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Mechanismen psychosozialer Dekonstruktion im neoliberalen Kapitalismus

1 Kommentar

Immer mehr Menschen werden in prekäre Beschäftigungsverhältnisse abgedrängt, Erwerbslose werden von den Jobcentern schikaniert, soziale Mindeststandards werden abgebaut, die Schere zwischen arm und reich klafft immer weiter auseinander. Während Leistungs- und Konkurrenzdruck gesamtgesellschaftlich zunehmen, schwindet im Zuge des neoliberalen Sozialabbaus der soziale Zusammenhalt.

Konsens ist: Es wird immer schlimmer – aber man kann ja nichts machen! Hilflosigkeit einer als übermächtig erscheinenden Finanzmacht gegenüber erzeugt Angst. Und Angst lähmt. Dem halten wir entgegen: Wissen ist Macht! Wissen kann sogar Gegenmacht bedeuten. Wenn es uns gelingt, die Mechanismen neoliberaler Ökonomie und Gesellschaftspolitik präzise zu erfassen, dann sind wir auch in der Lage, Konzepte dagegen zu entwickeln.

Der gegenwärtige Kapitalismus kann mit den Begriffen »neoliberal« und »kognitiv-emotional« bezeichnet werden. Die weltweit vorherrschende neoliberale Ausrichtung der Ökonomie (»Privat vor Staat«) wird von den Menschen erlebt als Rückzug des Staates aus seiner früher zumindest ansatzweise wahrgenommenen Verantwortung für die Grundsicherung der Bedürfnisse der Menschen sowie als zunehmende Verstärkung der Kluft zwischen arm und reich. Das zweite wesentliche Bestimmungsstück des gegenwärtigen Kapitalismus ist seine kognitiv-emotionale Qualität. Während nach wie vor die Menschen weltweit millionenfach hungern und in inhumanen Arbeitsverhältnissen geschunden werden, hat sich in den ökonomisch entwickelten Ländern zunehmend eine neue Produktionsform herausgebildet: Die Arbeit ist intellektueller, immaterieller, kommunikativer geworden. Die Leitproduktivkraft ist das menschliche Gehirn (bzw. seine Fähigkeit zur Flexibilität, Ideenproduktion, Planung, Kommunikation, Empathie usw.). Diese kognitiv-emotionale Ausrichtung des Kapitalismus kann als derzeit höchste Stufe der Unterwerfung des Arbeitsvermögens unter das Kapital (Subsumtion) gesehen werden, aufbauend auf der breiten Basis aller weltweit und auch in unserem Land praktizierten Ausbeutungsverhältnisse auf niedrigeren Stufen der Subsumtion.

Die grundlegende Logik neoliberaler Ökonomie und Gesellschaftspolitik lässt sich in einem Begriffspaar zusammenfassen: Zerstörung und Aufbau, bzw. in einem Wort: Dekonstruktion. Dieses betrifft genauso ökonomische und soziale Zusammenhänge wie psychische Strukturen bis hin zu direkt messbaren Funktionen unserer Gehirne.

Die Zerstörungskraft (Destruktion) des neoliberalen Systems trifft diejenigen, die den Erwartungen an ihr »Humankapital« nicht genügen können, die Nicht-mehr-Gebrauchten, die »Abgehängten«, die in unzumutbare Erwerbsverhältnisse abgeschoben oder in Arbeitsagenturen gedemütigt werden. Zahlreiche schwerwiegende psychosoziale Folgen neoliberaler Destruktion werden zunehmend (auch unter Berücksichtigung der Ergebnisse moderner neurobiologischer Forschung) im Umfeld von Erwerbslosigkeit und prekären Beschäftigungsverhältnissen gefunden: Depressionen, Suchterkrankungen, Persönlichkeitsstörungen, schizophrene Erkrankungen, psychosomatische Erkrankungen. Dauerhaft abgekoppelt aus dem produktiven Sektor der Gesellschaft entsteht eine neue »Unterschicht«, deren Kinder, wenn nichts unternommen wird, mit erhöhter Wahrscheinlichkeit später ebenfalls den Nicht-mehr-Gebrauchten angehören. Erwerbslosigkeit kann über psychische Mechanismen »vererbt« werden, wenn die Entwicklungsbedingungen für Kinder die Merkmale der sozialen Not (social adversity) und der sozialen Ausgrenzung (social defeat) tragen. So haben z.B. Untersuchungen an Kindern alleinerziehender, erwerbsloser Mütter nachgewiesen, dass die vorpubertäre Umgestaltung der neuronalen Netzwerke des Gehirns (»Pruning-Phase«) verkürzt ablief. D.h, die erlebten negativen Bedingungen und der damit verbundene psychosoziale Stress haben dazu geführt, dass die für die Bewältigung der Anforderungen des Erwachsenenalters so wichtige Reifung nicht optimal stattfinden konnte.

