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Essensvernichtung

5 Kommentare

Das Ende der Fahnenstange, eine kleine Bestandsaufnahme

Jedes Jahr sterben 8,8 Millionen Menschen an Hunger, davon hauptsächlich Kinder. Gleichzeitig liefern die Medien drastische Zahlen und Bilder unserer sogenannten Wegwerfgesellschaft. 500.000 LKW-Ladungen Lebensmittel werden jährlich allein in Deutschland weggeworfen bzw. vernichtet.

Bis zu 80% des Fischfangs werden schon beim Fang (ungewollter Beifang) tot wieder ins Meer geworfen. 2006 waren 52% der Weltmeerfischbestände völlig ausgebeutet, 28% überfischt und erschöpft und nur noch 20% befischbar. Währenddessen konnte 2009 der pro Kopf Fischverbrauch in Deutschland erneut auf stolze 15,7 kg pro Kopf gesteigert werden. 2048 wird der endgültige Kollaps der Weltmeere erwartet. Nur eines von zahllosen perversen Beispielen. Regenwaldabholzung für die Massentierhaltung/Biospritherstellung und auf der anderen Seite leere Teller bzw. rasant gestiegene Lebensmittelpreise in der 3.Welt. Die über den Markt »regulierte« widersinnige Produktionsweise lässt sich nirgends anschaulicher beobachten als im Bereich der Lebensmittelproduktion und Konsumtion.


»Die Halbierung unseres Überflusses und unserer Verschwendung an Lebensmitteln in Europa und den USA würde dreimal ausreichen, um den Hunger in der Welt zu besiegen.«

 

Wer ist verantwortlich? Oder Selbstkritik statt Systemkritik

Ist dieser Hunger verursachende Überfluss »unser« Überfluss? Warum wird viel zu viel produziert? Um es nachher wegzuwerfen? Just for Fun? Die Medien haben das Thema der Lebensmittelvernichtung in den Industrieländern längst entdeckt. TV-Serien, dokumentarische Kinofilme und Bücher klären die Verbraucher mit Fakten über die katastrophale Lage auf. Ursache der Misere ist nach Meinung der verschiedenen KritikerInnen – mal mehr, mal weniger penetrant vorgetragen – die Wegwerfmentalität des Konsumenten. Stimmt doch eigentlich auch: Alle schauen auf billig-billig, Geiz ist geil und dann wundert man sich, dass sich die Konzerne als Handlanger dieser dekadenten Kundenwünsche entsprechend einstellen, alles jederzeit lieferbar haben und damit Raubbau an der Umwelt, an den Menschen und Tieren betreiben (müssen). Die Armen. So sollte jede Konsumentin mal in sich gehen, nachhaltig und fair einkaufen, und mit weißer Weste für eine vernünftige und nachhaltige grün gefärbte Rendite sorgen. Ist es wirklich so? Hat der Konsument so viel Macht? Ist das millionenfache Verhungern-lassen von Menschen, die nicht mehr zu ertragende Tierquälerei bei der Tierausbeutung und der Raubbau an der Natur nicht eher ein strukturelles, ein grundsätzliches Problem dieser Gesellschaftsform, die sich Kapitalismus nennt?

Lebensmittel als Ware

Dabei ist der Konsument der ohnmächtigste Teil in der Kette der Lebensmittelproduktion. Er hat keinerlei Verfügungsgewalt im Bereich der Produktion. Diese liegt in den Händen weniger, aber mächtiger Anbau- und Lebensmittelkonzerne. Es ist ein von den Medien gern gepflegter Mythos zu behaupten, dass wenn der Konsument nur nachhaltige Waren käuflich erwirbt alles wieder in Ordnung kommt. Ebenso wird in der Diskussion seitens der Warenanbieter immer wieder betont, dass sie ja nur auf die Nachfrage, auf die Kundenwünsche reagieren und nicht im Traum daran denken, Bedürfnisse zu wecken, die merkwürdigerweise vorher auch nicht fürs Leben relevant waren. So werden beispielsweise die Ladenöffnungszeiten immer weiter bis spät in die Nacht verlängert. Dieser »Service« wird nicht aus Kunden- und Menschenfreundlichkeit angeboten, sondern ist nur ein weiterer Versuch, der Konkurrenz Marktanteile abzujagen. Es werden nicht nur möglichst billig Waren angeboten, gleich zu welchen ökologischen Katastrophen-Preisen, sondern diese sollen auch – am besten rund um die Uhr – frisch verfügbar sein. Überflüssige Lebensmittel sind unter solchen Voraussetzungen zwangsläufig und die Müll-Container der Lebensmittelgeschäfte quellen mit Waren guter Qualität über. Dieses chaotische Wirtschaften gehört zum Kapitalismus wie das Amen in der Kirche.

