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Vom Hungerkrawall zum Food Riot

In der jüngeren Vergangenheit kommt es wieder zunehmend zu Revolten, die von steigenden Nahrungsmittelpreisen ausgelöst werden. Hungerunruhen gelten hierzulande als ausgestorben. Während in der Phase des Frühkapitalismus (ungerechtfertigt empfundene) Erhöhungen der wichtigsten Nahrungsmittelpreise regelmäßig zu Aufständen führten, verdrängten die (Lohn-)Kämpfe der Arbeiterklasse zunehmend diese Form von sozialem Protest. Die Arbeiter orientierten sich dabei nicht mehr an herkömmlichen Moralvorstellungen über angemessene Verpflegung, sondern an ihren in ihrer Stellung im Produktionsprozess wurzelnden Möglichkeiten, eine generelle Verbesserung ihrer Lebensbedingungen zu erkämpfen. D.h., sie nutzten die Waffe der Arbeitsverweigerung, den Streik, um ihre Forderungen durchzusetzen. Aus einer fallweisen defensiven Verteidigung angestammter Rechte wurde eine anhaltende, offensive Bewegung zur Durchsetzung von besseren Lebensstandards, die – zumindest als Fernziel – auch die Überwindung der bestehenden Ordnung implizierte. Mit der zunehmenden Industrialisierung der Länder des Trikonts – im Zeichen von »Demokratie« oder »Sozialismus« – nahmen auch hier Lohnkämpfe (resp. Stellvertreterkriege der großen Machtblöcke) zu, während Brotrevolten seltener wurden, wenn auch nie ganz ausblieben.

Dieser Trend sollte sich mit dem Aufkommen der neoliberalen Umstrukturierungen, durchgesetzt von IWF & Co., wieder umkehren. Ende der 1970er, Anfang der 1980er häuften sich Unruhen, die ihre Auslöser in der durch die Auflagen des IWF verursachten Verteuerung von Lebensmitteln hatten. Zwischen 1976 und 1982 wurden mindestens 146 Unruhen gezählt, die ihren Höhepunkt Anfang der 1980er Jahre erreichten und die als »IMF-Riots« in die Geschichte eingingen. Auch später kam es vor allem in Lateinamerika immer wieder zu Unruhen, die durch die neoliberalen Verheerungen zumindest mit verursacht worden sind. So z.B. 1989 und 1997 in Argentinien oder die Bewegung der Landlosen in Brasilien seit Mitte der 1990er, auch der zapatistische Aufstand in Mexiko 1994ff waren bzw. sind gegen IWF-Politik und seine einheimischen Stellvertreter gerichtet.

Weitere Wellen von Food Riots gab es im Gefolge der jüngsten Krise der kapitalistischen Weltwirtschaft bzw. der dauerhaft angestiegenen Nahrungsmittelpreise. Die Ursachen für letztere sind vielfältig – von der zunehmenden Nachfrage vor allem der Schwellenländer China und Indien über zunehmende Spekulation, der Trend zum »Agrosprit« in den Industrieländern bis hin zum Klimawandel. 2007/08 kam es – beginnend mit der »Tortillakrise« in Mexiko – zu einer globalen Welle von Nahrungsmittelaufständen. Am heftigsten waren die Unruhen in Haiti im April 2008, die zum Sturz der dortigen Regierung führten, der Schwerpunkt der globalen Aufstände lag aber in Afrika. Insgesamt waren nach Berichten der FAO, der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UNO, 42 Länder von den Protesten betroffen.

Auch bei den Aufständen in Nordafrika 2011 war die erneute Preisspitze bei den Nahrungsmitteln zumindest Katalysator für die Unruhen in den Provinzen Tunesiens oder Ägyptens. Die Herrschenden in Staaten mit ähnlich gearteten Bedingungen begriffen das sehr schnell und waren tunlichst bemüht, Lebensmittelreserven aufzustocken und die Preise zu stabilisieren. Viele Diktaturen konnten sich lange Jahre vor allem deswegen halten, weil sie zumindest stabile Nahrungsmittelpreise garantierten. Die Aufkündigung des »Brot-Paktes« (Konicz) im Gefolge neoliberaler Umstrukturierungen führte sehr schnell zu Unruhen, die dann auch die politischen Eliten des Landes zum Ziel hatten.

Im Gegensatz zum vorherrschenden Bild scheinbar zielloser Gewaltausbrüche sind die Food Riots großteils durchaus organisiert, und sie erschöpfen sich nicht in gewaltsamen Aktionen. So gehören Demonstrationen, Straßenblockaden und Streiks genauso zu ihrem Repertoire, wie und das Plündern von Lebensmittelmärkten und die Beschädigung von öffentlichen Gebäuden. Zu den organisierten Kräften in den Unruhen zählen Gewerkschaften, Bauern- und Verbraucher-Vereinigungen und andere Basisorganisationen. Eine zentrale Rolle bei den Protesten kommt meist Frauen zu, denen i.d.R. die Verantwortung für die Ernährung obliegt. Ähnlich wie bei den Unruhen aus der Frühzeit des Kapitalismus ist die Tatsache, dass andere Schichten die Proteste der Unterschichten benutzten, um sie für ihre Ziele zu instrumentalisieren. Gerade in den jüngsten Aufständen in Nordafrika nutzten Vertreter der Mittelschicht die Proteste, um ihre – zumeist politischen – Anliegen durchzusetzen.

