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»Die Tafeln an sich finde ich Scheiße.«

1 Kommentar

BerlinNeukölln. Kirchenglocken läuten. Es ist zwölf Uhr. Vor der Lebensmittelausgabe steht eine lange Schlange. An diesem Tag sollen es über hundert BesucherInnen werden. Jens ist einer von ihnen. »An der Straße zu stehen, kein Problem«, sagt er. Für viele ist das ein Problem, am Anfang einer Tafelkarriere steht oft die Scham. Armut wird sichtbar gemacht. 1993 wurde die erste Tafel in Berlin gegründet. Derzeit gibt es über 880 Tafeln in Deutschland. Bundesweit ver
sorgen sie über 1,5 Millionen Menschen mit Lebensmitteln.

Die »Erfolgsgeschichte« der Tafeln geht einher mit dem Sozialabbau und der Zunahme der Verarmung. Die Tafeln sind Zusatznetze für Menschen, die zumeist langfristig Grundsicherungsleistungen beziehen. Sie dienen der Kompensation, um bescheidene finanzielle Spielräume zu schaffen, sei es für einen Kinobesuch oder die Praxisgebühr.

Die Überflußgesellschaft und die »großzügigen« Spender und Sponsoren

Die Tafeln geben sich einen sozialen und ökologischen Anstrich. Auf der Website des Bundesverbandes Deutsche Tafeln e.V. heißt es: »In Deutschland gibt es Lebensmittel im Überfluss – und dennoch herrscht bei vielen Menschen Mangel. Die Tafeln bemühen sich um einen Ausgleich: Sie sammeln »überschüssige«, aber qualitativ einwandfreie Lebensmittel, und geben diese an Bedürftige weiter.« Das hört sich erst mal sinnvoll an, denn 20-40 % der produzierten Lebensmittel werden weggeworfen.

Jens kritisiert am meisten die Produzenten. Die Überproduktion sei nur ungerecht verteilt. »Die Konzerne werden umsonst ihren Abfall los, tun dann aber so, als ob sie karitativ wären. Das ist schon pervers.« Das Verbraucherministerium behaupte, das meiste werde von den Privathaushalten weggeworfen. »Was werfe ich denn weg. Ich hasse es, Lebensmittel wegzuwerfen. Das meiste wird doch von den Erzeugern weggeworfen. Darüber mache ich mir Gedanken, wenn ich hier in der Schlange stehe.«

Die Tafeln helfen also, die massenhaft überproduzierten Warenberge abzubauen. Damit minimieren sie die Müllberge, die sonst anfallen würden. Lebensmittelhersteller produzierten immer 120 bis 140 % des Bedarfs, damit Engpässe, Verkaufsschwankungen, Transportprobleme und andere Störungen ausgeglichen werden können. Die Supermärkte sparen sich die Entsorgungskosten, bekommen dafür eine Spendenbescheinigung, polieren ihr Image auf und verlangen noch Dankbarkeit. Der Spender Lidl ist zum Beispiel durch schlechte Arbeitsbedingungen berüchtigt. Und der Sponsor McKinsey war an der Hartz IVReform beteiligt. Gerade McKinsey tritt hier als Samariter auf, ein Unternehmen, das für den Abbau von vielen Arbeitsplätzen und damit die zunehmende Verarmung verantwortlich ist. McKinsey initiierte Werbekampagnen, suchte Sponsoren, erarbeitete einen Leitfaden für den Aufbau einer Tafel und ein Handbuch für den Betrieb einer Tafel. Sie entwickelten Grundsätze und ein geschütztes Corporate Identity der Tafeln. Das Wort »Tafel« ist eine geschützte Marke. Das heißt für eine TafelNeugründung bedarf es der Genehmigung des Bundesverbandes Deutsche Tafel e.V., der eine Monopolstellung ausübt.

Die Disziplinierung der AlmosenempfängerInnen

Einem Überangebot an Nahrungsmitteln steht eine wachsende Armut entgegen. Ohne diese Armut wären die Tafeln aufgabenlos. Und was die ErstverbraucherInnen nicht wählen, bleibt übrig für die TafelnutzerInnen. Eine Tafel wird angekündigt und ein Resteessen aufgetragen, so Tafelexperte Stefan Selke.
Wer zur Lebensmittelausgabe geht, muß zunächst eine Bedürftigkeitsprüfung über sich ergehen lassen. Jens sagt dazu: »Die Bürokratie finde ich absolut zum Kotzen.« Die Leute, die gar nichts haben, auch keine Papiere, sollten auch was bekommen. »Ich musste unterschreiben, dass ich hier nicht alkoholisiert ankomme. Erst dann bekommst du die gelbe Karte, die Teilnahmebescheinigung«. Auch das »Hausmeisterblockwart Syndrom« in den Lebensmittelausgaben kann er nicht vertragen.