Die juristische Verfolgung von sogenannten Mülltaucherinnen, die sich ihr Essen aus den Containern ziehen und sich somit im kleinen Stil der »Wegwerfmentalität« und damit der Kapitalverwertung verweigern, gehört ebenfalls zu diesem Wirtschaftssystem.

Dass die Überproduktion und die Vernichtung von Lebensmitteln gleichzeitig eine massenhafte Verschwendung von gesellschaftlicher Arbeit ist, scheint interessanterweise in der medialen Diskussion nicht erwähnenswert zu sein. Arbeit für die Müllverbrennung, so kann man zynisch die Produktion von Lebensmitteln bezeichnen. Der Lebensmittelmarkt ist ausgeschöpft, mehr als Essen können die Menschen nicht, eine Ausweitung der Produktion ist von der Ratio her  purer Nonsens. Gerade in diesem Bereich der Kapitalverwertung geht es den diversen Konzernen, Discountern nur noch um die Aufteilung des Kuchens. Jeder Kapitalist versucht dem anderen ein paar Krümel des Umsatzes abzujagen.

Das nennt sich Konkurrenz. Über den Mechanismus der Konkurrenz werden die einzelnen Konzerne/Kapitalien gezwungen sämtliche Register zu ziehen, um die Mitbewerber auszustechen. Sonst können sie mittelfristig nicht am Markt bestehen. Darüber kann man nicht moralisieren, es ist einfach ein »Sachzwang« kapitalistischen Wirtschaftens, wo es nicht um die Vernunft, um die Bedürfnisse der Menschen geht, sondern allein um den Gewinn, um die Rendite.

Planwirtschaft von unten heißt bedürfnisgeleitetes Wirtschaften

Fazit: Wir können es drehen und wenden wie wir wollen. Wir kommen um eine radikale Umgestaltung dieser Gesellschaft nicht herum. Der Markt muss weg, der Markt ist blind, weiß nicht was wirklich benötigt wird, er reguliert nichts, er ist nur der Platz, wo die diversen Verkäufer ihre Waren losschlagen wollen/müssen. Kein Warenproduzent weiß am Ende, ob sich seine Produktion »gelohnt« hat, ob er seine erhofften Gewinne realisieren kann. Die kapitalistische Gesellschaft basiert u.a. auch auf diesem Grundmechanismus. Wer was abschaffen will muss sich Gedanken machen wie es anders, besser laufen könnte. Das vielgeschmähte Wort »Planwirtschaft« kommt da ins Spiel. Manche Mitmenschen mögen sich noch erinnern, wie die Planwirtschaft in den damaligen Ostblockländern funktionierte bzw. nicht funktionierte. Es war eine Planwirtschaft von oben, die am grünen Tisch versuchte festzustellen, was in der Gesellschaft benötigt wird und die entsprechenden Vorgaben an die Produktionseinheiten ausgab.

