte: Sofort »erlebten die Vereinigten Staaten einen scharfen Rückgang der Produktion und einen entsprechend steilen Anstieg der Arbeitslosigkeit. Daraufhin handelte die Eisenhower-Administration unverzüglich gegen ihre eigenen Überzeugungen, indem sie die Zinsraten senkte und die Staatsausgaben unter anderem für öffentliche Arbeiten und unmittelbar militärische Projekte erhöhte« (S.68f.).

Der Investitionsanreiz ist nicht allein dadurch gegeben, dass Investitionsmöglichkeiten geschaffen werden, es muss auch Profit in Aussicht gestellt werden – weil diese Profitgier zentrales strukturelles Element des Kapitalismus sei: Es ist »doppelt albern, wenn die Zunahme kreditfinanzierter Unternehmenskäufe und anderer Spekulationsformen als Folge von Gier erklärt wird […]: Nicht nur bleibt dabei ungeklärt, wieso die Gier in den letzten Jahrzehnten plötzlich zugenommen hat, es wird auch das Grundmotiv kapitalistischer Investitionsentscheidungen ausgeblendet« (S.76).

Paul Mattick jr. vertritt daher die These, dass ein Rückgriff auf den Keynesianismus nicht mehr möglich ist: »Dass der Keynesianismus unfähig sein werde, einen erneuten Beginn des Konjunkturzyklus zu verhindern – und sogar, dass die nächste Depression die neue Form einer Kombination aus Inflation und Stagnation annehmen würde« habe sein Vater bereits erklärt. Die »keynesianische Karte«, so Mattick jr., ist »bereits weitgehend ausgespielt« (S.129).

Natürlich lässt sich gegen Mattick sr. wie jr. einwenden, dass der Keynesianismus offensichtlich eine Zeit lang gut funktioniert hat, da große Teile der Arbeiterschaft am gesellschaftlichen Reichtum teilhaben konnten. Die Neokeynesianer_innen aus den Reihen von attac, DGB und Linkspartei haben durchaus Recht, wenn sie hier eine Krisenlösung sehen – allerdings eine vorübergehende. Denn diese Sichtweise blendet einige Details aus: Neben dem beschriebenen Aspekt, dass die gemischte Wirtschaftsform die »freie« Marktwirtschaft keineswegs soweit ankurbelt, dass diese irgendwann autonom weiter funktioniert, entfällt vollkommen der Aspekt, dass es sich um Wohlstand und Teilhabe in einem kleinen Teil der Welt handelt, der auf dem Rücken des Rests ausgetragen wird: Die »goldenen Jahre« der sozialen Marktwirtschaft beruhten auf der Möglichkeit, Naturressourcen und Arbeitskraft in den Ländern des Trikonts umso mehr auszubeuten. Und doch ist dies offenbar die einzig konstruktive Lösung, die heute von links angeboten wird.

Daher diagnostiziert Mattick jr. auch eine Krise der Linken, denn »nirgends treten die Linken mit dem Anspruch auf, potenziell eine neue Gesellschaft zu begründen« (S.124). Im Gegenteil sieht er in »linke(n) Organisationen, die sich und ihren Einfluss als zentral für den Erfolg jedes revolutionären Kampfes betrachteten« (S.136) ein Hindernis. Andererseits: »Sich selbst überlassen, verspricht der Kapitalismus auf Jahrzehnte hinweg wirtschaftliche Schwierigkeiten«. Der Widerstand dagegen resultiert nicht automatisch aus der Krise, Zyklen des Abschwungs sind seit 1800 in jedem Jahrzehnt zu finden und nur in einigen Fällen mit Revolten verbunden. »Die größte Unbekannte, wenn man über die Zukunft des Kapitalismus nachdenkt, ist die Hinnahmebereitschaft der Weltbevölkerung […]« (S.134). Paul Matticks Zukunftsperspektive liegt daher auch nicht in einer Rettung dieser Ökonomie, sondern darin, »im Angesicht einer Katastrophe gegenseitige Hilfe zu organisieren« (S.137). Im Interview: »Es gibt im Moment zum Beispiel Millionen von Leuten, die aus ihren Häusern geworfen wurden. Es gibt also viele leere Häuser, die Leute müssen damit beginnen, diese leeren Häuser zu beziehen. Es gibt viele Nahrungsmittel, also müssen sich die Leute diese Nahrungsmittel nehmen. Wenn Fabriken geschlossen werden, müssen die Leute in die Fabriken gehen und damit beginnen, Güter herzustellen. Aber sie dürfen nicht erwarten, dass ihnen Unternehmerinnen und Unternehmer Jobs geben. […] Die Leute […]müssen ganz direkte Verbesserungen ihrer Lebensbedingungen fordern – ganz konkrete Dinge. Statt Arbeit zu fordern, die sie sowieso nicht bekommen, müssen sie etwas zu essen fordern. […]Und es gibt absolut keinen Grund, dass sich die Leute diese Dinge nicht einfach nehmen sollten und sie benutzen.«

Zum Weiterlesen:

Paul Mattick jr.
»Business as usual«
Krise und Scheitern des Kapitalismus
edition nautilus

Das Interview mit Paul Mattick jr. der »Freundinnen und Freunde der klassenlosen Gesellschaft« findet sich hier.


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Aus den Kommentaren...

Mark Z. schrieb am 08.02.2014 zu
Essensvernichtung:

@Verbrecher: "Viel tiefgreifender und negativer als die im Kapitalismus entwickelte Technologie sind die psychischen Konditionierungen der in dieser ...