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Wilder Streik bei Ford-Köln 1973

Die Autonomie des Massenarbeiters

Freitag, 24. August 1973: »Auslösendes Moment des Streiks waren türkische Kollegen in der Y-Halle, die sich zu Beginn der Spätschicht weigerten, die durch die Entlassungen entstandene Mehrarbeit zu machen. Ein Türke, seit Jahren an diesem Bandabschnitt und von seinen Kollegen recht isoliert und als Kommunist verschrien, sollte zu Beginn der Spätschicht eine zusätzliche Operation übernehmen. Er reagierte, wie schon viele Kollegen in dieser Woche reagiert hatten: er motzte und schrie rum. Schließlich hörte er ganz zu arbeiten auf und schrie: ›Kollegen, wie lange sollen wir uns das noch gefallen lassen? Wann tun wir endlich was gegen die Schweinerei?‹ usw. In dem Augenblick, wo einer da war, der ihre Wut verbal ausdrücken konnte, waren die Kollegen zu gemeinsamem Handeln fähig. Das konnte man während des ganzen Streiks beobachten. Es dauerte nur ein paar Minuten, bis die ganze Y-Halle (Endmontage) streikte. Die Kollegen zogen durch die Y-Halle und formierten einen Streikzug, der durch das ganze Werk zog und die Spätschicht zum Streik mobilisierte. Nachdem der Zug durch die W-Halle [Motorenwerk] gekommen war, suchte sich ein deutscher Kollege ein Stück Pappe und einen Filzstift und begann die Forderung nach 60 Pfennig zu malen. Als die umherstehenden Türken das sahen, protestierten sie und sagten: ›60 Pfennig zu wenig – muss 1 Mark!‹ Dies ist die einzig wahre Version über das Auftauchen der 1-DM-Forderung während des Streiks.« (Arbeiterkampf 1973)

In den Medien wurde in offen rassistischer Weise gegen den Streik gehetzt (»Türken-Terror bei Ford«, und ängstlich: »Übernehmen Gastarbeiter die Macht?«) und damit die spätere Repression gegen diesen und andere wilde Streiks vorbereitet. Obwohl der Streik bei Ford bis heute oft isoliert hervorgehoben wird, war er Teil einer ganzen Welle von selbstorganisierten und autonomen Arbeiteraktionen im Jahr 1973, bei der in fast 350 Betrieben wild gestreikt wurde.

Schon immer hatten ArbeiterInnen selbstständig gehandelt und gegen den Willen der Gewerkschaften oder an deren sozialpartnerschaftlichen Kontrolle vorbei die Arbeit niedergelegt, um ihre Arbeits- und Lebensbedingungen zu verbessern (siehe Birke 2007). Aber solche wilden Streiks wurden kaum wahrgenommen, obwohl sie teilweise mehr Ausfalltage verursachten als die gewerkschaftlich kontrollierten Streikbewegungen. Das änderte sich mit den berühmten Septemberstreiks 1969, als 140 000 ArbeiterInnen vor allem aus dem Bergbau und der Stahlindustrie im Ruhrgebiet mit ihren Aktionen Lohnnachschläge durchsetzten, weil sich die Gewerkschaften unter dem Eindruck der Krise 1967/68 auf bescheidene Tariferhöhungen mit langer Laufzeit eingelassen hatten. Als 1969 die Konjunktur brummte und die Profite stiegen, ignorierten die Belegschaften die Verträge und forderten ihren Anteil.

Das Neue an der Streikwelle von 1973 lag darin, dass nun stärker die Arbeits- und Lebensbedingungen in den Mittelpunkt rückten und ein multinationales Proletariat als Subjekt der Kämpfe in den Vordergrund trat. Das »deutsche Wirtschaftswunder« beruhte in starker Weise auf dem – nicht nur durch Anwerbung kontrollierten, sondern auch autonomen (siehe Bojadžijev 2008) – Zustrom von Arbeitskräften aus Südeuropa, der Türkei, Nordafrika und Südkorea. Sie mussten die monotonsten, anstrengendsten und oft auch gefährlichsten Arbeiten in der boomenden Massenproduktion erledigen und wurden in Baracken und Wohnheimen eingepfercht – alles damit gerechtfertigt, dass sie nur für ein paar Jahre als »Gastarbeiter« in Deutschland bleiben würden, im Rahmen einer »Rotationsmigration«. Spätestens mit der Streikwelle von 1973 brach diese Rotation endgültig zusammen. Als die Regierung mit der beginnenden Weltwirtschaftskrise 1974 einen Anwerbestopp verhängte, ermutigte das die Migranten erst recht, ihre Familien nachzuholen und sich Wohnungen in den Städten zu suchen. Die Streiks von 1973 waren, trotz vieler Niederlagen, ein zentrales Moment des Widerstands gegen die rassistische Ausgrenzung, mit dem sich die Migranten in diese Gesellschaft »hineinkämpften«. Die Beziehungen zwischen den »deutschen« und »ausländischen« ArbeiterInnen entwickelten sich in den Streiks von 1973 sehr unterschiedlich. In einigen Fällen konnte die rassistische Spaltung überwunden werden und beide Belegschaftsteile führten den Kampf zusammen – wie etwa bei Pierburg in Neuss. Ford Köln war das extreme Gegenbeispiel.