»Gib kleinen Leuten etwas Macht. Aber das lass ich mir nicht bieten.«

Damit wird die Würde der Kunden immer wieder durch Erziehungs und Disziplinierungsmaßnahmen untergraben. Es gibt Listen, Stempel, Ausweise und Kontrollen. Der Tafelkunde ist gläsern, denn seine Wohn und Haushaltsdaten werden erfaßt. Es gibt Regeln der Bedürftigkeitsfeststellung, Zugangsregelungen zu den Tafeln, Kontrollregeln, mit denen z.B. eine »Doppelabholung« bei mehreren Tafeln kontrolliert bzw. unterbunden wird, Verhaltensregeln bei der Warenannahme, Akzeptanzregeln bezogen auf die Ware selbst sowie implizite (und manchmal auch explizite) Dankbarkeitsregeln. Das Elend soll in einen Plan gepresst werden, aber Elend sei mit Disziplin nicht vereinbar. Die Helfer »(…)wollen das Elend bekämpfen aber es – beim besten Willen – nicht sehen. Wenn das Elend schon Teil der eigenen Idealisierung ist, dann muss es sich auch – bitte schön! – nach den Spielregeln richten. Warten, bis es drankommt, eine Form annehmen, die vorzeigbar ist.«, so Stefan Selke.

Die Rückkehr zum barmherzigen Almosenwesen

Tafeln mutieren zu Parallelwelten, in denen Armut zwar gelindert, aber auch zementiert wird. Durch die Tafeln werden aus BürgerInnen mit sozialen Rechten passive BittstellerInnen, deren Perspektivlosigkeit sich verstärkt. Sie sollen dankbar für die Almosen sein, gleichzeitig stellen sie ein sichtbares Drohpotential in einem Klima der Angst und Unsicherheit dar. Barmherzigkeit löst Bürgerrechte ab. Willkür tritt an die Stelle von Garantien. Die Gesellschaft gewöhnt sich an die Armut, die normalisiert wird. Hieß es früher »Geh doch nach drüben!«, so heute und in Zukunft »Geh doch zur Tafel!«. Die Tafeln stützen eine menschenunwürdige Sozialpolitik. Stefan Selke resümiert: »Tafeln sind ein Indikator für die Schieflage der Gesellschaft.«

„Empört euch“ statt Mitleid

Der Bundesverband Deutsche Tafeln e.V. behauptet, die Tafeln seien die größte soziale Bewegung der letzten Jahrzehnte. Dabei haben die Tafeln weder einen Anspruch auf gesellschaftliche Veränderung, noch zeigen sie sichtbaren Protest. Sie bekämpfen nicht die Ursachen der Armut, sondern kanalisieren die Empörung über die soziale Spaltung in Mitleid für die Betroffenen. Der politische Widerstandswille wird im Keim erstickt. TafelnutzerInnen werden ruhiggestellt statt politisiert. Der Bundesvorstandsvorsitzende der Tafeln Gerhard Häuser äußerte sogar selbstkritisch: »Es gibt Leute, die sagen, wir verhindern den Aufstand von unten.«

Jens sagt: »Die Tafeln an sich finde ich Scheiße. Eigentlich müßte der Staat mehr Hartz IV zahlen, damit man selbst entscheiden kann, woher man die Lebensmittel kriegt.« Die Tafeln wären wirklich erfolgreich, wenn sie sich selbst abschaffen würden. Da zu viele Menschen darauf angewiesen sind, können sie allerdings nicht von heute auf morgen geschlossen werden. Und auch wenn der alte Sozialstaat der Befriedung diente, so müssen wir heute für soziale Rechte statt Almosen kämpfen.

Statt Abspeisung der Armen | Selbstorganisation und politischer Widerstand!


Kommentare

Anti-Christ schrieb am 18.01.2014 um 18:52 Uhr

Es hat sich rund um die um sich greifende Armut eine regelrechte Armutsindustrie entwickelt. Die Tafeln sind nur ein Teil davon. In allen größeren Städten gibt es mittlerweile "Kaufhäuser", betrieben von den verschiedenen Trägern der sozialen Arbeit (Diakonie, Caritas, AWO usw.), die die komplette Verwertungskette der Armut bedienen. Vom Sofa über den Handmixer bis zu Bluse wird dort das vermarktet, was man noch an den / die Arme/n bringen kann. Und das zu Preisen, die oft deutlich über dem liegen, was man bei Ebay für entsprechende Waren bieten muss. Neben wenigen Hauptamtlichen wird das Personal hauptsächlich von Menschen gestellt, die ebenso wie die Kundschaft an das untere Ende der sozialen Leiter durchgereicht wurden: Jugendliche in zweifelhaften Qualifizierungsmaßnahmen oder beruflichen Eingliederungsmaßnahmen, 1-Euro-Jobber usw. 

In einem dieser Läden bei uns im Ort habe ich mal einen IKEA-Tisch entdeckt, der trotz massiver Beschädigung (Bein angebrochen, nicht zu reparieren) für die Hälfte des Neupreises an Bedürftige verscherbelt werden sollte. Von vollkommen veralteten Küchengeräten wie Herde oder Kühlschränke, die man eigentlich allein wegen ihres Stromverbrauchs nur noch entsorgen kann, aber zu Preisen zwischen 70 und 120 Euro dort vertickt werden, ganz zu schweigen. Um es auf den Punkt zu bringen: mit der Armutsindustrie schafft man es sogar noch den Abfall der Wohlstands- und Überflussgesellschaft  gewinnbringend zu vermarkten und gleichzeitig jenen, die unten sind, zu zeigen, was sie dieser Gesellschaft wert sind: nämlich nichts. Das Wort "sozial" ist in diesem Kontext der blanke Hohn.

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Aus den Kommentaren...

Anti-Christ schrieb am 18.01.2014 zu
»Die Tafeln an sich finde ich Scheiße.«:

Es hat sich rund um die um sich greifende Armut eine regelrechte Armutsindustrie entwickelt. Die Tafeln sind nur ein Teil davon. In allen ...