Diese »Planwirtschaft« ist hier nicht gemeint. Historisch war die Planwirtschaft von unten schon in die anarcho-syndikalistische Theorie der FAUD eingearbeitet, die dann teilweise in der spanischen Revolution 1936 ihren ersten erfolgreichen Praxistest hatte. Mit Hilfe der »Arbeiterbörsen«, die eine ähnliche hohe Bedeutung in dem Konzept des Anarcho-Syndikalismus hatten wie die Syndikate, sollte der Austausch zwischen Produktion und Konsum stattfinden. Nach dieser Theorie sollten in jeder Straße/in jedem Stadtteil Börsen etabliert werden, um so direkt vor Ort den Bedarf an Produkten feststellen zu können. Fabrikräte, Bauerngenossenschaften etc. bilden in diesem Gesellschaftsmodell ein Netzwerk, das im direkten Kontakt mit dem Verbraucher steht. Dieses bedürfnisbasierende Wirtschaften würde dem trendigen Begriff »Nachhaltigkeit« einen ganz anderen Stellenwert geben. Heute, in Zeiten moderner Kommunikationsmittel wie z.B. dem Internet, wäre dieses auf den ersten Blick eher schwerfällige Planwirtschaften sehr viel geschmeidiger. »Das Werk-/Denkzeug Computer spielt eine wesentliche Rolle dabei, weil dieser eine Erweiterung der Sinnesorgane insofern ermöglicht, als er die indirekte Kommunikation über den Markt durch direkte Kommunikation in Echtzeit und praktisch nach überall hin ersetzt.«

In jede Wohneinheit wäre ein Eingabegerät installiert und schon wäre die Planung nicht nur schneller, sondern auch präziser. »Nebenher« könnte diese technische Infrastruktur auch der Selbstverwaltung einer sozialistischen Gesellschaft enorm auf die Sprünge helfen und direktdemokratische Strukturen leichter installieren helfen.

Drunter machen wir es nicht mehr

Auch wenn in diesem Beitrag der Schwerpunkt auf die gesellschaftlichen Strukturen gelegt wurde und der Verfasser dieser Zeilen sich eine Lösung – auch – dieses Problems kapitalistischen Wirtschaftens nur als eine generelle Gesellschaftsumgestaltung vorstellen kann, ist eine individuelle Änderung des Lebensstils auch in Sachen Ernährung ab einem gewissen Bewusstsein fast zwangsläufig. Sicher werden wir über den Magen-Darmtrakt nicht die Welt verändern können, wie es manche Fairtrade-AnhängerInnen, VeganerInnen usw. vertreten.

Aber genauso wie ein Sozialist freiheitlicher Prägung selbstreflektierend z.B. sein Mackerverhalten, seine Männerrolle in dieser Gesellschaft hinterfragt und sein Verhalten schon im Hier und Jetzt zu verändern versucht, treibt das Wissen über das aktuelle skandalöse Verhältnis zwischen Mensch und Natur – und hier vor allem die Qualen der Tiere – in einem langwierigen Prozess der Auseinandersetzung oft ein neues Verhalten hervor. Der weitgehende Verzicht auf tierische Produkte ist da nur ein Aspekt einer gar nicht mal so neuen sozialistischen Ethik.


Kommentare

Mark Z. schrieb am 04.02.2014 um 21:08 Uhr

Das Werk-/Denkzeug Computer spielt eine wesentliche Rolle dabei, weil dieser eine Erweiterung der Sinnesorgane insofern ermöglicht, als er die indirekte Kommunikation über den Markt durch direkte Kommunikation in Echtzeit und praktisch nach überall hin ersetzt.

Maschinenträume, die spätestens mit den Enthüllungen des Herrn Snowden blamiert sind und bei näherer Betrachtung schon immer den dystopischen Keim der totalen Herrschaft in sich trugen. Computertechnologie ist ihrer "Natur" nach hierarchisch, das Momentum der Macht und ihrer Monoplisierung ist "built in". Das ist kein "Bug", sondern ein "Feature" dieser Technologie.

Verbrecher schrieb am 05.02.2014 um 08:21 Uhr

@Mark Z.

Maschinenträume? Nein, nur ein kleiner Ansatz konkreter Utopie. Jede im Kapitalismus entwickelte Technologie "trägt Keime der Herrschaft" in sich. Das ist eine Binsenweisheit. Wie sollte es auch anders sein?