Der unmittelbare Auslöser für den Streik war die Entlassung von 300 Arbeitern aus der Türkei, die zu spät aus dem Urlaub zurückgekommen waren. Da Flugreisen damals noch unbezahlbar waren, dauerte allein die Fahrt in die Türkei und zurück zwei Wochen, so dass die vier Wochen Betriebsferien kaum ausreichten. Nun sollte die Arbeit der 300 Entlassenen von den übrigen Arbeitern übernommen werden, was eine enorme Leistungsverdichtung bedeutete. Linke Gruppen – Spontis, Anarcho-Syndikalisten, K-Gruppen, Lotta Continua und türkische linke Organisationen – die damals bei Ford waren, diskutierten schon seit Wochen über Aktionen für eine Nachschlagforderung und hatten sich auf 60 Pfennig als Forderung geeinigt.

Vom Ausbruch des Streiks am Freitag wurden sie völlig überrascht. Etwa 17 000 der insgesamt 33 000 Beschäftigten schlossen sich ihm an – auch Deutsche und Italiener. Witzigerweise wurde der Streik am Samstag unterbrochen, um die Zulagen für die Sonderschichten mitzunehmen, was die linken Kräfte zweifeln ließ, ob der Streik weitergehen würde. Aber die Migranten streikten am Montag auf sehr aktive Weise weiter – sie besetzten die Fabrik und richteten sich in der Endmontage (»Y-Hotel«) ein, wo getanzt, diskutiert und gegessen wurde. Betriebsrat und Gewerkschaft agitierten mit Lautsprecherwagen gegen den Streik und ab Dienstag nahmen außer den linken Aktivisten kaum noch Deutsche am Streik teil. Die gewählte Streikleitung verlangte Verhandlungen über ihre Forderungen: Geringere Bandgeschwindigkeit, sechs Wochen Urlaub am Stück, eine Mark mehr für alle – aber die Unternehmensleitung lehnte kategorisch ab, und hatte den Betriebsrat auf ihrer Seite. Am Donnerstag, den 30. August, gelang ihnen zusammen und mit Unterstützung der Polizei der Gegenschlag. Eine arrangierte Demonstration von »Arbeitswilligen«, mit als Arbeiter verkleideten Werksschützern, griff den Umzug der Streikenden an, spaltete ihn und verhaftete die Streikführer. In der Folge wurden 100 entlassen und weitere 600 zur »freiwilligen« Kündigung gedrängt, ohne dass der Betriebsrat Widerspruch einlegte. Die Presse jubelte: »30 Verletzte: deutsche Arbeiter kämpfen Ford frei«. Der Streikführer Baha Targün wird 1975 verurteilt und später in die Türkei abgeschoben. Trotz dieser traumatisierenden Niederlage hatte der Streik die Arbeitsbeziehungen in der Fabrik nachhaltig verändert und zwang das Management wie die Gewerkschaft, nun stärker die Interessen der ArbeiterInnen aus der Türkei zu berücksichtigen.

Heute arbeiten bei Ford in Köln noch etwa 17 000 Beschäftigte. Die harte Arbeit in der Y-Halle ist nach wie vor stark migrantisch geprägt und ein großer Teil der Vormontagen wurde in einen Zulieferpark ausgelagert, der über ein großes Transportband mit dem Hauptwerk verbunden ist. Dort und auch in vielen Bereichen bei Ford selber arbeiten zunehmend LeiharbeiterInnen oder Werkvertragler. Auf diese Weise werden die ArbeiterInnen gespalten und kann die Arbeit intensiviert und Löhne gesenkt werden. Wilde Streiks müssen keine Kampfform der Vergangenheit sein.


Kommentare

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Aus den Kommentaren...

Sabcat schrieb am 01.10.2016 zu
Der Stift als Waffe:

Den Film "Tardi - Schwarz auf Weiß" gibt es hier: https://stream.realeyz.de/media/Tardi+-+Schwarz+auf+Weiss/1_dkcbp7ju/39865471