Inzwischen haben die Unruhen ein Ausmaß erreicht, das die Besorgnis der Herrschenden auch hierzulande erregt. Der IWF warnt seit 2008 immer wieder vor einer rasanten Ausbreitung der Unruhen, die zu globalen Aufständen in der Dritten Welt führen könnten. Inzwischen wurden auch jede Menge Studien in Auftrag gegeben, mit deren Hilfe man versucht, die Probleme in den Griff zu bekommen. So haben diverse Wissenschaftler versucht, quantitative Zusammenhänge zwischen dem Anstieg der Nahrungsmittelpreise und der Wahrscheinlichkeit von Aufständen herzustellen. Dabei wurde z.B. in einer Untersuchung des New England Complex Systems Institute herausgefunden, dass es ab einem bestimmten Preisindex mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zu Unruhen kommt.

Dieser Indexwert wurde zuletzt um den Jahreswechsel 2007/08 und Anfang 2011 überschritten – mit den bekannten Folgen. Der Kriseneinbruch der Weltwirtschaft bewirkte dann jeweils ein deutliches, aber kurzfristiges Absinken des Index. Mit dem Anziehen der Konjunktur sind jedoch wieder steigende Preise zu erwarten, sodass laut dieser Studie bereits in der zweiten Jahreshälfte 2012 wieder mit Unruhen zu rechnen sei. Zu Hungerrevolten kommt es jedoch meist nicht in den von Hungerkatastrophen heimgesuchten Ländern, sondern dort, wo es große relative Verschlechterungen gegeben hat, d.h. die vorher über eine relativ gesicherte Nahrungsmittelversorgung verfügten. Dabei spielt es meist auch keine Rolle, ob die jeweilige lokale Regierung für die gestiegenen Preise verantwortlich zu machen ist. Oft sind es die Händler, die den Unmut auf sich ziehen – was das Tor für rassistische Entladungen öffnet. Auch sind die Preise für Nahrungsmittel selten die alleinige Ursache für die Proteste, i.d.R. sind sie »nur« der Auslöser für politisch motivierte Unruhen.

Als Lösungsmittel werden sattsam berüchtigte Strategien empfohlen: die Einrichtung von »Frühwarnsystemen«, der Abbau von Exportbeschränkungen oder der verstärkte Einsatz von Gentechnik. Eine zentrale Rolle in den Strategien der »Krisenbewältigung« des Westens spielt aber immer noch die militärische Einhegung der »Gewaltausbrüche« in den zunehmend gescheiterten Staaten. Daran wird sich auch in Zukunft kaum etwas ändern, da eine nachhaltige Erholung der Nahrungsmittelpreise kaum zu erwarten ist.

Für uns ergibt sich die Frage nach dem Verhältnis zwischen den Protesten der Unterschichten in der kapitalistischen Peripherie und denen in den Zentren. Die Pendants zu den Food Riots des Trikont dürften die Unruhen in den Ghettos der europäischen Großstädte sein. Und: Ist die Schwäche der Arbeiterkämpfe in den Ländern des Westens in den vergangenen Jahren nur eine vorübergehende oder müssen wir mit einer Verschiebung des Schwerpunkts der Kämpfe in Richtung der Aufstände der Ausgeschlossenen rechnen? Entscheidend dürfte wie immer sein, ob es gelingt, die Bewegungen der verschiedenen Schichten der globalen Unterschichten und die Kämpfe der Arbeiterklassen in Beziehung zu setzen – eine »klassische« Aufgabe der Linken. [Ludwig Unruh

Zum Weiterlesen:

Konicz, Tomasz (2011) | Der erste große Klima-Aufstand.
www.heise.de/tp/artikel/34/34174/1.html

Lagi, Marco; Bar-Yam, Yaneer (2011) | The Food Crises and
Political Instability in North Africa and the Middle East.
necsi.edu/research/social/food_crises.pdf

Pedersen, Klaus (2010) | Food Riots sind keine
»chaotischen Gewaltausbrüche«. In: Ausdruck (1).
www.linksnet.de/files/pdf/KP_FootRiots_AusdruckFeb2010.pdf

Schmid, Bernard (2008) | Hunger, soziale Aufstände und
Business.
www.heise.de/tp/artikel/27/27736/1.html


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Streikbrecherbrecher schrieb am 13.01.2014 zu
Das Ende der Tarifeinheit - Ein Stützpfeiler weniger:

Haben sich die DGB-Gewerkschaften sich nicht diesbezüglich was in den Koalitionsvertrag schreiben lassen? Eben um sicherzustellen, dass ihr ...