Aber: Worauf sollte sich eine grundsätzliche Umgestaltung der Gesellschaft zunächst begründen? Auf Faustkeil und Feuerstein? Viel tiefgreifender und negativer als die im Kapitalismus entwickelte Technologie sind die psychischen Konditionierungen der in dieser Gesellschaft lebenden Menschen. Eben als Produkt dieser Konkurrenzgesellschaft. Diese Menschen sind mit einem libertären Sozialismus nicht kompatibel. Das macht mir Kopfzerbrechen. Das ist der Stolperstein, der einer zukünftigen Emanzipation das Genick brechen kann. Du bewertest Technologie über.

Dann noch Snowden in deine Argumentation einzubauen ist geradezu schräg. Ich mein, in welcher Gesellschaft lebt Snowden? In dem Text "Essensvernichtung" wurde ganz zaghaft eine Möglichkeit von Planwirtschaft skizziert, die in einer sozialistischen Gesellschaft stattfinden soll (und überhaupt nur kann). Diese Skizze ist auf den Kapitalismus überhaupt nicht anwendbar, wie auch Snowden auf eine sozialistische Gesellschaft nicht anwendbar ist. Das ist doch offensichtlich.

Sorry, aber deine Argumentation verliert sich in den unendlichen Weiten des Alls. Wünsche dir mehr Boden unter den Füßen.

Mark Z. schrieb am 08.02.2014 um 22:11 Uhr

@Verbrecher: "Viel tiefgreifender und negativer als die im Kapitalismus entwickelte Technologie sind die psychischen Konditionierungen der in dieser Gesellschaft lebenden Menschen." Dem ist durchaus zuzustimmen, aber - wie so viele - übersiehst auch du dabei den Balken im eigenen Auge, wenn du auf die Splitter in den Augen der anderen verweist. Und die Bilder, der du dich dabei bedienst, sind mit Verlaub zweifelhaft. Aber der Reihe nach.

Technologien werden natürlich nicht nur im luftleeren Raum des Unpolitischen verwendet. Den, das ist eine Binse, gibt es bekanntlich nicht. Was du aber übersiehst ist, dass technischen Erfindungen und Entdeckungen nicht das reine Resultat menschlicher Geisteskraft sind, sondern ebefalls im politischen Raum stattfinden. Beispiel: Das Fließband ist Ford nicht einfach so als "Geistesblitz" eingefallen, sondern es gab handfeste ökonomische Interessen seiner Geldgeber, die ihn überhaupt erst in die Lage versetzten das Fließband zu "erfinden". Ein gewisser Herr Rockefeller spielte da zum Beispiel eine Rolle. Das heißt in diesem konkreten Fall, dass das Verwertungsinteresse des Kapitals schon in dem Ding selber eingeschrieben ist, es wird somit quasi zur Natur des Dings. Und umgekehrt gibt es - die Hölle und Barbarei der nachholenden Industrialisierung in der SU hat das mehr als deutlich gezeigt - keine Möglichkeit der emazipativen Umwidmung der Technologie "Fließband". Ihr Zweck war immer und kann nichts anderes sein als die Ausbeutung der menschlichen Arbeitskraft.

Nicht viel anders verhält es sich mit der Technologie "Computer". Es gehört zu den Basisfunktionen eines jeden Betriebssystems (lassen wir DOS und seine grafische Oberfläche Windows mal außen vor) Benutzern des Systems verschiedene Rechte zu gewähren, also Hierarchien zu schaffen. Und, da ich selber in der Branche arbeite kann ich das feststellen, es geht auch angesichts der Komplexität der Technologie, nicht anders.