Die konstruktive Kraft des neoliberalen Systems zeigt sich in dem propagierten »neuen flexiblen Menschentyp«, der gezwungen ist, sein »Humankapital«, d.h. seine in der Ökonomie einzusetzenden geistig-emotionalen Kräfte, beständig zu optimieren. Als Selbstunternehmer und Selbstvermarkter beutet er sich in multiplen Beschäftigungsverhältnissen selbst aus. Die gestuften Studiengänge (Bachelor /Master) bereiten darauf vor. Die Studierenden sind einer hohen Informationsdichte bei maximaler Auslastung des Lernvermögens ausgesetzt, müssen beständig eine hohe Anpassungsfähigkeit zeigen und in ihrem Handeln immer auf das jeweils zu erreichende Etappenziel, quantifiziert als der Erwerb von »Credit-Points«, ausgerichtet sein. Da aus neurobiologischer Perspektive das Studium in die Zeit des Abschlusses der Frontalhirnreifung (zweite Hälfte des dritten Lebensjahrzehnts) fällt, ist anzunehmen, dass die oben beschriebenen Bedingungen eine Disposition zu schnellen, wenig tiefen, zweckrationalen Entscheidungen begünstigen und die Entwicklung kritisch-emanzipativer Gedanken eher behindern mit der Folge, dass Konkurrenzdruck und Entsolidarisierung das weitere berufliche Leben bestimmen.

Es stellt sich die Frage: Wohin soll das alles noch führen? Kann gegen diese Entwicklung überhaupt noch etwas gemacht werden?

Zum Glück gibt es das, was man neuronale Plastizität nennt: Neuronale Netzwerke des Gehirns können sich beständig weiterentwickeln und positive Veränderungen in der Umwelt erfolgreich nutzen. Das Gehirn lernt immer. Die weltweite digitale Vernetzung und Einbeziehung von Wissenschaft, Kommunikation und Emotion hat die gesamte Arbeitswelt in den entwickelten Industriestaaten neu definiert. Diese Entwicklung birgt große Chancen, denn wir können in dieser wissens- und kommunikationsvernetzten Welt an einer Befreiung unserer Existenz vom kapitalistisch-neoliberalen Denken entscheidend mitwirken. Die Marx`sche Vorstellung von einem »General Intellekt« (i. S. einer kollektiven, sozialen Intelligenz) erscheint realisierbar. Weltweite Vernetzung und freier Zugang zu Wissen eröffnen neue Möglichkeiten des kritischen Diskurses auf interdisziplinärer, interregionaler und interkultureller Ebene. Eine Solidarisierung, auch über Landesgrenzen, scheint erreichbar. [ Burkhard Wiebel & Alisha Pilenko ]

Buchtipp:

B. Wiebel / A. Pilenko / G. Nintemann (Hrsg.)
Mechanismen psychosozialer Zerstörung
Neoliberales Herrschaftsdenken, Stressfaktoren der Prekarität, Widerstand
Broschur, 200 Seiten, 2011
VSA-Verlag

 


Kommentare

Cortex schrieb am 07.01.2014 um 21:25 Uhr

Schön, dass ihr euch auch Themen widmet, die von vielen Linken oft links liegengelassen werden. Dass dies in der Kürze nur "anreißend" erfolgen kann, liegt auf der Hand. Ein wenig unbedarft ist meines Erachtens die am Ende des Artikels geäußerte Hoffnung auf eine weltweite Vernetzung, die zur Überwindung der bestehenden, deformierenden Herrschaftsverhältnisse führen könne. Es ist wohl eher das Gegenteil anzunehmen. Durch die damit einhergehende Entkörperlichung der Kommunikation, wird einer weiteren Deformierung des Einzelnen weiter Vorschub geleistet.

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Aus den Kommentaren...

J. schrieb am 15.12.2013 zu
Arbeitskampf bei Krupp in Rheinhausen:

Auch wenn man von Bruckchen aus guten Gründen wenig hält, sowas hier ist denunziatorisch: "Betriebsratschef Bruckschen ging für die SPD in den ...