Ein Merkmal der psychischen Konditionierung des "modernen Menschen" durch den Kapitalismus ist unter anderem auch, dass wir uns Fortschritt nur noch als technologischen Fortschritt vorstellen können. Fortschritt ist aber eine rein ideologische Konstruktion. Es wird gesellschaftlich definiert was Fortschritt ist UND es wird definiert, dass dieser "gut" ist. Der (vermeintliche) technologische Fortschritt, mit dem der Kapitalismus seine Überlegenheit behauptet ist Ideologie in Reinkultur. Schon die Aufklärer verklärten das Mittelalter als das "finstere" um so um so "strahlender" zu erscheinen. Nicht anders verhält es sich mit dem Fetisch technischer Fortschritt. Auch du - anscheinend besser  konditioniert als dir lieb sein dürfte - musst sofort die reflexartig die Steinzeit bemühen um meine Kritik (die eher ein Einwand, als Kritik war) von dir zu weisen. Ein Entweder-oder, dass ich noch aus Zeiten der Anti-AKW-Bewegung kenne. Da wurde man als AKW-Gegner auch des öfteren gefragt, ob man wieder in der Höhle leben wolle. Wobei man sich das Leben in dieser Höhle dann bitte als unglückliches, karges, voller Not, Gefahren und Entbehrungen vorzustellen hatte. Ein Bild, das wiederum nichts weiter als eine ideologische Konstruktion ist. Ob die Menschen damals glücklicher oder unglücklicher waren, freier oder unfreier wissen wir schlichtweg nicht. Aber dümmer und unwissender waren sie höchstwahrscheinlich nicht. So waren unsere steinzeitlichen Vorfahren zum Beispiel durchaus in der Lage einen komplexen medizinische Eingriff vorzunehmen, den man vor kurzen in der Schweiz einem nicht unbekannten, schwer verunglückten deutschen Skiläufer hat angedeihen lassen: eine Trepanation.

 

Verbrecher schrieb am 10.02.2014 um 09:30 Uhr

Ob nun einen Balken oder Splitter...ich hab' was im Auge, ich weiß.

@Mark Z.

Mein Wunsch wurde offensichtlich nicht erfüllt. Aber das kenne ich ja nicht anders. Nochmal etwas klarer zu meiner Position:

1. Selbstverständlich hat die Entwicklung von Technologie nicht allein was mit irgendwelchen "Geistesblitzen" schrulliger Erfinderinnen zu tun, sondern werden durch "handfeste ökonomische Interesse" angetrieben. Stimme mit dir überein. Anderes habe ich aber auch nicht behauptet.

2. Selbstverständlich bin ich konditioniert. Auch hier stimme ich völlig mit dir überein. Das einzige was mich auszeichnet ist...Ich weiß darum. Dennoch muss ich dir in deiner generellen Ablehnung von Technologie widersprechen. Ich möchte älter als 35 Jahre werden, ich möchte nicht das sämtliche 7 Milliarden Menschen demnächst ihre Kohleöfen wieder anwerfen.

3. Meine Frage, ob wir wieder mit Faustkeil oder Feuerstein beginnen sollen war eine rein rhetorische Frage. Da will ich keine Antwort. Ich werde darüber keine ernsthafte Diskussion führen. Wir werden für eine zukünftige Gesellschaft das Beste nehmen müssen, was wir vorfinden. Wir müssen nun mal auf dem Stand jetziger Erkenntnisse anfangen eine "neue Stadt zu bauen". Das wird/ist ein Prozeß. Unsere aktuelle Bewertungen von Technologien, aber auch von Normen, Wertvorstellungen, Ethik usw. werden sich garantiert ändern, wenn wir die Gesellschaft radikal ändern (wollen).Ich stimme dir in deiner gesamten Argumentation zu, in der du beschreibst, wie in Technologie Verwertungsinteressen eingeschrieben sind. Mark, du diskutierst hier nicht mit einem Bolschewisten

4. Ich betreibe keine "Fetischisierung von Technologie", wenn ich Technologien auf ihren GEBRAUCHSWERT für eine libertär-sozialistische Gesellschaft untersuche. Dein etwas ausgelutschter Einwand mit der Atomkraft ist völlig überflüssig. Denn diese Technologie hat ihre Menschenfeindlichkeit und damit Untauglichkeit für eine neue Gesellschaft längst bewiesen. Und das schon etwas länger. Andere Technologien werden sicherlich auch noch auf "unsere schwarzen Liste" gesetzt werden (müssen) bzw. auf ihre Tauglichkeit geprüft werden.

5. Ein sehr subjektiver, aber für meine Person existenzieller Aspekt: Wären gewisse Technologien in der Nephrologie nicht vorhanden (gewesen), wäre die Menschheit schon vor 34 Jahren von meiner Existenz befreit worden. Das können bestimmte Mitmenschen gut finden...ich eher nicht. Kein Schamane aus Tuwa, kein Steinzeit-Doc hätte mir helfen können. Das sage ich trotz meiner Kritik an der sogenannten Gerätemedizin, die ja auch vorrangig "Verwertungsinteressen" dient..die dennoch aber auch  einen - manchmal sogar einen sehr hohen - Gebrauchswert hat.

6. Also kommen wir nach dem ganzen Textbrei mal zur Sache: Du hast mir noch nicht  dargelegt, wie du eine menschenwürdige von unten nach oben organisierte Planwirtschaft auf die Beine stellen möchtest...und mit Verlaub, auch wenn der Briefträger oder der "Kurier des Zaren" demnächst meine Bedarfsliste an Konsumgütern zum nächsten Produzentinnenkollektiv trägt...auch denen muss ich in einem bestimmten Rahmen vertrauen, das sie diesen Brief auch abgeben und nicht einfach wegwerfen. Sie haben also durchaus Macht. Wie auch mein Admin, der mit anderen meine elektronische Kommunikation organisiert und technisch wartet. Dieser Vertrauenvorschuß muss sein. Mein Vertrauen wird um einiges größer, je geringer irgendwelche "handfesten ökonomischen Interessen" (da sind sie wieder) eine Rolle spielen. Wenn kein Mensch mehr meine Daten für irgendein Profil zwecks Werbung, Ausspähung und dergleichen benötigt...dann hätte doch das Netz einen ganz interessanten Gebrauchswert. Und in dem Prozess der Sozialisierung des Internets würde sich sicherlich diese Technologie an sich auch noch mal verändern. Zumindest könnte ich mir das von einem dialektischen Standpunkt aus sehr gut vorstellen.

7. Zu guterletzt: Zu meinen, dass das menschlcihe Leben in nächster Zeit ohne Hierarchien (auch ohne Macht) möglich wäre, ist eine recht romantische und idealisierende Position. Ich denke, es kommt eher auf dem Umgang mit den Hierarchien (aber auch Macht) an, ob sie hinterfragt werden (können/dürfen) und ob sie aufgelöst werden können. In dieser Gesellschaft ist ein solcher Umgang mit Hierarchien nicht möglich, da - wie du richtig festgestellt hast - knallharte wirtschaftliche Interessen hinter dem großen Ganzen stehen und die ein unbedingtes Interesse an Hierarchien usw. haben, gleich ob die nun modern eher flach angelegt oder streng pyramidenförmig aufgebaut sind.

Das wars dann.

Schönen Dank, das du mir dazu verholfen hast, meine Argumente und Positionen zu überdenken. Wäre schön, wenn du mal ein paar pragmatische Lösungsvorschläge rüberwachsen lassen könntest, um deinen Bedenken gegenzusteuern, die ja durchaus Berechtigung haben. Wir schreiben ja hier nicht, um unsere Bauchnäbel zu pinseln, sondern um was zu lernen und voran zu kommen.

Mark. Z. schrieb am 10.02.2014 um 19:13 Uhr

@Verbrecher: Den einen oder Einwand hätte ich schon noch anzubringen, aber wie du richtig feststellst: wir sind nicht hier, um uns gegenseitig unsere Bäuche zu pinseln. Auch habe ich zur Zeit  leider keine Zeit für die längere Erwiderung, die dein Beitrag verdient hätte. Zur speziellen Dialektik von Theroie und Praxis aber noch ein kleiner "Hinweis":

http://deichtorhallen.de/blog/wp-content/uploads/2013/02/715_MG_0005-1300.jpg

We'll see us in the barricade...  

 

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